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Nachrichtenarchiv September 2008


Dienstag 30.09.08 - 17:30 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 24 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 56 % Luftdruck 1019 hPa
Höchsttemperatur heute 24,6 Grad - niedrigste Temperatur 18,2 Grad

Puntagorda 1.260 Meter, Temp. max. 28,5 - Temp. min. 8,8 - Feuchte 31 - 91 % - Niederschlag 0 mm


Ziviler Ungehorsam

Ein Schreckgespenst für Legislative und Exekutive und es gibt sicher keine Regeln oder gar Gesetze, wann denn ein solches Verhalten angemessen oder gar notwendig erscheint. - Auch aus der Geschichte wissen wir ja, dass Klassifizierungen, wer denn nun Terrorist, Freiheitskämpfer, Märtyrer oder Partisan ist, wohlmöglich noch mit späterem Ruhm oder Ehre verknüpft, oder mit ´zig Jungfrauen beschenkt, einzig und alleine davon abhängt, wer denn die Geschichtsbücher gerade schreibt. - Und schreiben wollen sie alle. - Gut, das waren Extrembeispiele, denn eigentlich beinhaltet das Wort ja bereits den Gewaltverzicht, nicht dass jemand auf die Idee käme, eben unter dem Hinweis auf Zivilen Ungehorsam den Knüppel aus dem Sack zu lassen, so einfach ist das nicht. - Also muss man schön vorsichtig sein, Zivilen Ungehorsam immer gleich als positives Beispiel von "Volksdemokratie" hinzustellen, das geht schnell mal in die völkische Hose. - Dennoch darf ich hier von einem gelungenen Fall von, eigentlich ungesetzlichem Verhalten einiger Bürger sprechen, welcher nun von wünschenswertem Erfolg gekrönt scheint. - Ja, so was gibt es auch. - Gerne würde ich ja davon berichten, dass mein Ziviler Ungehorsam gegen urbanistische Spekulation und internationale Geldschieberei erfolgreich war, aber dem ist nicht so, es interessiert eben einfach kein Schwein, nicht mal ein Meerschweinchen, dass ich keine Aktien habe und kein Grundstück in Marbella. - Ich habe eben drei ganz wichtige Instrumente vergessen, die Solidarität, so dass man im Verbund mit vielen ungehorsam sein kann, den "Guten Zweck" und die Pressewirksamkeit. - Jetzt aber endlich zum Thema, sonst glauben die Leute noch, ich hätte zu viel Zeit…

Die Eltern der 70 Schüler aus Puerto de Naos haben es eben durch Zivilen Ungehorsam nun geschafft, dass sie einen Lehrer mehr auf die Schule bekommen, obwohl ihnen dieser eigentlich nach der Anzahl der Pennäler eigentlich gar nicht zustehen würde. - Zumindest behaupten das die hiesigen Vertreter des provinziellen Schulamts und sagen, erst bei 78 Schülern in dem Unterstufenzentrum stünde ihnen ein weiterer Lehrer zu. - Die Eltern aber wollten sich damit nicht zufrieden geben, denn es geht ja schließlich um die Qualität des Unterrichts an ihren Kindern, (da haben wir den guten Zweck) und schickten die Kinder einfach nicht mehr zum Unterricht. - Und zwar alle, (da haben wir auch den Faktor Solidarität.) - Eine gute Woche ging das so, und die Presse spielte fleißig mit, seitens der Schulbehörde konnte man den Fall so nicht mehr ignorieren oder aussitzen. (Nun haben wir alle drei Bedingungen für erfolgreichen Zivilen Ungehorsam beisammen) Die Elternvertreter verhandelten zunächst mit dem lokalen Vertreter der Schulbehörde hier auf La Palma, aber das war fruchtlos, der wollte die Eltern lediglich auf die Gesetzeslage hinweisen und drohte sogar damit, die Sache an den Staatsanwalt weiterzureichen, wegen Verstöße gegen die Fürsorgepflicht der bösen Eltern, die ihre Kinder nicht in die Schule schicken, wo hier doch Schulpflicht herrscht. - Auch das nahm die Presse wieder auf und sofort regte sich natürlich der Volkszorn gegen den Vertreter der Schulbehörde hier, wie kann man es wagen, die besorgten Eltern in die Nähe von Kriminellen zu stellen, bloß weil die auf andere Art und Weise einen weiteren Lehrer für ihre Schule fordern. (Man sollte vielleicht als vierten Faktor für das gute Gelingen von Zivilen Ungehorsam noch aufnehmen, dass man am besten einen Trottel zum Gegenspieler hat, der auch noch Blödsinn in der Presse zitiert) - Nun kam ein Vertreter der Schulbehörde aus Tenerife und siehe da, noch diese Woche sollen die Eltern es schriftlich bekommen, es wird ein neuer Lehrer für die Schule kommen und zunächst bis Ende des Unterrichtsjahres bleiben. - Ein klares Chapeau geht an die 70 Eltern in Puerto de Naos, der Publikumspreis sowieso und wenn das Schule macht, dann haben wir an allen Schulen bald genügend Lehrer. - Dann müssen wir noch die Krankenhäuser abklappern und so lange nicht mehr krank werden, bis wir genügend Fachärzte haben und schon wird uns wieder klar, so einfach ist das gar nicht mit dem Zivilen Ungehorsam.



Dienstag 30.09.08 - 07:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 18 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 54 % Luftdruck 1018 hPa

Wer abreißt soll auch zahlen

Kaum ein Tag vergeht auf dieser Insel, ohne dass wir über den drohenden Abriss der als illegal bezeichneten Siedlungen an der Küste diskutieren. - Nachdem vor drei Tagen die Gemeinde Los Llanos einen Plan veröffentlicht hat, wie man denn erst Mal feststellen will, wer denn dort in El Remo und La Bombilla überhaupt richtig wohnt und dort seinen ersten und einzigen Wohnsitz hat, geht der Bürgermeister von Tazacorte gleich noch ein Stück weiter. - Da der Großteil des Ortes La Bombilla ja zu seiner Gemeinde gehört und nur ein kleiner Teil im Süden zu Los Llanos, muss er ja schließlich auch was dazu sagen. - Der hält sich nicht damit auf, dass man vielleicht erst Mal feststellen sollte, wer denn nun wirklich dort in La Bombilla wohnt und einzig auf diese Unterkunft angewiesen ist, seitens Tazacorte fordert man nun die staatlichen Stellen auf, Ersatzwohnungen zu schaffen und bis das nicht erledigt ist, die Abrisse einzustellen. - Im Moment wird eh nicht abgerissen, es haben sich erneut juristische Geplänkel aufgetan und die Küstenbehörde ist etwas unsicher geworden, wie denn nun die vielen noch ausstehenden Gerichtsurteile ihr Tun beeinflussen könnten oder werden.

Um juristische Feinfühligkeiten hat man sich aber seitens der Gemeinde von Tazacorte noch nie groß gekümmert, man will nun den größtmöglichen Nutzen aus der Situation schlagen. - Den Abriss der Siedlung, den befürwortet man im Rathaus mit seltener Frechheit, allerdings ist man dort der Meinung, wer abreißt, der soll auch dafür bezahlen und die dann obdachlos werdenden Bürger unterbringen. - Für die Küstenbehörde ist diese Lösung nun wiederum eine absurde Vorstellung, einmal haben die lokalen Behörden sich um die Unterbringung der wohnungslosen Menschen zu kümmern und seit wann werden Entschädigungen oder Ähnliches bezahlt, wenn Behörden Schwarzbauten abreißen lassen. - Im Gegenteil, das hagelt dann eigentlich Strafen noch obendrein und der Abriss muss natürlich auch vom Erbauer der illegalen Immobilie bezahlt werden. - Er darf es auch selber machen, was allerdings in der Praxis so gut wie nie geschieht. - Da stehen sich jetzt zwei sehr konträre Ansichten gegenüber, so zu sagen kaum verhandlungsfähige Meinungen, aber das verdeutlicht vielleicht auch das komplexe Wirrwarr um Zuständigkeiten, Schuld, Verstoß und der Frage, wie legal kann man in illegalen Siedlungen wohnen und leben. - Da kann man nämlich den Ball auch wieder den Gemeinden zuspielen, die haben doch die Siedlungen mit Strom und Wasser versorgt und seit Jahrzehnten zugesehen, wie dort auf fremdem Boden gesiedelt wurde. - Eigentlich könnte man sich den gesamten Zirkus sparen, niemand hier, außer den Involvierten und Beteiligten an einigen touristischen Großprojekten an der Küste fordert, dass man diese Siedlungen abreißen soll, die tun doch keinem was und stören auch niemanden. - Sie passen einfach nicht ins Bild einer touristischen Konfektion und um diese "kataloggerecht" herzustellen, führt man Gesetze heran, die eigentlich zum Schutz der Küsten erlassen wurden und Großprojekte zu nahe am Meer verhindern soll. - Nun aber wendet sich das gleiche Gesetz gegen gewachsene Wohlsiedlungen, die zum Teil dort bereits seit mehreren hundert Jahren stehen. - Vielleicht sollte man das Gesetz überdenken, Küstenschutz hat nämlich trotzdem nicht funktioniert, denn Hütten abreißen aber Paläste stehen lassen, weil die die besseren Anwälte haben, das kann nicht im Sinne eines wirksamen Küstenschutzes sein.


La Bombilla, vom Atlantik aus gesehen



Montag 29.09.08 - 19:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 22 Grad, Niederschlag 5 mm Luftfeuchte 76 % Luftdruck 1018 hPa
Höchsttemperatur heute 23,8 Grad - niedrigste Temperatur 19,1 Grad

Se vende

Ein Schild mit einer solchen Aufschrift hat jeder schon mal gesehen. - Sei es nun an einem Haus oder Grundstück, oder auch an einem Auto, welches einen neuen Besitzer sucht. - Wer es gar nicht weiß, "se vende" heißt einfach und schlicht "zu verkaufen". - In den letzten Jahren findet man immer mehr Autos, mit dieser Aufschrift in den Straßen unserer Städte. Die "Kleinhändler, die sich mit Autoverkäufen über Wasser halten, nutzen die kostenlose Stellfläche der Parkplätze der Gemeinden und warten dann eben darauf, dass ein Interessent anruft. - Das hat nicht nur den Groll viele angesiedelter Händler heraufbeschworen, die zum Teil illegale Konkurrenz hinter den Autoverkäufern vermuten, sondern die abgestellten Fahrzeuge belegen einfach Parkplätze, die dann für Besucher und vor allem Kunden des Ortes nicht mehr zur Verfügung stehen. - Damit will Los Llanos nun Schluss machen und ab morgen tritt eine Verordnung in Kraft, welche es den fliegenden, oder vielleicht besser stehenden Händlern verbietet, ihr Fahrzeug auf öffentlichen Straßen zum Verkauf anzubieten. - Die Aussteller werden dann angerufen und aufgefordert das Fahrzeug zu entfernen, sonst wird es abgeschleppt und kann dann nur nach Zahlung eines Strafgeldes wieder abgeholt werden. - Das bedeutet allerdings nicht, dass man nun sein Auto welches man verkaufen will, nicht mehr mit einem Zettel "se vende" versehen darf und damit nach Los Llanos fahren, wer sein Auto bewegt, dieses also weiterhin nutzt, nur eben auch verkaufen will, der hat nicht zu befürchten. - Die Stadtpolizei bekommt das schon mit, welches Auto tagelang unbenutzt auf irgendeinem Parkplatz steht und das nur aus dem Grund verkauft zu werden, oder welches Fahrzeug weiterhin normal bewegt wird, aber dennoch verkauft werden soll.

Gut, man wird sehen, ob die Straßenhändler dann die zum Verkauf stehenden Wagen, schneller umstellen können als die Polizei abschleppen kann, aber man muss dabei schon bedenken, wie die Rechtslage aussehen kann, falls die Stadt nicht beweisen kann, dass dieses oder jene Fahrzeug nicht dauerhaft benutzt wird, sondern nur zum Verkauf auf die Straße kommt. - Das ist nicht unser Problem, die Stadt Los Llanos wird damit schon ihre Erfahrungen machen. - Vielleicht ist es auch eher der Druck der niedergelassenen Autohändler, die ihre Fahrzeuge halt in teuren Läden ausstellen und in der momentanen Flaute auf dem Sektor ungnädig auf die lästige Konkurrenz von der Straße schielen. - Alleine wegen der Parkplätze kann es eh nicht sein, das Parkhaus steht ja nun zur Verfügung und für kleine 90 Cent in der Stunde kann man dort im Zentrum parken. - Vielleicht verschwinden ja die Händler nun auch aus Los Llanos und parken ihre Autos in Tazacorte oder El Paso, um diese dort dem Publikum zu zeigen, wir werden mal abwarten müssen, was diese Aktion bringt. - Darüber hinaus will man sich auch wieder der Autowracks annehmen, die einfach von ihren Besitzern am Straßenrand endgültig geparkt wurde. - Da will man nun auch die ehemaligen Halter ermitteln und dann Strafen verteilen, die Autos abschleppen lassen und auf der Schrottsammelstelle nahe dem Punto Limpio die Autos zwischenlagern, bis diese dann korrekt entsorgt werden können. - Unsere Stadt soll sauberer und schöner werden, heißt es mal wieder aus Los Llanos und ich könnte mir vorstellen, dass es nun lustige "Autoschieber und Gendarmenspiele" auf den Straßen von Los Llanos geben wird. Wie schön, dass ich mein Auto nicht verkaufen muss, so kann ich auch ganz ohne schlechtes Gewissen einen Parkplatz in Los Llanos belegen, sollte ich denn einen finden…



Montag 29.09.08 - 07:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 19 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 69 % Luftdruck 1018 hPa

Lieber die Jungfrau als den Erzengel

Früher, als alles anders war und nur manches besser, da feierte man den heutigen "Día de San Miguel Arcángel" als höchsten Inselfeiertag. - Schließlich, und das sollte man trotz aller Eile und dem progressiven Wunsch nach Schlagwörtern und Abkürzungen nicht vergessen, heißt diese Insel San Miguel de La Palma und nicht einfach nur La Palma. - Das ist eigentlich nur eine Abkürzung und nimmt man es mal ganz genau, dann heißt diese Insel eigentlich San Miguel und das La Palma deutet lediglich darauf hin, dass der Brauch um die Verehrung des heiligen Michel von dem mallorquinischen Teil der Eroberer stammt und an deren Hauptstadt Palma de Mallorca erinnern soll. - So könnte man die, heute als kompletten Namen benutzte Bezeichnung für diese Insel "La Palma", sogar als kolonialen und Besitz anzeigenden Appendix unseres eigentlichen Namen werten. - Das bekommt man aber nicht wieder raus, muss man auch nicht, zu sehr hat sich das schnörkel- und heiligenlose "La Palma" im täglichen Sprachgebrauch durchgesetzt. - Das hat vielleicht auch noch einen weiteren Hintergrund, der Erzengel Michael ist zwar eigentlich und offiziell auch der Schutzpatron dieser Insel, hat aber in der devotionalen Gunst der Einwohner eindeutig das Rennen gegen die "Virgen de Las Nieves" verloren.

So hat man sogar irgendwann den Tag des Namensgebers dieser Insel als Feiertag abgeschafft, dafür aber den "Día de Las Nieves" dazu auserkoren und Wenige, eigentlich nur noch die Historiker und die Leute aus Tazacorte, mucken wegen eines solch weltlichen Putsches gegen das Himmelspersonal auf. - Der heutige "Día de San Miguel Arcángel" ist somit nur noch in Tazacorte offizieller Feiertag, denn der gute Engel hat noch eine doppelte Last zu tragen, er ist auch noch Schutzpatron dieser Gemeinde im Aridanetal. - Ob man dem Erzengel nun eine solche Doppelbelastung nicht mehr zumuten wollte, ich weiß es nicht, denn meines rudimentären katholischen Wissens nach, sind Engel durchaus multitaskingfähig und können sich um mehrere Gemeinden und Inseln als Schutzpatronen gleichzeitig kümmern. - Es wird wohl einfach so sein, dass die Virgen de Las Nieves das Casting "La Palma busca su Supersanto" gewonnen hat, denn die bietet mit der alle 5 Jahre stattfindenden "Bajada-Show" ganz einfach die bessere "Performance". - Dabei wäre der Erzengel Michael, als Anführer der Himmlischen Heerscharen und durchaus wehrhafter Zeitgenosse, doch ein brauchbarer Vertreter als Schutzpatron, aber dieses Argument scheint nicht alle zu überzeugen. - Der Michel ist ja auch noch der Schutzpatron der Soldaten, also ein wirklich viel beschäftigter Mann, so erklärt es sich vielleicht auch, warum an dem Tag immer Düsenjäger über den Ort Tazacorte fliegen und einige Pirouetten in den weltlichen Himmel über die Gemeinde schreiben. - Es ist übrigens nicht unüblich bei uns, Heilige und Schutzpatrone in der Gunst der Bevölkerung auszutauschen, auch bei uns in El Paso verehrt man die "Virgen de el Pino" mehr, als die eigentliche Schutzpatronin der Gemeinde, die "Virgen de la Bonanza". - Das hat nun nichts mit der bekannten Fernsehsendung zu tun, sondern eine "Bonanza" ist eine Gute Zeit, ein Abschnitt des Wohlstands aber auch die Ruhe nach dem Sturm. - Unsere "Bonanza" kommt dann immer morgens, wenn die Kinder in der Schule sind, alle drei Katzen gefüttert, der Telefonhörer neben die Gabel gelegt ist und wir uns den zweiten Kaffee des Tages in aller Ruhe gönnen. - So einfach ist das mit den Heiligen und ich verehre jegliche "Bonanza", es muss auch nicht mal eine Jungfrau sein.


F18 Hornets aus Gando (Gran Canaria) über La Palma am Día de San Miguel


F18 Hornets aus Gando (Gran Canaria) über La Palma am Día de San Miguel



Sonntag 28.09.08 - 18:30 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 27 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 62 % Luftdruck 1019 hPa
Höchsttemperatur heute 27,7 Grad - niedrigste Temperatur 19,2 Grad

Puntagorda 1.260 Meter, Temp. max. 28,5 - Temp. min. 13,0 - Feuchte 31 - 72 % - Niederschlag 0 mm


Heißer Endkampf um das Monsterteleskop

Bislang reden noch alle vom "Grantecan", dem dann größten optischen Spiegelteleskop der Welt, welches wohl kommendes Jahr seinen Dienst auf dem höchsten Berg unserer Insel aufnehmen wird. - Mit einem Primärspiegel von 10,4 Metern übertrifft es allerdings die nächst größeren Teleskope nur um ein paar Zentimeter, aber immerhin, wir wissen ja, dass oft nur wenige Zentimeter ausschlaggebend sind. - Läuft für La Palma alles glatt, dann könnte das "Grantecan" aber bald, allerdings nicht so bald, sich wie ein Zwerg neben dem "ELT" fühlen, dem "Extremly Large Telescope", dem absoluten Monsterprojekt der europäischen "ESO" (European Southern Observatory) mit Sitz in Garching. - In der Tat planen die Herren Astrophysiker ein Teleskop mit einem Primärspiegeldurchmesser von sage und schreibe 42 Metern, also mehr als viermal so groß wie das "Grantecan". - Man sprach sogar mal von einem Monster von an die 100 Metern Durchmesser, das wäre aber wohl zu teuer und die Bauzeit, sowie die Finanzierung zu langwierig. - Dass die "ESO" nun das 42 Meter Teleskop bauen wird, das steht eigentlich fest, aber noch nicht einhundertprozentig wo, aber man darf es ruhig verraten, La Palma hat ausgezeichnete Chancen von der "ESO" als Standort ausgewählt zu werden. - Konkurrenten gibt es noch drei, je einen Standort in Argentinien und in Chile, sowohl im Atlasgebirge Marokkos, aber Chile und La Palma gelten wohl als Favoriten. Das "IAC" (Instituto Astrofísico de Canarias), Betreiber der beiden Sternwarten auf La Palma und Izaña auf Tenerife geben sich, zusammen mit den Verantwortlichen in Madrid auch alle erdenklich Mühe, die "ESO" davon zu überzeugen, dass man diesen weiteren Meilenstein der Astrophysik auf jeden Fall in Spanien haben will, aus diesem Grund ist man vor Jahren sogar extra Mitglied im teuren und sehr exklusiven Club der "ESO" geworden.

Aus den berühmten "gut informierten Kreisen" meint man schon zu wissen, dass es nur noch eine Formsache sei, das Teleskop nach La Palma zu holen, da die ESO, welche bereits Observatorien auf der Südhalbkugel betreibt, nun einen Standort im Norden bevorzugt, um salopp gesagt, den Himmel auch mal aus einer anderen Warte zu betrachten. - Für La Palma bedeutete das den Hauptgewinn in einer Lotterie, denn was solch ein Projekt nicht nur an Investitionen nach sich zieht, sondern welchen Werbefaktor dieses Teleskop für die Region spielen würde, das kann man weder mit viel Geld oder gar mit Golfplätzen und All-inklusive Hotels erreichen. - Allein in der Bauzeit, die wohl gute 15 Jahre betragen würde, entstünden richtig viele Arbeitsplätze in unserer so geschundenen Baubranche und die Nachfolgeaufträge, die solche ein Projekt mit sich bringt, können vielen Menschen Arbeit und damit Brot verschaffen. - Plant man das richtig weiter und begleitet dann den Wissenschaftsstandort La Palma mit weiteren Instituten der Hochtechnologie und verpasst uns sogar noch universitäre Fakultäten in Physik und verwandten Bereichen, dann sieht unsere Zukunft, und damit meine ich jetzt nicht mehr meine absehbare Zeit auf dieser Insel, sondern die Generationen meiner Kinder, wieder mit fast rosaroten Augen. - Eine Milliarde Euro würde der Bau dieses Teleskops nach La Palma spülen, eine Investition ohne gewaltige Opfer in Sachen Landschaftsverbrauch oder brachialer Änderungen, da dort oben auf dem Roque eh schon 14 Teleskope stehen und der dafür vorgesehene Platz einfach da ist. - Solch eine Chance darf man sich nicht entgehen lassen und wenn La Palma mal die Insel der Hochtechnologie ist, und nicht Klein-Schilda mit den vielen Golfplätzen für Katalogpublikum der Pseudoschickeria, dann kann doch gar nichts mehr schief gehen. - Na ja, ich habe schon Pferde in Apotheken tanzen sehen, aber solch ein Projekt, das darf man nicht vermasseln, auch wenn wir da große Spezialisten sind, so wie wir das schon einige Male bewiesen haben.



Sonntag 28.09.08 - 10:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 20 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 64 % Luftdruck 1018 hPa

Noch mehr Hafen

Der Traum der Westseite der Insel, endlich auch einen funktionierenden Hafen zu haben in dem auch große Schiffe anliegen können, bleibt weiter bestehen. - Allerdings liegen wir einfach auf der, in diesem Fall falschen Inselseite, da jeglicher Transport von und nach La Palma über Tenerife oder dem Festland direkt abgewickelt wird, bedeutet das Anlaufen des Hafens von Tazacorte einen Umweg von an die zwei Stunden, gegenüber unserem bereits florierenden und gut funktionierenden "Ersten Hafen" in der Hauptstadt Santa Cruz. - Es ist also unrealistisch anzunehmen, dass irgendeine Passagier- oder Frachtroute den Hafen von Tazacorte anlaufen wird und auch Kreuzfahrtschiffe werden sicher lieber die Hauptstadt anlaufen, dort gibt es ja einiges zu sehen für die Passagiere. - Man müsste sich das nur mal vorstellen, da stürmen 2.500 weißbeinige Briten im vorgerückten Kompostierungszustand den kleinen Ort Puerto de Tazacorte und wollen dort alle einen Tee oder ein Ginger Ale trinken. - Oder auch das juppig-quirlige Erlebnis-Fun-Event-Publikum der Aida-Klasse, was bitte sollen die, einen ganzen Tag da in dem verträumten Hafen? - Macht nichts, das wird die Marktwirtschaft regeln, so wie die das bisher auch schon mit dem "neuen-alten" Hafen gemacht hat, auch dort hat kein Schiff jemals ohne Subventionierung oder Einladung angelegt, ohne die Insel zu drehen wird das nichts. Nun legt man aber noch mal nach und verlängert die Gesamtfläche der Hafenmole von bislang 770 Meter, auf dann stolze 1.250 Meter und hofft so, dann endlich auch freilaufende große Schiffe mal einzufangen. - Das hat man bereits bei der ersten Verlängerung der Hafenmole so gehofft und weil Spontaneität für viele erst beim zweiten Mal begreifbar wird, geht es nun in die nächste Runde der unnötigen Verlängerung irgendwelcher Inselgliedmaßen.

Der "neue-neue" Hafen wird aber richtig groß, eben auch viel breiter und so muss man doch nicht immer mitteleuropäisch-griesgrämig nach Sinn oder Nutzen fragen, wir bekommen das Ding geschenkt und können es nach Belieben dann für unsere paar Fischkutter oder die wachsende Zahl von Sportbooten nutzen, denn die Weltfinanzkrise scheint an La Palma vorbeigeschippert zu sein… - Wenn man das Bild richtig deutet, dann muss man aber die "neue-alte" Hafenmole erst mal wieder weg hauen, welche eigentlich das jetzige Wahrzeichen des Hafens ist und erst im Jahr 2002 für an die 30 Millionen Euro erstellt wurde. - Macht auch nichts, dem geschenkten Hafen guckt man nicht in die Mole und sicher hilft der neue Platz im Hafen "Puerto de Tazacorte" zum größten Sporthafen unserer Insel La Palma werden zu lassen und damit touristisches Interesse an dem kleinen Ort deutlich zu erhöhen. - Warum man uns solche Ideen und Pläne unter dem dumpfbackigen Argument eines Fähr- und Frachthafens verkaufen muss, das darf man dahingestellt lassen, aber vielleicht ist es ja bereits Tradition auf La Palma und den anderen Kanareninseln, dass man große Projekte sinnverschleiert an das Wahlvolk bringen muss, um sich nicht dem Vorwurf der Verschwendung auszusetzen. Man muss sich nur mal vorstellen, wie groß die Empörung wäre, wenn es hieße, wir haben mitten in einer Weltfinanzkrise noch 54 Millionen Euro übrig um unseren Yachthafen zu vergrößern. - So viel wird das nämlich mindestens kosten und aus der Planungs- und Genehmigungsphase ist man auch längst raus, der Auftrag wurde bereits an einen temporär begrenzten Firmenverbund von Dragados, Drace und Traysesa vergeben und man wird in Kürze auch bereits anfangen, das neue, und deutlich größere Phallussymbol der Westseite in den Atlantik zu werfen.


Der neue-neue Hafen in Puerto de Tazacorte

Der alte-neue Hafen in Puerot de Tazacorte




Samstag 27.09.08 - 19:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 27 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 64 % Luftdruck 1018 hPa
Höchsttemperatur heute 28,2 Grad - niedrigste Temperatur 20,6 Grad

Puntagorda 1.260 Meter, Temp. max. 27,0 - Temp. min. 15,0 - Feuchte 31 - 68 % - Niederschlag 0 mm


Hauseigentümer gesucht

Die Geschichte um den Abriss der "illegalen" Siedlungen hier auf La Palma ist natürlich ein Dauerthema und beschert uns wöchentlich neue Kapriolen und Weissagungen, nicht aber wirkliche Neuigkeiten oder gar endgültige Entscheidungen. - Allerdings scheint klar zu sein, dass die Küstenbehörde weiterhin das Recht komplett auf ihrer Seite sieht und nur noch verfahrenstechnische Abhandlungen und Einsprüche der Einwohner, den tatsächlichen Abriss verzögern können, nicht aber komplett aufhalten. - Das ist auch der Tenor bei den Gemeinden, die schon lange nicht mehr, oder besser noch nie, den Abriss verhindern wollten, wohl aber notgedrungen nach Lösungen für die Anwohner dort, suchen wollen. - In dem Zusammenhang darf man immer wieder erwähnen, dass man sich seitens der Betroffenen, aber auch der, mehr oder weniger objektiven Beobachter einig ist, die Verwaltungen der drei bislang betroffenen Gemeinden, Fuencaliente, Los Llanos und Tazacorte sind sogar deutlich für den Abriss der Siedlungen. - Man darf auch so weit gehen und vermuten, dass die Gemeinden die treibenden Kräfte gewesen sind, welche die Siedlungen bei der Küstenbehörde angekreidet haben. - Hintergrund dabei wäre, Strände oder Zugänge zum Meer, wie eben die Playa Nueva und La Bombilla für touristische Investoren frei zu machen, welche dann die Gemeindesäckel besser füllen würden, als wilde und halblegale Siedlungen. - So kann man den Schwarzen Peter der staatlichen Küstenbehörde überlassen und gerät als Gemeinde nicht in Verdacht, gegen die eigene Bevölkerung zu agieren. - Aber wie gesagt, das sind Vermutungen welche aber von vielen laut ausgesprochen werden und schon deutlichen Sinn machen würden. - Wie gesagt, es bleibt halt auffällig, dass keine der Gemeinden ernsthaft versucht hat, den Abriss der Hütten und Häuser mit Ernsthaftigkeit zu verhindern, was aber doch Aufgabe der lokalen Verwaltungen gewesen wäre, wenn man denn davon ausgeht, dass Bürgermeister und Gemeinderäte zunächst nichts anderes zu tun haben, als die eigenen Bürger zu vertreten, notfalls auch gegen fragwürdige Gesetze und besonders gegen die Anwendung dieses Gesetzes nach immerhin nun 20 Jahren Wartezeit.

Wir werden das aber nicht endgültig klären, das ist Sache für Vollzeitjuristen, die aber doch mal darüber sprechen müssten, ob es denn nicht so etwas wie Bestandsschutz gibt, denn die allermeisten Siedlungen und Häuser stehen schon länger dort, als es das Küstengesetz gibt, welches 1988 in Kraft getreten ist. - Nun macht die Gemeinde Los Llanos einen erneuten Versuch die Verhältnisse in El Remo und La Bombilla etwas transparenter zu machen. - Man möchte nun feststellen, wer denn von den dortigen Einwohnern noch anderen Wohnraum auf La Palma besitzt, und so auch woanders unterkommen könnte. Dazu will man die Namen der Hauseigentümer in den Siedlungen mit den Listen des "Registro de la Propiedad" abgleichen, wo im besten Falle alle Hauseigentümer auf dieser Insel registriert sind. - Hintergrund dieser Aktion, man möchte so feststellen, wer denn nun wirklich in El Remo oder La Bombilla seinen einzigen Wohnsitz hat und so auf irgendeine Weise entschädigt, oder umgesiedelt werden muss. - Allerdings sind die Daten im Eigentümerverzeichnis der Insel alles andere als komplett oder aktuell, das wirre, oder vielleicht sanfter ausgedrückt, phantasievolle spanische Immobilienrecht macht es nicht zwingend nötig, dass sich alle Grundeigentümer in das "Registro de la Propiedad" eintragen lassen müssen. - Man darf also wohl fürchten, dass man so keinen echten Überblick über die tatsächlichen Eigentumsverhältnisse der Einwohner, der in Frage stehenden Siedlungen bekommt, denn keiner der dortigen Hauseigentümer wird freiwillig zugeben, dass er noch ein Schlösschen oder Häuschen anderswo auf der Insel hat und so für eine Entschädigung oder Ersatzwohnung in neu zu schaffenden Urbanisationen nicht mehr in Frage kommt. - Denn eines ist klar, auch wenn die Siedlungen vielleicht nicht mehr zu retten sind, die Einwohner werden versuchen sich so teuer wie möglich zu verkaufen und auf Entschädigungen oder eben Umsiedlungen bestehen. - Wir werden noch viel weiteren Stoff für ganz viele Vermutungen und Schachzüge der einzelnen Lager auf uns zukommen lassen, langweilig wird das nicht, leider aber völlig unnötig.



Samstag 27.09.08 - 09:30 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 21 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 65 % Luftdruck 1016 hPa

Global denken, lokal handeln

Es gibt so viele nette Sprüche für sämtliche Rezessionen und Weltfinanzkrisen, da muss einem als Bürger doch gar nicht bange werden. - Wobei wir ja schon noch mal nachfragen sollten, was uns eigentlich die kleinen Malheure angehen, welchen ein paar unglücklichen Bankern in den Vereinigten Staaten von Amerika sicher aus Versehen so passiert sind. - Allerdings kommen diese milliardenschweren Vorfälle genau zur richtigen Zeit, kann man doch so von selbst gestrickten Problemen ablenken und immer auf irgend eine Art und Weise den Zusammenhang von lokalen Malessen mit der ominösen Weltfinanzkrise erklären. - Das ist in den allermeisten Fällen zwar ausgemachter Blödsinn, funktioniert aber dennoch vortrefflich und ist immer noch ausbaufähig. - Neulich in der Kneipe, der Kaffee war nur lauwarm und als Antwort auf meine Reklamation, kam die Kellnerin mit einem panischen Gesichtsausdruck auf mich zu und stammelte was von Weltfinanzkrise und ich solle mich nicht so anstellen, wir müssen nun alle den Gürtel etwas enger schnallen. - Ich habe auch gleich verstanden und kein Trinkgeld gegeben und augenblicklich beschlossen, dass man nun alle Atomkraftwerke bis ins Jahr 2124 laufen lassen sollte und der Hartz IV Satz sofort auf die Hälfte gesenkt werden muss, schließlich sind da ein paar arme Banker in eine peinliche Situation geraten, unverschuldet natürlich - wer kann denn schon mit einer Weltfinanzkrise rechnen - und die brauchen nun unsere gemeinsame Anteilnahme, gesammelte Aufmerksamkeit und natürlich die Steuergelder. - Als meine Frau vom Friseur zurückkam, war auch die völlig verstört, die Weltfinanzkrise ist sogar bis in den Salon ihrer Wahl gedrungen, dort hat man Wasser und Strom abgestellt, um ein Signal der Solidarität zu setzen, wir müssen nun alle unsere bisherige feudale Lebensart grundsätzlich ändern und können doch nicht einfach so weiter machen wie bisher. - Was eigentlich wirklich passiert ist, das konnten die netten, aber sichtlich erschütterten Damen vom Salon eigentlich auch nicht erklären, aber man spürt die Rezession doch geradezu überall und an jeder Ecke lauern.

Allerdings gibt es auch in diesen Zeiten Helden und Leitfiguren, die sich mutig und unerschrocken dem weltweiten Sog der schlechten Laune und der noch schlechteren Zahlungsmoral entgegenstellen, und eine positive Nachricht nach der anderen an die bereits fast ausgetrocknete Optimistendrüse der Bevölkerung sendet. - Einer dieser Helden in der Weltfinanzkrise ist der beliebte Juan Ramón der Zweite aus Los Llanos, seines Zeichen Bürgermeister aus Gnade seines allmächtigen Vorgängers, Juan Ramón der Erste, welcher nun den verantwortungsreichen Posten des Rates für Infrastruktur im Provinzparlament übernommen hat. - Unser Held hat gleich mehrere Patente auf Lager und vielleicht können wir diese Rezepte auch in alle geplagte Welt exportieren, damit endlich wieder ein empathischer Ruck durch diese so gebeutelte Finanzwelt geht. - Gute Laune ist angesagt und Konsum, das kann helfen meint der Wirtschaftsfachmann und hat damit natürlich Recht. - Nun muss man nur noch dafür sorgen, dass die gut gelaunten Menschen auch Geld haben zu konsumieren und da fällt dem jungen Fuchs auch schon wieder etwas Geniales ein, er möchte den Bausektor wieder zu alter Blüte verhelfen, in dem man La Bombilla und El Remo erst abreißt und dann schöner, gerader, betoniger und progressiver wieder aufbaut. - Allerdings ist es ihm nicht geglückt, in seinen Nobelpreis verdächtigen Vortrag die Vokabeln nachhaltig und sozialverträglich einzubauen, aber wenn man mal genau die letzten Monate studiert, dann sind diese Worte auch längst schon nicht mehr en vogue, das Einzige was noch nachhaltig erscheint, ist der Steuermittelbedarf unverschuldet in Schieflage geratener Finanzinstitute. - Dabei hat man hier, und nicht nur hier, sondern fast überall in Spanien viel zu viele Immobilien erbaut und nun gehen uns einfach die Menschen und Geschäfte aus, welche diese Gebäude denn nutzen sollen und mit der Weltfinanzkrise hat das so viel zu tun wie ein Golfplatz mit einem Weltbiosphärenreservat. - Aber vielleicht sollte man das gar nicht so an die große Glocke hängen, es ist doch ganz praktisch, wenn die Schuld global verteilt werden kann, dann fallen doch unsere lokalen Schildbürgerstreiche gar nicht mehr auf. - Das kann im Großen auch für Deutschland gelten, das gibt es doch auch schon exklusive Vorabmeldungen einer Krisensichtung außerhalb des Verantwortungsbereiches der Berliner Fürsten. - Also liebe Hartz IV Empfänger, die Schuld liegt nicht bei der Bundesregierung, das haben wir nun geklärt und jetzt müssen alle fröhlich lächeln und reichlich konsumieren und sicher findet sich auch jetzt wieder eine halbprominente Pappnase, die einem vorrechnen will, dass auch ein Hartz IV Empfänger doppelt so viel Geld ausgeben kann wie er bekommt. - Es sind harte Zeiten in der Weltfinanzkrise, da muss jeder seine Opfer bringen, zumindest der, der sich kein Auto leisten kann, um nach Liechtenstein zu fliehen.



Freitag 26.09.08 - 19:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 27 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 43 % Luftdruck 1016 hPa
Höchsttemperatur heute 28,8 Grad - niedrigste Temperatur 21,2 Grad

Puntagorda 1.260 Meter, Temp. max. 26,2 - Temp. min. 15,7 - Feuchte 31 - 56 % - Niederschlag 0 mm


Die neuen Kleider der Hauptstadt

Zwischen Felsen und Meer eingeklemmt bleibt der Stadt wenig Raum sich zu entfalten. - So ist die Hinwendung an den Atlantik eine vorgegebene Geschichte und in der Tat gibt es keinen weiteren Ort auf dieser Insel, welcher so viel maritimen Charakter versprüht wie unsere Hauptstadt Santa Cruz de La Palma. - Allerdings hat man sich durch den Bau des Parkplatzes am Meer selbst von diesem abgeschnitten und wirklichen Zugang zum Wasser findet man in der Hauptstadt überhaupt nicht mehr, selbst der kleine Strand, der früher auf der östlichen Seite des Hafens noch einen Rest von Bademöglichkeit gab, ist inzwischen unter Stahlbeton verschwunden und vom Frachthafen eingenommen. - Das soll nun alles ganz anders werden, eine nicht ganz neue Vision ist inzwischen zum Projekt geworden, welches nicht nur die Silhouette der Hauptstadt, sondern auch den Flair dieses geschäftigen Ortes verändern wird. - Man will in der Tat auf der kompletten Küstenlinie vom Hafen angefangen bis hin zum Festungsbau "El Castillete" einen Strand schaffen, der auf einer Länge von 550 Metern dann nicht nur den Einwohnern der Hauptstadt dienen, sondern auch noch Badegäste nach Santa Cruz locken soll. - Mit einem kühnen Deich will man die ständig aus Nordost anbrausende Brandung zähmen und dahinter soll sich dann ein bis zu 110 Meter breiter Sandstrand öffnen, welcher mit 720.000 Kubikmeter schwarzem Lavasand bedeckt sein wird.

- Übrigens will man sich den Sand aus Puerto de Tazacorte holen und ich bin mir nicht sicher, ob man denn da schon mal mit dieser Idee angefragt hat. - In der Tat ein gewaltiges Vorhaben, was für Santa Cruz sicherlich zu einer Veränderung von der reinen Verwaltungs- und Geschäftsstadt, hin zu touristischem Interesse führen kann. - So tragen auch fast alle öffentlichen Bereiche diese Pläne begeistert mit, lediglich seitens der Umweltschützer gibt es Bedenken, die sich aber mehr auf die Machbarkeit dieses kolossalen Vorhabens beschränken, als auf eine mögliche Schädigung der Meeresflora und Fauna vor der Küste. - Da, wo der Strand zukünftig hin soll, da befindet sich heute der größte Parkplatz der Stadt und man hat dieses Gelände aufgeschüttet, sollte man also von einer Beeinträchtigung der Umweltbedingungen an der Küste sprechen wollen, dass ist längst geschehen und der Strand würde keine weiteren negativen Folgen bringen. - Allerdings warnen manche vor den unbändigen Kräften des Meeres und bemerken, mehr aus Erfahrung als aus wirklichem Wissen, wenn der Atlantik gewollt hätte, dass dort ein Strand angebracht wäre, dann gäbe es diesen bereits. - So muss man sich auf die Aussagen der Techniker verlassen, die wohl die Machbarkeit dieses Projektes bejahen und Probleme eher bei der Finanzierung fürchten, als durch Naturgewalten. - Andere Stimmen hadern nun um die Parkplätze, welche ein enorm wichtiger Faktor für einen Geschäftstadt sind und denen kann man antworten, das Parkhaus unter der Avenida del Puente muss ja irgendwann mal fertig sein und außerdem plant man bereits ein zweites Parkhaus am südlichen Eingang der Hauptstadt, welches dann den Besucherverkehr aus dieser Richtung aufnehmen soll. Um allerdings die Stadt auch spürbar mit dem Strand zu verbinden, muss man sich noch etwas mit der Uferstraße überlegen, welche sich ja mit dem hohen Verkehrsaufkommen wie eine unnatürliche Barriere zwischen der Stadt und dem zukünftigen Strand verhält. - Leider wird die Umgehungsstraße der Hauptstadt nicht in dem Maße angenommen wie man das gehofft hatte, man wird sich also noch einen städteplanerischen Kunstgriff einfallen lassen müssen. - Die Hauptstadt kann aber nur gewinnen und so darf man hoffen, dass alle an dem Projekt beteiligten Institutionen Partei übergreifend an dem Gelingen dieser Aufgabe arbeiten und man diese Chance und Hoffnung für die Hauptstadt nicht zum Interessengeplänkel verkommen lässt. - Es bedarf noch vieler Überlegungen, sei es der bereits genannte Verkehr, oder auch die sich dann ändernden Besucherströme der Stadt, dass man diesem Vorhaben auch die nötige Zeit wünscht gut vorbereitet zu sein, trotz aller Eile und Vorfreude welche sicherlich bei allen Beteiligten jetzt bereits zu spüren ist. - So hat man den Termin für den frühesten Baubeginn auch weise erst Mal ins Jahr 2011 geschoben. - Böse Zungen wiederum behaupten nun, vorher sei das Parkhaus eh nicht fertig, aber wer mit solche großen Visionen daherkommt wie die Stadtplaner der Hauptstadt, der muss sich auch ab und zu mal die kleine Häme des realistischen Alltags gefallen lassen. - Santa Cruz, nicht nur als Hauptstadt, sondern auch noch als wunderschöner Badeort, das lässt doch hoffen und könnte nicht nur der Hauptstadt dienen, sondern die gesamte Insel aufwerten.



Freitag 26.09.08 - 07:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 21 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 64 % Luftdruck 1015 hPa

Önologischer Lokalpatriotismus

Das nennt man Ärger mit Ansage. - Letztes Jahr hat man beschlossen, dass die Weine der Kanarischen Inseln nicht mehr lokal auf den einzelnen Inseln, sondern zentral auf Tenerife klassifiziert werden und damit auch die Zulassung als Qualitätswein dort vergeben wird. - Das hatten unsere Winzer und der sie vertretende "Consejo Regulador de la Denominación de Origen de La Palma" bereits im Vorfeld scharf kritisiert und nun kommt es wie man befürchtet hatte, dort auf Tenerife mag man unsere Weine nicht so sehr und hat deutlich weniger Lagen La Palmas als Qualitätswein eingestuft. - Für die Bodegas und die Winzer hat das heftige Konsequenzen, die können nun diese Weine nicht mehr unter dem Gütesiegel des palmerischen DO verkaufen, sondern müssen den Wein nun als Tafelwein in Großgebinden an die Gastronomie loswerden, was immer schwieriger wird, da inzwischen auch bei uns in den Kneipen der Wein meist als Flaschenwein verkauft wird. - Hier auf La Palma ist man natürlich entsetzt über den Chauvinismus, den man seitens des "Instituto Canario de Calidad Agroalimentaria de la Consejería de Agricultura" aufzeigt, denn Objektivität sei dort nicht gegeben, die "Weinprüfer" und Juroren dort sind meist in irgendeiner Weise mit den großen Produzenten Tenerifes verbandelt und würden die Weine der Nachbarinsel deutlich bevorzugen.

Mag sein, dass das so ist und man darf schon die Frage stellen, ob es denn sinnvoll ist, Frankenweine im Rheingau zu klassifizieren und Bordeaux Crus in der Rioja, wenn man mal internationale Vergleiche heranziehen will. - Natürlich geht es da auch um Konkurrenz, jeder positiv bewertete Wein anderer Inseln ist ein unliebsame Mitbewerber auf einem dicht gedrängten Markt, und da könnte man zumindest vermuten, dass wirtschaftliche Interessen die Geschmackssinne doch lokalpatriotisch beinflussen. - So zetert man hier auf La Palma gewaltig über die Zusammensetzung der Juroren und hat mehr als einmal Protest gegen getroffene Entscheidungen eingelegt, wenn man sich mal wieder benachteiligt fühlte. - Auf der anderen Seite muss man natürlich auch anerkennen, dass der Vorwurf, wir hier auf La Palma würden unsere eigenen Weine zu positiv bewerten nicht gänzlich ausgeräumt werden kann und man sich auf jeden Fall einer objektiven Bewertung unterziehen sollte. - Aber was bitte und besonders wer ist denn schon objektiv und wie soll eine Jury Weine aus Fuencaliente und Tacoronte beispielsweise nebeneinander bewerten, wo es doch große Unterschiede in der Lage, Rebsorte, beim Ausbau und auch besonders beim gewünschten Charakter des Weines gibt. - So möchte man aus Sicht der Winzer La Palma am liebsten wieder zurück auf unserer Insel die Weine klassifizieren, oder mindestens die Zusammensetzung der Juroren mitbestimmen können, um da ein paar La Palma treue Önologen einschleusen. - Sie kennen das doch aus den amerikanischen Filmen, wo man vor jedem großen Prozess erstmal um die Hautfarbe und Gesinnung der Geschworenen kämpft… Wir könnten den Spieß allerdings auch umdrehen und die Weine Tenerifes hier bei uns auf La Palma testen und das Ergebnis darf ich jetzt schon voraussagen, da kommt kein guter Tropfen rüber. - So ist das nun mal, wenn handfeste Interessen die Sinne trüben.



Donnerstag 25.09.08 - 19:30 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 26 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 51 % Luftdruck 1015 hPa
Höchsttemperatur heute 28,1 Grad - niedrigste Temperatur 18,5 Grad

Puntagorda 1.260 Meter, Temp. max. 28,2 - Temp. min. 13,5 - Feuchte 31 - 78 % - Niederschlag 0 mm


Ausflug in die Marine Schutzzone La Palmas

Eigentlich sind wir ganz unverdient zu dieser Ehre gekommen, die Hauptgewinner des Photowettbewerbes der "Asamblea Ecologista" konnten aus dem einfachen Grund, da sie derzeit in Deutschland sind, ihren Preis nicht wahrnehmen und setzten uns so als Ersatzleute ein, die eben diesen Ausflug per Schiff in die marine Schutzzone der Insel unternehmen konnten. - Zweimal musste der Ausflug verschoben werden, was sich aber im nachhinein als Glücksfall erwies, die anderen Gewinner konnten am heutigen Donnerstag terminlich nicht kommen, so dass alle drei vakanten Plätze für uns übrig blieben und wir so praktisch einen Firmenbetriebsausflug auf dem Patrouillenschiff der "Reserva Marina" machen konnten. - Die marine Schutzzone vor der Westküste La Palmas ist eine der drei und auch die jüngste geschaffene auf den Kanarischen Inseln. Sie reicht, an Land markiert durch weiße Pfosten von knapp südlich El Remo, bis kurz hinter La Zamora als südliches Ende. - Die Reserva Marina ist in zwei Zonen aufgeteilt, eine normale Schutzzone, in der keine Sportfischerei und auch keine professionelle Fischerei von See aus betrieben werden darf, die Küstenanwohner aber vom Land aus angeln dürfen. In der Kernzone ist das auch nicht mehr gestattet, da darf man überhaupt nichts fangen und auch nicht tauchen gehen, wobei die Besatzung schon mal ein Auge zudrückt, wenn sich Schnorchler von der Playa de Zamora aus, ins Meer begeben. - Die Hauptaufgabe des Schiffes ist nun die Kontrolle der Schutzzone und man hat durchaus harte Strafkataloge an Bord, die so manchem überschlauen Fischer schon mal das Wochenende gründlich verhagelt haben. Apropos Schiff, das ist eine wahre Rennmaschine auf dem Meer, zweimal 400 PS treiben das 12 Meter lange Einrumpfboot mit bis zu 30 Knoten über den Altantik, allerdings verzichtete man auf eine solche Geschwindigkeitsdemonstration, und 20 Knoten Reisegeschwindigkeit auf dem Meer sind für uns Landratten auch nicht übel. - Das Schiff liegt in Puerto de Tazacorte, heißt Ignacio Aldecoa, nach dem spanischen Schriftsteller, der viel über das Meer geschrieben hat und fährt eigentlich täglich aus, um die marine Schutzzone La Palma zu kontrollieren. - Daraus erklärt sich auch die hohe mögliche Geschwindigkeit, es wäre halt doch peinlich, wenn die bösen Buben, die unerlaubt dort in der Schutzzone fischen, ihren Häschern einfach davonfahren könnten.

Allerdings geht es nicht nur um die Kontrolle, denn inzwischen haben sich zumindest die professionellen Fischer an die Schutzzone gewöhnt, schließlich dient diese ihnen auch, viele der im Schutz der Zone aufgewachsenen Fische bleiben nicht dort, sondern können dann in erhöhter Anzahl außerhalb der Zone gefangen werden. - Nicht nur das alleine aber rechtfertig die Schaffung dieser Schutzgebiete, es ist auch ein großes Studienfeld für die Meeresbiologen, die dort die Entwicklung der Meeresfauna und Flora beobachten können, wie es denn ohne den dauernden und störenden Eingriff des Menschen aussehen könnte. - Ein heile Unerwasserwelt möchte man meinen, aber auch von Land aus gibt es Bedrohungen, so reichen die Bananenplantagen ganz nah an die Schutzzone heran und Regenfälle können dort Düngemittel und Pestizide aus dem Boden auswaschen und damit ins Meer gelangen. - Aber auch in diesem Fall muss man komplexer denken als der erste Anschein es vielleicht vorgaukeln will, die wahrlich hässlichen Gewächshäuser, unter welche viele Plantagen versteckt sind, sind nicht nur im Ertrag, sondern auch in der Umweltverträglichkeit deutlich besser als die Freilandkulturen. - Dort wird nichts ausgewaschen und überhaupt ist der Einsatz von Pestiziden in den Gewächshäusern deutlich geringer als im Freiland. - Drei Stunden dauerte die Ausfahrt mit dem schnellen Schiff und die Meeresbiologin Tamia Brito, welche auch die Chefin der hiesigen "Reserva Marina" ist, hatte viel Zeit und Geduld unsere Fragen zu beantworten. - So verteidigt die oberste palmerische Meeresschützerin auch die Fischfarmen vor der Küste von Tazacorte, was einen zunächst mal stutzig machen sollte. - Aber auch hier liegt der Fall nicht so einfach, wenn man mal das übliche Fischen auf den Ozeanen als Raubbau und Jagd betrachtet, mit all den negativen Folgen, dann zeigen sich ganz deutlich die Vorzüge einer kontrollierten Fischzucht im Meer, vergleichbar mit der Landwirtschaft an Land. - Auch das kann man gut machen oder schlecht, zerstörerisch oder schonend, auf jeden Fall sieht Tamia Brito die Fischzucht im Meer als klare Alternative den Fischbedarf zu decken und dabei den natürlichen Bestand in den Ozeanen zu schonen. - Allerdings muss man die Standorte für die Fischfarmen klug wählen und das hat man in vielen Fällen nicht bedacht, Gebiete ohne Strömungen oder zu seichtes Wasser zerstören unterhalb den Schwimmkäfigen jegliches Leben am Meeresgrund. - Für den Standort La Palma gibt es da keine Probleme, die Käfige schwimmen gut 50 Meter über dem Meeresgrund und eine scharfe Strömung zerstreut alle Nahrungsüberbleibsel noch bevor diese den Meeresboden erreichen.

Wie man das ohne dauernde Tauchgänge feststellen kann, das wurde uns auch vorgeführt, die Ignacio Aldecoa hat, neben allen möglichen technischen Raffinessen zur Überwachung der Schutzzone auch noch einen Tauchroboter an Bord, der bis zu 150 Meter tief auf den Meeresgrund gelangt und vom Schiff aus mit einem Joystick gelenkt wird. - So tief ging es nicht bei der Vorführung des kleinen U-Bootes, aber es ist erstaunlich, wie schnell die Besatzung den Einsatz dieses Gimmicks vorbereitet hat. - Wir konnten einige Fische dann auf dem Monitor betrachten, das eigene Boot von unten und einen frechen wie neugierigen "Gallo", der immer versuchte, das Tauchboot anzuknabbern. - Radar, Nachtsichtgeräte, eine an das GPS-System gekoppelte Videokamera, die im Ernstfall gerichtlich zu verwendende Aufnahmen von möglichen Verstoßen in der Schutzzone machen kann und einen Plotter, der zu jeder Zeit den genauen Standort des Schiffes an der Küste und innerhalb der Schutzzone anzeigt und automatisch speichert. - Das könnte man auch als Arbeitsnachweis verstehen und dass sich Madrid diese Logs ab und zu mal ansieht, um auch sicher zu gehen, dass dort fleißig kontrolliert wird. - Da sind wir schon bei Madrid, die marinen Schutzzonen sind staatlich kontrollierte Einrichtungen und unterstehen so nicht der Provinzregierung der Kanarischen Inseln, man kann also ohne Einflussnahme lokaler Befindlichkeiten seine Arbeit verrichten, was ein enormer Vorteil für das gute Funktionieren der Schutzzone ist.

Ich kann hier weder alle Fragen noch Antworten wiedergeben, wir haben die gute Tamia wirklich "ausgesaugt", sie hat ihr Wissen aber wohl gerne geteilt, so oft hat sie auch nicht mit wissbegierigen Ausflüglern zu tun. - Da liegt nämlich auch noch förderlicher Neidfaktor, normalerweise fahren die nicht mit Publikum an Bord hinaus, nur für die Asamblea Ecologista hat man eine Ausnahme gemacht, die auch aus Madrid abgesegnet wurde, aber so kamen wir in den erbaulichen Genuss, die ersten "Passagiere" an Bord dieses Dienstbootes zu sein. - Sorgen um die marine Schutzzone macht sich Tamia hauptsächlich wegen des immer stärker auftretenden Diadem-Seeigels, der die Küsten vieler Kanareninseln bereits in Massen bevölkert und auch vor der Schutzzone nicht halt macht. - Es gibt dort zwar weniger Seeigel als anderswo, ganz einfach weil es mehr Fressfeinde gibt, aber die Verbreitung der Seeigel geht derart schnell und unaufhaltsam voran, dass man nun Maßnahmen gegen die weitere Verbreitung des stacheligen Zeitgenossen unternehmen wird. - Unternimmt man nichts, dann verödet der Meeresboden, da die Seeigel sämtliche Algen auffressen und für Jungfische keine Nahrung übrig lassen. - Bekämpfen kann man den Seeigel eigentlich mit einfachen Mitteln, man spießt diesen auf, aber die Fläche die zu "reinigen" wäre ist so riesig groß, dass man es wohl nie schaffen wird, die Seeigel gänzlich zu vertreiben. - Das aber hat man in der Schutzzone nun vor, zu viel steht auf dem Spiel und man möchte die nun über sechs Jahre Arbeit und Forschung in der "Reserva Marina" sich nicht von rüpelhaften Zeitgenossen "verigeln" lassen. - Leider kann man aus dem Diadem-Seeigel kein Geschäft machen, in Asien isst man zwar Seeigel als Delikatesse, allerdings andere Arten, unser Störenfried hier schmeckt wohl zu bitter, wir haben also kein neues Exportgeschäft zu erwarten. - Drei Stunden herrlichen Bootsausfluges haben wir hinter uns und reichlich über die Schutzzone hier vor der Westküste der Insel gelernt. Wir bedanken uns damit herzlichst, bei den edlen Spendern des Preises, die leider die Fahrt nicht antreten konnten. Weiter bei der Asamblea Ecologista, die es irgendwie möglich gemacht hat, dass dieser Bootsausflug gemacht werden konnte und nicht zuletzt bei Roman, Pedro und Tamia, die uns so wunderbar und angenehm auf dem Schiff empfangen haben. Mehr Fotos von dem Ausflug gibt es in den nächsten Tagen.


Ausflug in die marine Schutzzone vor der Westküste La Palmas



Ausflug in die marine Schutzzone vor der Westküste La Palmas



Ausflug in die marine Schutzzone vor der Westküste La Palmas



Ausflug in die marine Schutzzone vor der Westküste La Palmas



Ausflug in die marine Schutzzone vor der Westküste La Palmas



Donnerstag 25.09.08 - 07:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 19 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 68 % Luftdruck 1015 hPa

Kein Geld um Blödsinn zu machen - II. Teil

Die Sparmaßnahmen schlagen gleich voll durch und es wird interessant, was denn alles in den nächsten Monaten und Jahren dem Rotstift zum Opfer fallen wird. - Nicht nur die Zentralregierung glaubt sparen zu müssen und lädt das auf die Gemeinden ab, auch die Inselregierung ist nun vom Virus der knappen Gelder infiziert und nutzt das kollektive Jammern um die Untätigkeit in manchen Bereichen zu erklären. - Erste Opfergabe an die Zeiten des knappen Geldes ist nun die Renovierung des Besucherzentrums am Vulkan San Antonio, die fälligen 700.000 Euro kommen in den Sparstrumpf und dabei fällt uns das erste Mal auf, dass man dieses Besucherzentrum überhaupt renovieren wollte. - Man kann nun geteilter Meinung sein, ob das denn überhaupt notwendig wäre, aber sicher sehen wir den Sinn und Zweck solche Sparmaßnahmen ein, wenn dann das Geld in hehre und für die Bevölkerung unverzichtbare Projekte gesteckt wird. - So heißt es dann in der Presseerklärung auch, dass man das Geld lieber zurückhalten möchte um in soziale Projekte und das Gesundheitswesen zu investieren, das hören wir gerne, nur reicht der Arm des Cabildo Insular im Gesundheitswesen nicht mal um die Ecke, das ist Sache der Provinzregierung. - Macht nichts, es ist ja wie bereits gestern angedeutet gar nicht so verkehrt, wenn man mal überlegt, was denn wirklich notwendig ist und sich darauf konzentriert, seien die Zeiten nun krisenverdächtig oder nicht.

So stolpern wir auch gleich über die nächste Ankündigung, die Vulkantube von Todoque soll für Besucher zugänglich gemacht werden, so heißt es zumindest bereits seit vielen, vielen Jahren. - Allerdings scheint man Größeres dort vor zu haben, wir dachten immer, da baut man eine Treppe in die Höhle, damit kein Sandalenträger ausrutscht und ein Aufseher guckt den Hobbyspeläologen über Schulter, damit die in der 500 Meter langen Höhle keinen despektierlichen Unfug treiben. - So ist das aber nicht gedacht, gleich 2 Millionen Euro will man bereitstellen, um einen Themenwanderweg rund um die Höhle zu gestalten und so die Gegend zu einem touristischen Schwerpunkt zu verwandeln. - Dabei kommen aber nicht die kompletten 2 Millionen Euro von der Inselregierung, sondern man erhofft sich bis zu 60% Subvention aus den Feder-Fonds der Europäischen Union und solch ein Projekt kann man doch nicht wegen einer lächerlichern Finanzkrise sausen lassen. - Würde ich auch nicht machen, aber dennoch nachfragen, wie will man denn bitte 2 Millionen Euro dort in die Lava setzen und ob es denn überhaupt noch um den Schutz der Vulkantube geht, oder ob man da nicht vielleicht eine "Vulcanoworld" aufbauen will, um Busladungen klimaanlagensüchtiger Kreuzfahrer aus dem Aida-Erlebnis-Programm durchzuschleusen. - Es ist ganz interessant, nun erfährt man Stück für Stück, was man denn alles vorhatte und was davon dem Rotstift zum Opfer fällt, um dieses oder jenes Vorhaben zu retten. "Thinking Big" ist also dennoch weiterhin angesagt, obwohl das so ganz und gar den eigentlichen Tugenden dieser Insel und seiner Bevölkerung widerspricht, die auf Bescheidenheit und Umsicht basieren. - Aber aus bescheidenen Leuten ist noch nie was Großes geworden und so prügelt man uns direkt in eine Situation, die niemand hier will und mit der wir gar nicht umgehen können. - Ein Sparkurs sieht anders aus.



Mittwoch 24.09.08 - 17:30 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 23 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 75 % Luftdruck 1015 hPa
Höchsttemperatur heute 25,5 Grad - niedrigste Temperatur 18,0 Grad

Kein Geld um Blödsinn zu machen

Ökonomische Krisen sind nicht wirklich angenehm, das kann nun wirklich keiner behaupten. - Allerdings darf man ja als gelernter Optimist aus jeder Malesse noch etwas Positives herausfiltern und so fällt es mir auch nicht schwer, den zweiten Zipfel der Wurst zu finden, von denen der Volksmund doch immer behauptet, es gäbe mindestens zwei. - Mag man das nun Rezession nennen, oder eine notwendige Zäsur in unserem Fortschrittsgalopp des letzten Jahrzehnts, die Luft ist raus im Moment im Bau- und Immobiliensektor und die Folgen des deutlich gesunkenen Umsatzes, dieser für Spanien so wichtigen Sektoren, spürt man halt auch im Gesamtkomplex der Volkswirtschaft. - So sind alle aufgerufen zum Sparen, wobei das eigentlich genau das falsche Signal ist, aber man darf halt nicht von Hobby-Ökonomen erwarten, die sich da in der Politik und der Wirtschaft tummeln, dass die immer wissen würden, was sie tun. - Ist vielleicht auch besser so, sonst könnte man denen noch Vorsatz unterstellen und wir wollen das doch lieber als Irrtum, Schicksal oder Ergebnis der urkomischen Weltwirtschaft darstellen. - Ist auch egal, es gäbe sicher noch andere Köpfe, die das viel schlechter machen würde, so muss man das sehen und nun wissen Sie auch endlich, welches Glückspotential in einem gelernten Optimisten steckt. - Überlegen Sie doch mal, wenn Stefan Raab oder der Friedman Michel Bundeskanzler wären, dass wäre schlimm, da sind Sie doch mit Angela Merkel noch ganz vorzüglich bedient, die will ja schließlich nur Georgien zum Nato-Partner machen, weil man ja sonst den Russen kaum noch an den Rubel pinkeln kann.

Wir wollen aber nicht abschweifen, obwohl das schon Spaß machen kann, auch mal über fremde Pappnasen zu lästern, aber wir haben eigene Nasen, an die wir uns genüsslich greifen können. - Solch eine wirtschaftliche Krise betrifft natürlich auch die öffentlichen Haushalte, die verzeichnen deutlich weniger Einnahmen und so fordert die Provinzregierung gleich mal rasenmäherartig alle Gemeinden auf, nächstes Jahr einen Haushalt hinzulegen, der 20% unter dem des Vorjahres liegen soll, sonst streicht man diese Mittel einfach. - So grobschlächtig sparen zu wollen grenzt an Realitätsverlust, aber von der Realität will doch eh keiner was wissen, also traut man sich solche Vorschläge zu machen und stürzt damit alle Bürgermeister der Kanarischen Inseln in tiefste Depressionen. - Allerdings kommen nun eben auch die viele fragwürdigen Projekte erneut in die Diskussion und da vor allem das unsinnige und prestigelastige autonome Polizeitruppe der "Policía Canaria", von der so überhaupt kein Bürger weiß, was wir hier mit einer vierten Exekutive, neben Policía Nacional, Guardia Civil und Policía Municipal, denn überhaupt sollen. - Inzwischen häuft sich so nicht nur die Kritik an dieser Paradiesvogelpolizei seitens der Bürger, sondern sogar aus den eigenen Reihen der regierenden Coalicíon Canaria kommen sanfte Worte, welche diese Polizei nun plötzlich nicht mehr als prioritär im Haushalt einstufen wollen. - Das könnte bedeuten, dass man nun doch nicht im kommenden Jahr bereits damit anfängt diese Truppe aufzustellen, sondern das nach hinten verschiebt und so hoffen könnte, dass dieser neue und unsinnige Kostenfaktor zuerst auf der langen Bank, und später auf dem Schafott der Vernunft landet. - Gleiches könnte durchaus auch mit vielen Infrastrukturplänen geschehen, man stelle sich nur mal vor, die bauen eine Autobahn durchs Weltbiosphärenreservat und haben gar kein Geld dafür. - So kommen wir immer wieder zum gleichen Schluss, manchmal sind wirtschaftliche Krisen gar nicht so unsinnig und man sollte bunte Provinzpolitiker immer ein bisschen finanziell knapp halten, so wie man das bei Kindern gerne mal macht, damit die sich nicht so viel Blödsinn kaufen können.

Die Wirtschaftskrise als Beta-Blocker gegen autonomen Größenwahn, eine bittere Pille mit äußerst effektivem Ergebnis. Nur fürchte ich auch die Nebenwirkungen, und dass man vielleicht eher noch Mittel im Gesundheitswesen und dem Schulsystem abzweigen könnte, um unsinnige Prestigeprojekte, in der wohl letzten Legislaturperiode der jetzigen Provinzregierung, noch durchziehen zu können. - Das war nun schon wieder pessimistisch, oder wie manche immer meinen, realistisch. - Na dann suche ich mir doch gleich mal wieder dieses rosarote Schächtelchen mit den bunten Glückspastillen, die es hier gratis in den Regierungsapotheken fürs Volk gibt, mit der Aufschrift Optimin forte, 3 Mal täglich vor dem Denken. - Was, das gibt es im Land der Dichter und Denker nicht gratis? - Aber dafür haben Sie ja Raab, Pocher, Dirk Bach und Cindy aus Marzahn, oder wie sie noch alle heißen mögen, die zerebralen Vakuumpumpen auf den Sedierungskanälen der Volkspropagandaanstalten, da tut dann doch auch nichts mehr weh, weder vor, noch nach dem Denken. - Und sagen Sie mir jetzt bitte nicht, da gäbe es wenigstens keine unerwünschten Nebenwirkungen, oder wie wollen Sie mir bitte seicht-pubertäre Bulimie-Fan-Clubs von Heidi Plumps und Bruce Darnell erklären?



Mittwoch 24.09.08 - 07:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 18 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 69 % Luftdruck 1013 hPa

Bürgernähe fürs Protokoll

Die echte Rolle der Gemeinden im Prozess um die "Wiederherstellung der Küstenlinie" bleibt weiter zumindest fragwürdig. - Hinter dieser schönen und eigentlich schon lyrischen Bezeichnung, versteckt sich der Abriss fast aller Küstensiedlungen auf der Insel, welche nicht auf urbanem Gebiet erstellt worden sind. - Und das sind viele Hütten die dort stehen, auch manche Paläste, am bekanntesten und meistens im Gespräch sind die Siedlungen von La Bombilla, El Remo, La Zamora, Puntalarga und El Faro an der Südspitze La Palmas. - In der Tat, dort haben Bürger in einer reichlichen grauen Zone der Legalität Häuser und eben ganze Siedlungen erstellt, bis 1988 das Küstengesetz klare Verhältnisse geschaffen hat und jegliche Bautätigkeit und privaten Besitz in einem 100 Meter breiten Küstenstreifen feststellte. - Das ist lobenswert und gut verständlich, aber was macht man mit den bereits dort erstellten Häusern und vor allem mit den Menschen, die dort leben, meist unterstützt von den Gemeinden, mit Müllabfuhr, Strom und Wasserlieferungen und sogar mit Straßennamen und natürlich Gemeindesteuerabgaben. - Das muss alles weg, lautet die Devise der Küstenbehörde, beruft sich dabei auf das Gesetz von 1988 und hat auch schon mit den Abrissarbeiten begonnen, die allerdings nun seit Monaten ruhen und wohl auf Grund reichlicher schwebender Verfahren vor den Gerichten erst mal ausgesetzt sind.

Dabei leidlich ungeklärt ist die Rolle der Gemeinden, in diesem speziellen Fall auf La Palma vorerst die drei westlichen Küstenorte Tazacorte, Los Llanos und Fuencaliente betreffend. - Eigentlich möchte man ja von einem Bürgermeister erwarten, er würde sich mit Einsatz und ganzer Gewalt vor die Hütten seiner Einwohner stellen, aber in diesem speziellen Fällen muss man eine fragwürdige Gesetzestreue feststellen und hört aus deren Mündern sogar deutliches Verständnis für das Vorhaben der Küstenbehörde. - Im Fall des Bürgermeisters von Tazacorte erinnern wir uns sogar noch sehr gut, von Lobeshymnen auf den Abriss der paar Hütten an der Playa Nueva, und wie schön das denn nun alles sei, wenn der Dreck erst Mal weg ist. - Dass es sich bei dem "Dreck" auch an der Playa Nueva zum Teil um Wohnungen handelte, wenn auch kleine und sehr bescheidene, das war damals egal und auch das Verhalten der Gemeinde nun für einen Obdachlos gewordenen Bürger eine neue Unterkunft zu finden, war alles andere als bürgernah oder gar Wert den Namen Bürgermeister zu führen. - Man darf ruhig spekulieren, warum das so ist, die schönsten Fleckchen an unserer Westküste werden dringend als Lockmittel für Hotel-Investoren benötigt, schließlich haben die Gemeinden da große Pläne in Sachen Tourismus, auch wenn die Alltagsrealität komplett andere Notwendigkeiten für eine positive wirtschaftliche Zukunft der Region aufzeigt. - Man darf sogar so weit spekulieren, dass die Küstenbehörde nur Mittel zum Zweck ist, den Gemeinden die Siedlungen ohne eigenen Imageschaden vom Hals zu schaffen, um dort endlich vorbereitende und touristisch nutzbare Infrastruktur zu installieren. - Beweis dafür ist ja auch, dass La Bombilla einem Küstenwanderweg weichen soll, der für viele Millionen Euro die ursprüngliche Version der "Regeneration der Küstenlinie" mehr als karikiert. - Immerhin, in Tazacorte soll nun das Plenum nächste Woche entscheiden, ob man die Küstenbehörde auffordern soll, die Abrissen einzustellen, bis man für alle dort wohnenden Bürger woanders eine Unterkunft gefunden hat. - Ist das nicht bürgernah und progressiv? - Man denkt darüber nach, ob man vielleicht eine andere Behörde bitten soll, die eigenen Bürger nicht obdachlos zu machen. - Ich bin ganz gerührt vor so viel sozialem Engagement.



Dienstag 23.09.08 - 19:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 26 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 56 % Luftdruck 1014 hPa
Höchsttemperatur heute 26,6 Grad - niedrigste Temperatur 16,9 Grad

Puntagorda 1.260 Meter, Temp. max. 26,5 - Temp. min. 10,4 - Feuchte 35 - 91 % - Niederschlag 0 mm


Zwergenaufstand

Letztes Jahr gab es so einigen Ärger an unseren Schulen, die Lehrer, oder zumindest der nicht fest angestellte Teil der Pädagogen streikte des Öfteren, um endlich eine Angleichung ihrer Gehälter an die der anderen Kollegen im öffentlichen Dienst zu erreichen. - Das Problem schwelt immer noch, allerdings finden die aufgebrachten Lehrer Woche für Woche weniger Unterstützung, zumal die anfängliche Solidarität der Eltern immer kleiner ausfiel. - Jetzt, noch am Beginn des neuen Schuljahres gibt es auch andere Probleme zu bewältigen, an denen mal leider merken kann, dass Bildung für die jetzige Regierung der Kanarischen Inseln keine wirkliche Priorität darstellt. - Zum Teil wurden Planstellen in Schulen ohne Vorankündigungen gestrichen und für erkrankte Lehrer Ersatz zu beschaffen dauert unendlich lange, weil man einfach aus einem viel zu kleinen Pool von professionellen Schulpädagogen schöpfen kann. - So müssen sich zum Beispiel in einer der weiterführenden Schulen der Insel, in manchen Klassen die Kinder mit bis zu vier Freistunden täglich abfinden, weil Fehlstellen nicht in angemessener Zeit besetzt werden. - Das ist natürlich ein herausragendes Beispiel, aber meine große Tochter hat bislang noch keinen Schultag ohne eine Freistunde in dem neuen Kurs erlebt. - Nach unserer Erfahrung werden diese Stellen schon noch belegt, aber es schafft Unfrieden und eine enorme Belastung für die Schüler, denn der Lehrplan muss bis zum Ende des Kurses ja doch abgearbeitet sein und wenn dann ein Monat ganz ausfällt, dann ist danach Turbolernen angesagt.

Noch heftiger sind natürlich vorsätzliche Streichungen kompletter Planstellen, da braucht man dann erst gar nicht auf Ersatz warten, sondern die Schulleitung vor Ort muss sich überlegen, wie man nun mit einem Lehrer weniger auskommt. - So geschehen nun in der Unterstufe der Schule in Puerto de Naos, dort hat man die geforderte Anzahl der Schüler nicht erreicht, anstatt 78 Schüler gibt es nur 74 Pennäler und schon ist ein Lehrer weg. - Dabei sind noch gar nicht alle Schüler eingeschrieben, denn gerade in Puerto de Naos schicken meist viele Ausländer ihre Kinder in die Schule und diese erreichen den neuen Kurs oft erst mitten im Trimester. - So rechnet man mit deutlich über 80 Schülern um die Jahreswende, das hat man der Bildungsbehörde auf Tenerife auch mitgeteilt, allerdings haben die wohl unter ihrer eigenen Schulbildung so fatal gelitten, dass solche außergewöhnlichen Umstände, wie diese die Schule in Puerto de Naos präsentiert, für Planstellenbastler unverständlich bleiben. - Den Eltern platzt nun der Kragen und wenn Lehrer streiken können, Schulämter Stellen streichen können, dann können die Eltern erst recht und nun schickt man seine Kinder seit gestern nicht mehr in die Schule und hofft auf diese markante Art und Weise endlich die gehörige Aufmerksamkeit des Schulamtes auf sich lenken zu können. - Gut gebrüllt, schließlich geht es bei Schulbildung um die Zukunft unserer Nachfolgegenerationen und nicht um kleinliche Haushaltsprobleme bildungsferner Provinzpolitiker. - Da aber genau riecht nun der lokale Vertreter des Schulamtes auf La Palma den Braten, nämlich bei politischer Agitation, denn genau die unangenehmen Zustände in der Schule in Puerto de Naos wurden von einer Oppositionspolitikerin scharf kritisiert. - So sei das nur der billige Versuch, die Eltern gegen die Provinzregierung aufzuwiegeln und überhaupt, die in Puerto de Naos bräuchten sich gar nicht so zu echauffieren, es gäbe noch viele Schulen auf den Kanarischen Inseln, die größere Probleme hätten. - Wenn das nicht mal ein klassisches Eigentor ist, aber so etwas kommt halt dabei raus, wenn man keinen besonderen Wert auf Bildung legt…



Dienstag 23.09.08 - 07:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 17 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 67 % Luftdruck 1015 hPa

Bürokratie kontra Altersheim

Pedro, genau so wie Otto Normalverbraucher fragen sich des Öfteren, wer denn überhaupt noch durchblickt durch unseren bürokratischen Apparat und wie es sein kann, dass manche sinnvollen Projekte einfach daran scheitern, dass mehrere Behörden nicht in der Lage sind, gemeinsame Entscheidungen zu treffen. - Es geht dieses Mal nicht um Golfplätze oder die Autobahn, sondern um ein wenig umstrittenes Projekt, nämlich das notwendige Altenpflegeheim, welches man in dem Gebäude des alten Krankenhauses "Las Nieves" oberhalb der Hauptstadt einrichten wollte. - Daraus wird nun nichts, so zumindest hört man aus der Inselregierung, welche denn auch die zuständige Korporation wäre, die das Altenpflegeheim ausrüsten und betreiben würde. - Warum das nicht geht, erklärt man mit dem staatlichen Stillschweigen des Schatzamtes in Madrid, Eigentümer des Geländes und Gebäudes des alten Krankenhauses, an dieses Amt hatte man den Wunsch herangetragen, das Gebäude, wie auch das Gelände in den Besitz der Inselregierung zu überführen. - Das Schatzamt kann sowieso nichts anfangen mit dem alten Krankenhaus, die verwalten nur die Gebäude und sind dafür da, über die richtige Nutzung dieser Immobilien zu wachen. - Nun darf man ganz einfach fragen, warum man sich in Madrid anscheinend querstellt und dann wird es kompliziert, richtig kompliziert.

In Madrid hätte man überhaupt nichts dagegen, dass dort ein von der Insel betriebenes Altenpflegeheim entsteht, doch das Schatzamt ist eben nur Eigentümer des Gebäudes, Nutzer ist aber der von der Provinz Kanarische Inseln geleitete Gesundheitsdienst, der Servicio Canaria de Salud. - Das ist normal so, die betreiben ja schließlich das komplette öffentliche Gesundheitssystem und für die hat seinerzeit ja auch das staatliche Ministerio de Fomento (Entwicklungsministerium) das Krankenhaus gebaut. - Nun müsste der provinzielle Gesundheitsdienst das Gebäude mit allen Rechten erst wieder an das Schatzamt freigeben, dann erst könnte man von dort aus die Übereignung in Gang bringen. - Der kanarische Gesundheitsdienst hat aber noch teilweise Interesse an diesem Gebäude, dort nämlich steht das Archiv für die gesamte Insel und das würde man dort auch gerne weiter betreiben. - Eine teilweise Übereignung, so etwas kommt aber wohl in den Statuten nicht vor und so sieht man sich seitens des Schatzamtes nicht in der Lage, das Gebäude zu übereignen, man kann den Gesundheitsdienst nicht einfach rausschmeißen. - Dabei wäre es kein Problem, sicher würde die Inselregierung dort das Archiv belassen, den gesamten vorhandenen Platz braucht eh keiner, aber wie man so etwas bürokratisch einwandfrei handhabt, das weiß keiner und so bleibt dieses Gebäude wohl ohne konkrete weitere Nutzung. - Die Inselregierung schiebt nun alle Schuld nach Madrid, das macht man gerne, schließlich regieren dort Damen Herren anderer politischer Couleur, als hier auf den Inseln. - Allerdings verliert sich hier jegliche konkrete Schuldzuweisung in den unendlichen Gängen mehrere staatlicher, provinzieller und inseleigener Verwaltungen, daraus kann nichts Gutes wachsen. - Nun prüft man seitens der Inselregierung andere Standorte für das Altenpflegeheim, ins alte Krankenhaus kommt man nicht rein. - Allerdings darf man dann noch eine Frage stellen, wie es möglich ist, dass eine private Wäscherei dort in dem Gebäude arbeitet, die für das Krankenhaus die Wäsche bereitet. - Wer hat denen das erlaubt und wer kassiert die Miete dafür? Das wäre dann auch noch interessant, wenn es wohl möglich ist dort eine Wäscherei zu betreiben, nicht aber ein Altenpflegeheim. - Ich will das alles gar nicht so genau wissen, aber in etwa 15 Jahren habe ich vielleicht auch konkretes Interesse an der Gewissheit, es gäbe ein Pflegeheim hier auf der Insel. - Vielleicht hat bis dahin der Amtsschimmel ja ausgewiehert, sonst legen wir uns in die Wäscherei, warm und weich soll es ja dort sein und an den Geruch gewöhnen wir uns schon. - Einmal Schongang bitte und nicht schleudern…



Montag 22.09.08 - 18:30 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 24 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 64 % Luftdruck 1015 hPa
Höchsttemperatur heute 25,0 Grad - niedrigste Temperatur 17,7 Grad

Puntagorda 1.260 Meter, Temp. max. 25,3 - Temp. min. 10,5 - Feuchte 42 - 91 % - Niederschlag 0 mm


Ja is denn scho Weihnachten?

Das kann man deutlich und locker mit einem großen Nein beantworten, allerdings klingeln die Vorboten dieses kommerziellen Festes mit noch rudimentär vorhandenen christlichen Wurzeln, schon gewaltig. - Dazu muss man halt auch immer mal wieder fragen, was gehört denn eigentlich dazu, dieses nie staubig werdende Fest zu feiern. - In den Läden sind die ersten Lieferungen der neuen Weihnachtsknabbereien eingetroffen, aber meist noch in den Lagern verstaut, nur ganz vorwitzige Händler räumen bereits kilometerlange Regale leer, um Platz für diese unverzichtbaren weihnachtlichen "Add-ons" zu schaffen. - Da ist man in Deutschland wohl weniger pietätvoll, wenn man den Erzählungen anreisender Gäste glauben darf, dann befindet sich der Verkauf von Spekulatius und Honigkuchen bereits in vollem Umfang. - Hier gibt es einen anderen interessanten "Kribbeltermin", der so etwas wie weihnachtliche Vorfreude auslöst, das ist immer wenn man in Los Llanos anfängt das, über die Insel hinaus bekannte "Belén" zu bauen. - Nun im Jahr Zwei "nach Luis Morera" wird diese Krippendarstellung von interessierten Laien gebaut, die unter großem Zeitaufwand die vielen Figuren, Häuschen, Berge, Täler und Vulkane basteln und man dafür extra "Arbeitsläden" abhält, neudeutsch Workshops genannt, damit die vielen Erbauer, allerdings unter Anleitung erfahrener Hände, auch das nächste "Nacimiento" zu einem viel besuchten und gelobten Spektakel machen. - Insgesamt hat letztes Jahr das erste "Belén" ohne Mitwirkung unseres "Inselkünstlers" Luis Morera mindestens den Zuschauerpreis gewonnen. - Da war man etwas skeptisch, schließlich hat der Maler, Bildhauer, Musiker, Dichter und Denker Luis Morera seit 1991 das Krippenabbild in Los Llanos gestaltet und dieses erst derart bekannt und "groß" gemacht.

Nun muss es ohne Luis Morera gehen und es geht, auch wenn man eingestehen muss, dass sich in der Grundgestaltung der Krippe nichts mehr ändert, sondern lediglich neue Landschaften auftauchen und andere Alltagsgeschichten aus dem Leben auf La Palma dargestellt werden. - Auf jeden Fall ist ein Besuch dieser Krippe Pflichtprogramm für das weihnachtliche Wohlbefinden auf La Palma und wenn die anfangen das 300 Quadratmeter große Schauspiel aufzubauen, dann gibt uns das schon einen kleinen "natalen" Seitenhieb. - Noch eine wichtige Geschichte, damit wir überhaupt in irgendwelche sentimentalen Gefühlsausbrüche der weihnachtlichen Art geraten, sind die Lose der Weihnachtslotterie, die allerdings sogar bereits ab Ende Juli verkauft werden. - Wer aber jetzt, noch ohne mindestens einen "Décimo" angetroffen wird, dem muss man schon mangelndes Integrationsverhalten, oder gar noch schlimmer, Weihnachtsmüdigkeit bis hin zu Verweigerungshaltung unterstellen. - Ich gebe ja zu, diesen nonkonformistischen Trend beneide ich zum Teil, bin aber durch meine Kinder und weit reichenden Gruppenzwang dann doch noch an dieses Spektakel gebunden. - Den Clou mit der Weihnachtslotterie ließen in diesem Jahr die Sozialisten aus El Paso krachen, man besorgte sich sämtliche Lose mit der Nummer 38.750, was rein zufällig die Postleitzahl unserer netten Stadt ist. - Selbst die Opposition konnte es sich nun nicht verkneifen, auch Lose mit dem Aufdruck der Sozis zu besorgen, als Pasense muss man so was bei sich tragen. - Es gibt übrigens noch Lose zu kaufen, im Rathaus und fragen Sie nach "Mirta". - Meine Frau hat übrigens auch schon was weihnachtliches in ihren tägliche Ablauf einfließen lassen, immerhin sind die Temperaturen nun nachts wieder unter die 20 Grad Marke gesunken, da trägt meine Frau des nachts zum Gucci-Zweiteiler immer eine Wärmflasche…



Montag 22.09.08 - 06:30 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 17 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 69 % Luftdruck 1015 hPa

Behutsame Annäherung an das Glück

Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt, jeder Rausch mit dem ersten Schluck. - Sprüche den Beginn eines komplizierten Weges zu beschreiben gibt es reichlich, aber eben genau so viele Argumente, einen zügigen Durchmarsch zum Ziel zu verhindern. - Es geht wieder mal um das notwendige Tierheim, oder vielleicht genauer Hunde- und Katzenheim auf La Palma, welches unter dem enormen Druck der Bevölkerung endlich gefordert wird. - 18.000 Unterschriften pro Tierheim, nicht pro Köln, hatte man locker sammeln können und nun sind die Institutionen natürlich gefragt und gefordert. - Da sich die Petition an die Inselregierung wendet und nicht an die einzelnen Rathäuser, ist nun auch die Schwarze Katze in deren Hände, obwohl man jede Moment immer wieder versichert, solch ein Tierheim sei eigentlich Gemeindesache und nicht in der Pflicht der Inselregierung. - Das ist schon richtig, aber die Gemeinden zahlen auch jedes Jahr einen Beitrag an die höchste Inselkorporation, damit diese sich um verwahrloste Tiere kümmert und außerdem ist bei der Größe unserer Gemeinden nicht zu erwarten und auch nicht sinnvoll, dass man gleich 14 dieser Heime erstellt. Das ist auch nicht notwendig, solch großen Bedarf gibt es gar nicht, man sollte also die Möglichkeiten, sprich Geld und guten Willen schon bündeln und lieber ein oder zwei gut betreutet und dotierte Einrichtungen aufbauen, anstatt jede Gemeinde finanziell strauchelnd, drei Hundekäfige aufstellen lassen.

So ist ja auch der Bau, oder die Bereitstellung eines geeigneten Geländes auch nur der berühmte erste Schluck, Verzeihung Schritt, viel interessanter wird es sein, wer und wie später Mal der Unterhalt des "Tierheimes" aussehen kann. - Da ist die finanzielle Seite noch offen und weil man gar nicht so richtig weiß, mit wie viel Andrang man denn zu rechnen hat verstolpert man sich bereits wieder, gleich nach dem ersten Schritt. - Immerhin hat man nun den möglichen Standort für die geforderte Einrichtung ausgemacht, in der Gemeinde Tijarafe, genauer gesagt im "Barranco Jurado" hat das Rathaus bereits vor Jahren eine Parzelle an die Inselregierung überschreiben lassen, man kann sich also den gesamten und durchaus zeitaufwendigen Vorgang der Umschreibung des Geländes sparen. - Allerdings haben findige Bürokraten, - wo die nur immer herkommen, - sogleich ein weiteres "Obstakulum" gefunden, man müsse nun erst prüfen, ob denn das Gelände im Nutzungsplan auch überhaupt für diesen Zweck vorgesehen sei… Man kann es auch wirklich übertreiben, aber wenn der Schimmel erst mal wiehert, ich mein den vom Amt, dann muss man sich eigentlich über nichts mehr wundern. - So bleibt die Hoffnung, dass das Vorhaben "Tierheim" nicht den langen Weg des "Circo de Marte" nimmt oder gar den des Meerwasserschwimmbeckens in Puerto de Tazacorte, sondern da nun richtig Schwung dahinter kommt. - Die nächsten Kommunalwahlen sind aber erst im Jahr 2011, also muss weiterhin öffentlicher Druck aufgebaut werden, damit sich die Dinge auch wirklich bewegen. - Später bleibt dann auch noch die Aufgabe, die Bevölkerung so weit für die Problematik zu sensibilisieren, dass man dann seinen Haustierwunsch aus dem Pool des Tierheims deckt und nicht nebenher weitere Katzen und Hunde von überall aus der Welt nach La Palma importiert. - Eine reine Aufbewahrungsstation, mit späterer Tötungsoption nach erfolglosen Vermittlungsversuchen, ist nicht das Ziel nach einem langen Weg. - Aber immerhin, der erste Schritt ist getan, nun ist Laufen angesagt.



Sonntag 21.09.08 - 17:30 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 25 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 63 % Luftdruck 1016 hPa
Höchsttemperatur heute 25,2 Grad - niedrigste Temperatur 17,3 Grad

Puntagorda 1.260 Meter, Temp. max. 25,5 - Temp. min. 10,2 - Feuchte 31 - 84 % - Niederschlag 0 mm


Junge Italiener auf der Terrasse

Unsere Zoogeschichte geht leider ohne wirklich befriedigendes Zwischenresultat weiter. - Lediglich einer hat sich aus dem dämlichen Katzen- und Menschen- Hickhack heraus gehalten, das ist Kurt die Eidechse, die kommt einfach nicht mehr um sich ihre Spraysahne abzuholen. - Ob das Tier nun an Leberverfettung gestorben ist, Opfer einer Katzenattacke geworden ist oder einfach die Schnauze von den vielen Eifersuchtsdramen bei uns auf der Terrasse voll gehabt hat, das werden wir wohl nicht mehr herausfinden. - Paul ist weiterhin sehr besorgt um sein unangetastetes Revier, denn inzwischen ist es kaum noch möglich Luck und Lucky physisch von unserer Terrasse zu verbannen. - Paul reagiert aber weiterhin nicht "robust" auf diese deutliche Bedrohung, sondern belässt jegliche Begegnung mit der Dritten Art mit einem halbherzigen Fauchen ausklingen und sucht dann den Schutz eines Zimmers, oder meiner Person auf. - Kein Katzenbuckel, kein drohendes Aufstellen des Schweifs, der Paul scheint nicht gewappnet für einen Revierkampf. - Um so verwunderlicher sind dann seine bereits sprichwörtlichen Heldentaten im Umgang mit Hunden, auch sehr großen Kalibers, die sich seinem Revier ungebührlich genähert haben. - Die kleine Presswurst Erwin (für Neuleser, ein reinrassiger Ratanero mit dem Intelligenzquotienten einer Leberwurst kurz vor dem Platzen) der eigentlich Arturito heißt, fängt sich regelmäßig Krallenpiercings ein, aber das ist schon dementes Tagesgeschäft und der kapiert das einfach nicht. - Aber so "robust" eben Paul mit Hunden umgehen kann, so völlig macht- und willenlos begegnet er der deutlicheren Bedrohung seines Reviers in Person der kleinen Katzen Luck und Lucky.

Da gibt es grundsätzlich auch Positives zu berichten, Luckys Pfote, oder besser die Reste davon sind nun fast komplett zugeheilt und es deutet sich an, dass dort wo mal die Pfote sein sollte die Haut so eine Art Hornplatte ausbildet, auf der vielleicht mal zukünftiges Auftreten machbar sein sollte. - Aber genau diese pralle Gesundheit der beiden kleinen Katzen macht diese auch so agil und Besitz ergreifend, so dass wir inzwischen auch bereits nachts Besuch auf der Terrasse von den beiden Eroberern bekommen. - Natürlich muss ich auch den menschlichen Teil dieses Familienverbundes mit in die Kritik nehmen, zu oft erwischt halt Paul eines der weiblichen Mitglieder dieser Familie, wie sie einen der beiden kleinen Racker oder Rackerinnen auf dem Arm hat, streichelt, mit netten Worten bedenkt und viel zu nah am Haus das Futter verteilt. - Das ist dann nicht einfach für den Paul, denn er bekommt die auch vorhandene Beziehung mit der pfotischen Bedrohung natürlich mit. - Immer häufigere Depressionsanfälle sind nun bei Paul die logische Konsequenz und ich habe bereits Hornhäute an meinen Händen vom glattstreicheln und wenn mich mal einer hören könnte, was ich mit dem Kater so bespreche, der könnte doch tatsächlich meinen, bei mir seien nicht mehr alle Katzen im Korb. - Aber der braucht das, und man sollte das doch vielleicht auch unterstützen, wenn einer nicht Gewalt als Ausweg aus einer scheinbar ausweglosen Situation gebrauchen will. - Der ist einfach nur feige, der ist kein ganzer Mann, solche weiblich stupiden Sprüche muss er sich schon mal aus der femininen Ecker unserer Familie anhören und dann muss ich noch mehr streicheln und um Verständnis für uns feinfühlig und pazifistisch veranlagten Männer plädieren. - Der lehnt das ab zu kämpfen, weil er genau weiß, dass ihr die kleinen Katzen auch lieb habt und er damit in ein psychisches Dilemma geworfen wird, aus dem man nicht polternd wieder herauskommt. - Meiner Frau versuche ich das auch immer mit einfachen Beispielen zu erklären und habe da schon mal ein Bild gebastelt, das mir nachträglich überhaupt nicht mehr gefällt, mir aber eben immer noch hinterher geworfen wird. Man muss sich das mit Paul und den kleine Katzen so vorstellen, als würde man mir zwei junge Italiener (fragen Sie bitte nicht warum gerade Italiener, das ist halt so entstanden, es könnten auch Südfranzosen oder knackige Helenen sein) auf die Terrasse setzen und mir zu verstehen geben, dass die da ein gewisses Recht hätten, dort zu sein. - Ich würde die doch auch nicht mit dem Baseballschläger vertreiben, der dort in der Ecke steht, um etwaigen aufdringlichen Verehrern meiner Töchter die Spielregeln beizubringen, sondern müsste mich in Geduld und angehängter Depression wohl anders darum bemühen, die Nebenbuhler wieder los zu werden. - Ich habe mich jetzt dazu entschlossen, Paul in einem Karatekurs für kastrierte Patriarchen anzumelden und werde auch zwischendurch mit ihm hier eingehend trainieren, das kann mir selber auch nicht schaden, falls doch mal junge Italiener auf der Terrasse sitzen…


Leere Drohgebärden eines depressiven Katers



Sonntag 21.09.08 - 10:30 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 19 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 75 % Luftdruck 1018 hPa

La Palma, nur noch gegen Eintritt?

Die Diskussion ist nicht neu und in ganz vielen Regionen dieser Welt, muss der interessierte Besucher für bestimmte Sehenswürdigkeiten einen extra-Obolus hinlegen. - So kosten die Parks und Sehenswürdigkeiten, angelegt von César Manrique auf Lanzarote immer schon Eintritt, ohne dass sich jemand darüber aufgeregt hätten. - Das nur, um den Wanderschuh flach zu halten und die Emotionen hier in der Diskussion nicht weiter zu schüren, denn die Entscheidung vom Rathaus in San Andrés y Sauces, für den Eintritt in den Lorbeerwald von Los Tilos Geld zu verlangen, hat bereits für heftige Reaktionen gesorgt. - Grundsätzlich ist das verständlich von den Gemeinden, die Stadtsäckel sind nie so ausreichend gefüllt, so wie man das gerne hätte und wenn man auf seinem Gemeindegebiet solch einen Schatz besitzt, wie es die Quellen von Marcos und Corderos, aber eben auch der gesamte Lorbeerwald nun mal sind, dann möchte man doch auch etwas haben davon. - Davon etwas haben, heißt Geld, welches dann in die Gemeindekassen fließt und nicht etwa in die begleitende Gastronomie oder den lokalen Taxi-Sektor, die bislang von den Besucherströmen profitiert haben. - Auch wenn ich mich wiederhole, das ist in ganz vielen Regionen der Welt völlig normal und wird vom Gast auch knurrend akzeptiert, dennoch wage ich es, die Entscheidung deutlich zu kritisieren, weil wir wieder einmal die Gelegenheit verpassen, uns als differenziertes Reiseziel zu präsentieren, obwohl sämtliche Werbekampagnen gerade darauf herumreiten. - Übrigens scheint die Karstadt-Aktion, La Palma wirbt in Deutschland, nach anfänglichen Schwierigkeiten nun erfolgreich zu verlaufen, die Bilder und Texte dazu gibt es, wenn die Rundreise Ende des Monats abgeschlossen ist.

Zurück nach Los Sauces. - Es gibt dabei noch eine weitere interessante Entwicklung. - Die Eintrittspreise in Los Tilos sind zum Teil heftig, da geht es nicht um einen symbolischen Euro, sondern um bis zu 20 Euro, wer die Tunneltour geführt machen will und auf eigene Faust gibt es diese für die Hälfte. - Dazu muss man aber auch noch die Anfahrt per Taxi aus Los Sauces zur Casa del Monte rechnen, da nicht jeder den gesamten und wirklich langweiligen Weg vom Ort hinauf zum Ausgangspunkt der Tunneltour zu Fuß machen will oder kann. - Nun haben aber die Reiseveranstalter, vertreten durch die ganz wenigen Firmen hier auf La Palma, die Wandertouren anbieten, wohl vom Rathaus in Los Sauces herrliche Sonderkonditionen für den Eintritt aushandeln können. - Schließlich hat man von der Gemeinde aus die Veranstalter sogar eingeladen darüber zu sprechen und öffentlich Sonderkonditionen angekündigt. - So gereicht der Groll der Veranstalter nicht wirklich bis ins Rathaus von Los Sauces, sondern im Gegenteil. Die Veranstalter der Wandertouren können mit den Sonderkonditionen und dem Vorteil des Transfer-Angebotes ein Angebotspaket schnüren, welches den individuell anreisenden Gast äußerst blass aussehen lässt. - Da sowieso das Problem der Transfers viele Gäste, die eigentlich lieber La Palma in Ruhe und im eigenen Rhythmus entdecken wollten, das lockende Angebot der organisierten Wandergruppen annehmen lässt, wird sich so wohl der Trend zur geführten und gefahrenen Erlebnistour noch verstärken. - So erreicht man im Rathaus von Los Sauces als auf jeden Fall eine Entwicklung, der Individualreisende wird abgeschreckt oder geschröpft und an den dann einfallenden Reisegruppen haben wieder so viel andere mitverdient, dass nur noch eine kleine Marge tatsächlich im Säckel der Gemeinde kleben bleibt. - Es wird also den, zeitweise befürchteten Boykott der Veranstalter von Wandertouren nicht geben, man hat sich wohl geschäftlich einvernehmlich geeinigt. - Das darf man machen, daran ist nichts Ehrenrühriges, die Welt, die wir uns allesamt gebastelt haben, sieht nun mal so aus. Allerdings widerspricht das dem Geist und dem differenzierten Angebot dieser einzigartigen Insel, die eigentlich davon lebt, anders zu sein, als andere Urlaubsregionen.

Es ist eine verhängnisvolle Entwicklung, den Pauschaltourismus weiter zu fördern, und dabei die individuell anreisenden Gäste zum Ziel kräftiger Aufschläge zu machen. - Seien es nun die besonderen Angebote im Pakettourismus, oder gleich der schleichende Tod fast aller Ferienregionen, die "All-inklusive" Verramschung eines eigentlich wertschöpferischen Auftrags des Tourismus für die Region.- Der Individualreisende wird zur Randerscheinung degradiert, obwohl er der einzige ist, der sein komplettes Urlaubsbudget in der besuchten Region lässt und dafür sorgt, dass die lokalen Anbieter in der Gastronomie, im Einzelhandel und auch im touristischen Freizeitangebot ihr Auskommen finden. - Dabei muss man nicht die Tourismusindustrie anprangern, die haben halt einfach keine anderen Ideen mehr als "billig" und "all inklusive", in die böse Falle haben sie sich selbst reingeflogen oder gefahren, dabei muss die betroffene Region selbst reagieren und dieser Pauschalisierung und der gefährlichen Bündelung von Macht im touristischen Sektor entgegensteuern. - So darf man solche Entscheidungen, wie man nun in Los Sauces getroffen hat auch nicht auf Gemeindeebene belassen, sondern es muss inseleinheitlich geklärt werden und da ist die Inselregierung gefragt, ob man denn wirklich fehlende touristische Einnahmen auf diese Art und Weise ausgleichen soll, oder lieber auf der einen Seite auf Profit verzichtet, um dem Gesamtimage dieser keinen weiteren Schaden zuzufügen. - Die Gefahr, dass andere Gemeinde dem Vorbild von Los Sauces nun folgen wollen ist viel zu groß und ich kann mir bildlich vorstellen, dass nun in El Paso schon der Rechenschieber bewegt wird, wie viel man denn für den Eintritt in die Caldera de Taburiente berechnen kann, um den stark beschädigten Stadtsäckel zu reparieren. - Aber da darf ich Sie beruhigen, es juckt zwar in den Fingern, aber bislang lehnt man im Rathaus solche Ideen noch ab. - Anders in Fuencaliente, dort hat man, wahrscheinlich nach dem mutigen Preiskatalog aus Los Sauces, den Eintritt für den halben Rundgang um den Vulkan von bislang lächerlichen 80 Cent, die man auch als Parkgebühr abtun konnte, nun auf 2 Euro erhöht. - Da übrigens, gibt es wohl einen Boykott der Tourenveranstalter, man hätte nicht vorher mit ihnen gesprochen, was man natürlich gleichbedeutend damit werten kann, dass man den Organisationen keinen Rabatt angeboten hat. - Noch Fragen? - Ich schon.



Samstag 20.09.08 - 19:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 25 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 52 % Luftdruck 1016 hPa
Höchsttemperatur heute 25,8 Grad - niedrigste Temperatur 15,7 Grad

Puntagorda 1.260 Meter, Temp. max. 23,1 - Temp. min. 10,2 - Feuchte 36 - 80 % - Niederschlag 0 mm


Heute nun endet eine erneute Version von Carlo, sich dem Phänomen San Borondón mal aus einer anderen Ecke zu nähren. - Da wir hier auf La Palma ja alle wissen, dass es diese Insel gibt, man sie aber meist nur einmal oder zweimal im Leben zu sehen bekommt, dürfen Phantasie, aber auch Mystik und Ausflüge in moderne Erkklärungsversuche wunderbar den Rahmen einer Legende ausfüllen. - Ich danke Carlo für die fordernden Texte und Bernhard für die stimmige fotographische Begleitung. - Ab morgen gibt es dann wieder den gewohnten Stunk, Klatsch und Tratsch aus La Palma zweimal am Tag, die Tastatur ist bereits gewetzt.

Epilog....und doch!

Gegen zehn Uhr lief die Mathilda in den Hafen von Tazacorte ein, randvoll mit Makrelen. Der Skipper namens Fabio berichtete, er habe während der Nacht in Südwest ein bläuliches Leuchten über dem Meer bemerkt. Gegen Tagesanbruch sei aus dem Leuchten ein riesiger metallisch glänzender Körper aufgetaucht. In einer Entfernung von etwa fünf Seemeilen hing das kugelartige Gebilde minutenlang über dem Wasser. Dann sei es sekundenschnell zum Himmel gerast und verschwunden. Sein Helfer Miguel, von Geburt an stumm, habe bei dem Anblick laut "San Borondón" gerufen.




Photos von Bernhard van Riel



Samstag 20.09.08 - 10:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 17 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 77 % Luftdruck 1016 hPa

Verpeilt

Es gibt Dinge, die machen einfach keinen Spaß, niemandem mehr. - Man könnte auch sagen, in manchen Unterfangen ist einfach der Wurm drin und der will nicht raus, oder man gibt dem Ganzen eine nautische Note und betrachtet das Vorhaben schlicht weg als verpeilt. - Anders kann man die Situation um das Parkhaus in der Hauptstadt Santa Cruz nicht mehr nennen, welches nach nunmehr 6 Jahren Bauzeit immer noch nicht fertig ist, sondern lediglich an die 300 der geplanten 800 Stellflächen anbieten kann. - Eigentlich sollte der urbanistische Stolz der Hauptstadt bereits im Jahr 2004, zusammen mit der Umgehungsstraße sämtliche Verkehrsprobleme der Hauptstadt lösen. - Aber wir wissen ja nun, das kam alles ganz anders und auch wenn die Umgehungsstraße, welche kühn, halb in den Berg und halb über die Stadt geklebt, fast pünktlich fertig wurde, bislang hat diese Straße nicht die komplette Akzeptanz der Autofahrer gewonnen und mehr Transitverkehr als gedacht, nimmt weiterhin den Weg durch Santa Cruz. - Die größten Verkehrsprobleme der Hauptstadt aber waren und sind die vielen Parkplatz suchenden Vehikel, die lieber mehrere Runden um den Zielort der Begierde drehen, anstatt das Fahrzeug in leidlicher Nähe zu parken und den Rest der Strecke zu Fuß zu erledigen, was in den meisten Fällen sogar sicher schneller zu bewerkstelligen wäre, als auf den nahen Parkplatz zu spekulieren.

Es mag diese Angewohnheit sein, die nun die weitere, vielleicht sogar endgültige Fertigstellung des Parkhauses verhindert, die Bau- und Betreiberfirma ist nämlich erneut in finanzielle Schieflage geraten und musste nun, zum wiederholten Male, die Bautätigkeiten einstellen. - Man hat sich nämlich wohl auch mit dem Betrieb des Parkhauses verpeilt, die nun geöffneten 300 Stellflächen generieren nicht mal genug Einkünfte um das Personal und die Betriebskosten zu decken, erneut muss die Firma "Fuente Olen" den demütigen Weg in die Vorstandskajüten der großen Bankhäuser antreten, um eine, hoffentlich letzte Finanzspritze von 500.000 Euro zu ergattern. - Allerdings darf man sich nun schon fragen, ob die Banken immer noch so reichlich ihre Kredite hergeben, schließlich behauptet man doch selbst, mit dem Parkhaus kein Geld zu verdienen, wie soll die Kohle also wieder reinkommen. - Die Stadtoberen und die Anwohner sind schon lange nicht mehr begeistert von den ewigen Baustellen und den immer neuen Terminen die genannt werden, ab wann man endlich mitten in der Stadt mal aufräumen kann und auf der Avenida del Puente zurück zum normalen Stadtleben kommen kann. - Bis Ende des Jahres hat nun die Baufirma einen letzten Aufschub, sollte bis Dezember das Parkhaus nicht komplett und gänzlich fertig in Betrieb sein, dann wird man der Firma den Auftrag endgültig entziehen. - Obwohl man schon so oft damit gedroht hatte, dass eigentlich auch niemand mit solch drastischen Maßnahmen rechnet. - Noch dazu gibt es ja auch noch Stunk mit der Stadtverwaltung, die will nämlich selbst nun noch mehr Parkplätze im Flussbett am Nordrand der Stadt schaffen und die unentgeltlich zur Verfügung stellen. - Warum man denn dann noch ein Parkhaus braucht, welches auch noch zum Geldverdienen taugen muss, das erklärt sich aus rein marktwirtschaftlicher Logik nicht mehr komplett. - Irgendwie reichlich verpeilt das Ganze und man kann sich sicher sein, diese epochale Baustelle wird uns noch weiterhin mit aufregenden Nachrichten versorgen.



Freitag 19.09.08 - 19:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 24 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 61 % Luftdruck 1013 hPa
Höchsttemperatur heute 25,1 Grad - niedrigste Temperatur 18,4 Grad

Puntagorda 1.260 Meter, Temp. max. 22,2 - Temp. min. 11,1 - Feuchte 45 - 95 % - Niederschlag 17 mm


XIX. Teil, San Borondón

Bis in die Morgenstunden hingen unsere Blicke gebannt an dem zunehmenden Leuchten des Meeres. Die Fläche im Südwesten mochte wohl einige Kilometer in die Weite gehen und schien sich in der Mitte nach oben zu wölben. Eine bläulich schimmernde Halbkugel hing über dem Meer. Das Fernglas wanderte zwischen uns hin und her. Allmählich wandte sich La Palma einem neuen Tag zu. Belloco hatte sich zwischen unseren Schlafsäcken eingerollt. Von Zeit zu Zeit ließ er uns mit einem anhaltenden tiefen Seufzen seine Zufriedenheit wissen. "Sind das deine Streuphotonen, dieses Leuchten" wagte ich die Stille zu brechen?
Ernesto war entrückt.
"Weißt du, was da unten jetzt passiert?" Ich flüsterte. Meine Psyche zog sich schlagartig auf ein menschlich erträgliches Wahrnehmen zurück, ich wurde zum abgeschirmten Geschöpf. Menschen mit ständiger extensiver Beanspruchung müssen die Fähigkeit wahren, zurückzufallen - meine Sicherung war durchgebrannt! Ich kannte den Prozess, doch irgendwie entglitt mir das Wissen, es lief fort. Ich starrte in die Weite und wollte weinen. Fast teilnahmslos bemerkte ich, wie Ernesto das Fernglas fallen lies. Ich hatte mich ihm zugewandt, ich wollte aus dieser Einsamkeit zu einem Menschen, und dann blickte ich im fahlen Licht des aufkommenden Morgens in seine Augen - auch er war ergriffen, und in seiner Stimme schwang Demut mit:
"Es ist ganz einfach, das Plasma ist jetzt sehr heiß und hoch verdichtet, es biegt um sich herum einen Lichtring, in Kürze wird es auf einen Punkt zusammenstürzen und das Licht absorbieren, dem folgt unmittelbar die Zeit. In diesem Augenblick wird auch die San Borondón nicht mehr sein, weil DEM den Ereignishorizont auf die Außenhülle der Kugel dimensioniert hat."
"Aber das gibt doch eine gigantische Implosion, wir werden hier mit der ganzen Insel versinken?!"
"Nein, es wird nichts passieren, weil für uns das Ereignis in der Zukunft liegt. Universen entstehen für uns immer in der Zukunft. Die ganze Kugel ist jetzt schon nicht mehr dort, es hat sie für uns nie gegeben!"
"Aber das Leuchten, ich bitte dich, das Leuchten ..?!"
Der neue Tag zog herauf. Im Westen wich das Grau der Nacht vom endlosen Ozean. Wir folgten dem Lichtwerden mit Schweigen bis das Morgenrot uns einhüllte. Ich hatte mich eng an diesen Menschen gelehnt, mit dem mich Unfassbares zusammenführte.
"Du wirst sehen, niemand wird sich erinnern, was geschehen ist, das alles ist in der Zeit, die vor uns liegt - und trotzdem waren wir dort, vielleicht haben nur wir das bemerkt." Ernesto lachte und drückte mich an sich: "Kannst du dir vorstellen, hier auf dieser schönen Insel zu bleiben, ich meine, bei mir zu bleiben?!"
Ich war ganz ruhig, ein sonderbares Erinnern durchzog mich, als wenn Ernesto diese Frage schon einmal vor langer, langer Zeit gestellt hatte. Ich löste mich von ihm, damit ich seine Augen sehen konnte. Von einem guten Gedanken ist es nicht weit zu einem Lächeln: "Sicher, wir sind doch schon immer zusammen!"
"Ja, so ist es, komm Sarah, lass uns gehen!"




Photos von Bernhard van Riel



Freitag 19.09.08 - 07:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 18 Grad, Niederschlag 9 mm Luftfeuchte 87 % Luftdruck 1010 hPa

Polizei ohne Sinn, aber mit Uniform

Seit längerem schon hegt unsere Regionalregierung den aberwitzigen wie brachial-endemischen Wunsch, endlich auch eine autonome Polizeitruppe zu haben. - Ohne einen Gedanken zu verlieren, dass wir bereits drei verschiedene Polizeien haben, die ihre Aufgaben völlig zufrieden stellend erledigen, will man mit diesem Vorhaben den Souveränitätsanspruch der Kanaren gegenüber dem spanischen Mutterland deutlicher als bislang definieren. - Bis zum Jahr 2011 möchte man eine Truppe von bis zu 1.700 Agenten aufstellen, die alle Arten von Polizeiarbeit erledigen sollen und José-Normalverbraucher fragt sich allen Ernstes, was diese neue, dann vierte Polizei, denn hier so besser machen soll, als die bislang bereits vorhandenen Polizeikörper. Leider haben wir bislang auch nicht annähernd erfahren können, wie man denn die Notwendigkeit dieser Polizei erklären kann und wo denn das hervorstechende Aufgabenfeld dieser Truppe liegen soll. - Die Bevölkerung fragt ohnehin zu Recht, wie man denn in Zeiten der Krise dieses selbstherrliche Projekt finanzieren kann, wo doch enorme pekuniäre Lücken im Gesundheits- und Schulwesen die Allgemeinheit drücken, und immer mit dem Hinweis abgespeist werden, es sei kein Geld da und wir müssten nun alle solidarisch zusammenrücken und den Gürtel enger schnallen. - Auch politisch hat diese Polizei keine Mehrheit, lediglich die Regionalpartei Coalición Canaria treibt dieses autonome Spielchen voran, beide landesweit arbeitenden Parteien, sei es nun die Partido Popular, wie auch die Sozialisten der PSOE, lehnen dieses Projekt mehr oder weniger heftig ab. - Die Partido Popular kämpft allerdings im Regionalparlament um ihr Überleben und kann das nur mit Hilfe eines Regierungsbündnisses mit der Coalición Canaria und nimmt sich so regional mit ihrer Ablehnung deutlich zurück. Damit bleibt die Kritik an der unnötigen Geldausgabe an den Sozialisten hängen und an der Bevölkerung, die so überhaupt nicht erklären kann, was diese Polizei eigentlich soll.

Immerhin hat die noch nicht vorhandene Truppe nun bereits Uniformen, oder besser gesagt das Design dafür. - Angeregt vom vulkanologischen Ursprung der Inseln, so erklärt das der Designer, wird man die Agenten, wenn es denn die Polizeitruppe jemals geben wird, in Schwarz-Grau-Rot einkleiden und wenn man die Kommentare dazu in den Zeitungen verfolgt, dann erinnert diese Uniformstudie die meisten Bürger an die intellektuell anspruchsvolle Comic-Serie "Power-Rangers". - In der Tat erscheint die Berufskleidung der Agenten so zwischen martialisch-lächerlich und karneval-professionell angesiedelt zu sein und einer der vielen Kommentare zu dem aberwitzigen Thema meint nur: "Immerhin können wir dann ein wenig lachen, während man uns den Strafzettel ausschreibt" und irgendwie so muss man die ganze Sache auch betrachten, denn eine Sinnsuche bleibt ohne wirkliches Ergebnis. - Aber man will vollendete Tatsachen schaffen und drückt so seitens der Regierung bestimmenden Partei Coalición Canaria auf die Tube und will in 2009 damit beginnen, die ersten Polizisten zu rekrutieren. - Ärzte und Lehrer brauchen wir und keine weiteren Gesetzeshüter, würde alles bei uns so gut funktionieren wie die bereits vorhandenen Polizeikörper, dann könnten wir uns auf eine gesunde und gebildete Zukunft freuen. - Aber wir müssen mal abwarten, wie dickfellig die Regenten dieser Partei sind und wie ignorant gegenüber dem Willen ihrer Wähler und wie lange man solche deutlichen Fehlentscheidungen dickköpfig durchsetzen kann, bevor der demokratische Hammer die Regionalisten auf die Oppositionsbank drückt. - Bald ist Europa-Wahl, die scheint hier niemanden so richtig zu interessieren, aber man kann da ja schon mal einen deutlichen Hinweis setzen, welcher Partei man denn die Notwendigkeiten der Bevölkerung vertrauensvoller in die Hand legen könnte. - Wer die Uniformen sehen will, der kann sich HIER eine PDF-Datei mit der Kollektion unserer Köpenickiade herunterladen.



Donnerstag 18.09.08 - 18:30 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 21 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 78 % Luftdruck 1010 hPa
Höchsttemperatur heute 23,7 Grad - niedrigste Temperatur 17,4 Grad

Puntagorda 1.260 Meter, Temp. max. 25,1 - Temp. min. 11,0 - Feuchte 28 - 89 % - Niederschlag 0 mm


XVIII. Teil, Birigoyo, eine kurze Zeit danach

Als ob der Wagen von selbst seinen Weg fand, so griffen seine Lichter nach den Kurven, wieder und wieder, rechts und links, hinauf in die Berge. Gleich oberhalb des Labor-Parks verlief der schmale, alte Weg zu einem Hochtal zwischen den beiden Gebirgen; das eine zum Süden, das andere zum Norden teilten sie die Insel in Ost und West. Hier oben am Anfang der weit nach Süden reichenden Vulkankette ragte ein Aschekegel in den Himmel, auf dem ich so manche Stunde verbrachte; zuweilen erst in der Dunkelheit verließ ich die Nähe zum All. Das stumme Ocom lag auf dem Sitz neben mir. Ich hatte es gewusst, aber erst als ich die Leere vernahm, wurde ich dessen gewahr. Dieses Leben war entwichen. DEM hatte mich verlassen! Zum ersten Mal in all den Jahren überfiel mich eine unbändige Sehnsucht, und alles in mir verlangte nach dem Gefühl der Verbundenheit. Nur für eine kurze Zeit hatte ich mich in mein Quartier begeben, dann brach der Verlust zu mir durch, und ich rannte hinaus in die Nacht, sprang in den Wagen, hinauf, dort wo wir eins waren, wollte ich ihn vielleicht noch einmal finden.
Der Sternenhimmel überbot sich selbst mit seiner Pracht. Ich brauchte die Lampe nicht. Wie oft war ich in den vergangenen Monaten den schmalen Grat hinaufgestiegen. Nach Osten hin hatten sich Wolken versammelt, sie lagen abschirmend über der Arbeitswelt dort unten. Vor dem Nachthimmel im Norden kamen jetzt die Bergspitzen des Kraterwalls hoch, über dessen Flanken mein Blick nach Westen abglitt, die Täler mit ihren fernen kleinen Lichtern fand und dann in der Weite des Ozean verweilte. Schritt für Schritt stapfte ich nach oben, weiter und weiter wurde der Himmel, näher und näher wähnte ich mich einer Einheit mit der Welt.

Es war etwas kalt hier oben. Gott sei Dank regte sich kein Lüftchen. Ich setzte mich mit dem Blick nach Südwest an den Gipfelstein und schnappte nach Luft. Das Tempo war wohl etwas zu anspruchsvoll gewesen. Ich wurde ruhiger und konzentrierte mich auf ein gleichmäßiges Atmen. Ich sollte jetzt meine Jacke anziehen und etwas trinken. Fast störend wirkte das Hantieren mit meinem Rucksack in der entrückten Stille auf dem Gipfel. Mich durchfuhr ein Gedanke: "Da siehst du mal wie du funktionierst" - ich sprach es aus, ich stellte es fest mit einer wertfreien Erkenntnis - "als Bewusstseins-Teilchen in diesem grandiosen Gebilde, auch gut!" Und bei den letzten Worten musste ich eine kleine Freude mit einem in mich gekehrten Lächeln bemerken - was hatte DEM immer wieder zu meinen Meinungen geäußert - eben, ‚auch gut' - vermeintliche Gegensätze sind so lange da, wie ein Ganzes nicht erkannt wird. Ich nahm einen ordentlichen Schluck aus der Plastikflasche, verschraubte mit dem Gefühl der komplexen Handlung den Verschluss, ich merkte, wie ich wieder zur mir selbst fand und fast beglückt flüsterte ich in die Weite: "Der Mensch ist für dergleichen nicht geeignet! Die Welt hat ihn als beschützte, universale Zelle gebaut, welch ein Geschenk!" Ich atmete tief ein, hier oben sucht der Luftstrom merkbar im Inneren die letzten Verzweigungen auf, die Reinheit tut gut - ein Wasserwesen in einem Luftmeer, engste Verbundenheit! Ich streckte den Arm aus und lies die Hand langsam durch die Luft ziehen, meine Luft, aller Luft!

‚War das ein Licht da unten ?' Kurzzeitig hatte es zwischen den Bäumen geflackert. 'Da - wieder, da fährt ein Wagen! Noch ein Frühaufsteher!' Seine Anwesenheit störte mich. Ich versuchte im Südwesten Regulus ausfindig zu machen. Um diese Uhrzeit müsste er mir die Position von San Borondón zeigen. Ich fand ihn noch deutlich über dem Horizont und suchte das Wasser in meine Richtung ab. Vielleicht zeigte sich dort ein Berg oder ein Feuerwerk, vielleicht auch tauchte die große Kugel auf. Ich blickte in die Sternenpracht des palmerischen Nachthimmels, im Südwesten lösten sich die Sterne auf.

Das Geräusch war so unmittelbar und ließ mich zusammenfahren. Stille! Ich horchte in die Tiefe. Da war es wieder, aber es kam von der anderen Seite. Ich drehte mich um und gewahrte einen huschenden Schatten über der Gipfelkuppe, und noch ehe ich begreifen konnte, schoss das dunkle Etwas auf mich zu. Ich sprang hoch und zurück hinter den Gipfelstein, und da war es bei mir - freudiger Stolz überströmte mich sekundenschnell: "Ach, Belloco, du Kerl, du verrücktes Biest, was hast du mir für einen Schreck eingejagt!" Ich vergrub meine Hände in den zotteligen Pelz, um der Begrüßung etwas entgegenzusetzen, und ein begeistertes Bellen weckte wohl alle vulkanischen Geister. "Wo ist denn Ernesto, sag'mal, was macht ihr hier?!" Belloco sprang zurück in die Dunkelheit zum Grat und kam wieder zurück, aufgeregt ging sein Atem, und ich folgte ihm. Noch recht weit unten am Anfang des Gipfelweges schwankte ein Licht.

"Wir konnten - dich doch hier oben nicht allein lassen!" Nach Atem ringend stieß Ernesto die Worte halb flüsternd hervor, als er an mir vorbei stapfte. Er ließ seinen Rucksack an den Gipfelstein fallen und warf sich daneben. Ich ging langsam zu ihm. Belloco sprang zwischen uns hin und her. Ich setzte mich wieder neben ihn an meine Stelle und wartete. Sein Atem wurde gleichmäßiger. Wir blickten nach Südwesten. "Als Steven mich weckte, war mir sofort klar, was passieren würde, und als ich auf dem Weg zum Leitstand deinen leeren Parkplatz sah, drehte ich um, stopfte den Rucksack voll, und hier bin ich!" Ernesto stemmte sich hoch und griff in den Rucksack. "Hier, das ist ein Schlafsack für dich - nimm 'mal! Es wird zum Morgen hin kalt!" Ich zögerte keinen Augenblick und kroch in die weiche Wärme. "Woher wusstest du, dass ich hier oben bin?" Die Frage war überflüssig, aber ich wollte die Antwort hören! "Nun ja, weil ich an dich denke!"

Wir waren in einer stummen Zweisamkeit verbunden; zweifelsohne an einem Schauplatz der besonderen Art, vermischten sich Wissen und Gefühl zu einem Anteilnehmen, das wir gemeinsam empfanden. Jahre währende angestrengte Zusammenarbeit in Grenzbereichen des Vorstellungsvermögens hatte die gleichzeitige nicht mehr kommunizierbare Erkenntnisfähigkeit zweier Menschen entwickelt. Dem extrem kurzzeitigen beiderseitigen Wissensinhalt folgt die Leere, in die nur zögerlich oberflächliches Bewusstsein des Einzelnen zurückkehrt. Aber wir hatten das Wesen San Borondón erfahren!

Ernesto bewegte sich zuerst. Seit wir hier auf La Palma zusammenarbeiteten hatte ich ihn Ernesto genannt, wie alle anderen es auch zu tun pflegten. Obwohl die englischsprachige Umgebung unseren Alltag prägte, fanden sich doch zunehmend neue gemeinsame Freunde ein, die mich mit Spanisch konfrontierten, und in diesem Umfeld war ich ein anderer Mensch, es gefiel mir, hier zu leben.
"Es ergibt sich für mich kein Ansatz, seine Selbstdarstellung zu erklären, warum sollte er menschenähnlich erscheinen", Ernesto reckte sich hoch," hat er dir jemals einen Hinweis gegeben, warum er sich so verhielt?!
Ich schwieg, ich verkroch mich in meine Einfachheit und sann dem Gefühl in mir nach, aber dann hörte ich den heraufstrebenden Gedanken: "Es liegt an in der Unteilbarkeit des Lebens und damit des Bewusstseins. Er wollte aus dem Trugschluss individueller Wahrnehmung herausführen."
"Aber wir hätten die San Borondón auch ohne sein Erscheinen gebaut. Er beherrschte die Zusammenhänge lange bevor er auftauchte. Das ganze Netz der Akteure war nach unserem Wissen als sich selbst entwickelnd vorhanden, wir hätten nie einen DEM wahrgenommen." " Und wie willst du erklären, was jetzt wahrscheinlich passieren wird?"
"Ich kann es erklären, es ist nachvollziehbar, es ist gesetzlich - es beinhaltet DEM!"
"Eben nicht, eine Lebensentscheidung entzieht sich deiner Wahrnehmung! Du hast keine Antwort auf das Warum!"




Photos von Bernhard van Riel



Donnerstag 18.09.08 - 07:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 17 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 75 % Luftdruck 1011 hPa

Dem Benahoarita auf der Spur

Die Ureinwohner dieser Insel und des gesamten Archipels, sind seit Jahren bereits wieder "en vogue". - Da geben Eltern ihren Kindern wieder Namen der ersten Siedler der Insel und jeder der was auf sich hält, definiert seine Identität in direkter Linie zu den Benahoaritas und weniger als Nachkömmling der spanischen und portugiesischen Eroberern des Archipels. - Das nimmt zum Teil groteske wie skurrile Formen an, die Nachkommen der Konquistadoren entdecken ihre Liebe zu den vertriebenen Ureinwohnern und stellen sich als Erben und Angehörige eines Volksstammes dar, von denen man heute noch nicht mal wirklich weiß, wo sie hergekommen sind und auch wann sie diese Insel entdeckt haben. - Man kann es als Nostalgie abtun, etwa so, wie man in Nordamerika die "Indianer" als Vorbild für ursprüngliches und Natur verbundenes Dasein verklärt, aber mit dem Unterschied, dass es wohl noch Indianer gibt, aber keine Benahoaritas mehr. - Die wurden entweder bei der Eroberung der Insel getötet, oder als Sklaven auf das Festland verschifft, es gibt überhaupt keine Hinweise darauf, dass die Ureinwohner dieser Insel die Möglichkeit hatten, sich mit den Eroberern zu vereinen. - Es ist eher anzunehmen, dass lediglich ein kleiner Teil der weiblichen Bevölkerung auf der Insel geblieben ist und vage Untersuchungen wollen das auch genetisch bestätigt sehen, allerdings verweigern andere Forscher den Daten und Vorstellung dieser These ihren Glauben. - Man weiß es einfach nicht genau, aber darf deutliches Misstrauen zeigen, dass es wirklich noch Nachkommen der Benahoaritas auf dieser Insel gibt, zumindest nicht, was sich irgendwie einer klar definierbaren Ethnie zuordnen lässt. Macht auch nichts und man muss es wohl einfach hinnehmen, dass ein gewisser Benahoarita-Kult nur einen dehnbaren Grund dazu liefert, sich als Insulaner und eigenständig gegenüber den "Konquistadoren" vom spanischen Festland zu definieren.

Fast einig ist man sich inzwischen, dass die Ureinwohner dieser Insel(n) aus dem heutigen Libyen stammen und Berber waren, welche von einer seefahrenden Nation hier auf die Kanaren gebracht wurden. - Allerdings streitet man sich endemisch ostentativ, ob es denn nun die Phoenizier waren, oder die Römer, welche die Berber hier auf den Kanaren abgeliefert haben, zeitlich würde das einen bedeutenden Unterschied von an die tausend Jahre ausmachen. - Allerdings kann es auch sein, dass beide damalige Weltmächte diese Inseln besucht haben und aus strategischen Gründen auf diesen Inseln Siedler zurück gelassen haben, um als Stützpunkt für weitere Expeditionen zu dienen. - Insgesamt steht also nur zur Debatte, ob diese Inseln denn seit dreitausend, oder erst seit zweitausend Jahren besiedelt wurden, auf jeden Fall also keine wirklich lange Siedlungsgeschichte. - Eigentlich dürfte man so überhaupt nicht von Ureinwohnern sprechen, sondern lediglich von früheren und späteren Siedlern, aber so etwas liegt natürlich auch im gänzlichen Sinne des Betrachters und des Ansinnens, mit welchem man solche historischen Ereignisse heranziehen will. - Erster Forscher und Mann mit wirklichem Wissen über " die, die zuerst hier waren" ist Jorge Pais, Chefarchäologe der Insel. - Gerade er hält sich so auch deutlich mit Generalaussagen über die Benahoaritas zurück, genau wissend, dass es noch viele interessante Entdeckungen über diesen Volksstamm zu erobern gilt, wenn es sich denn überhaupt um einen klar definierbare Ethnie handelt. - Dazu gräbt und forscht man nun eingehend in Mazo, genauer gesagt beim "Roque de Los Guerros", wo man eine äußerst interessante Siedlung der Ureinwohner entdeckt hat und jetzt genau analysieren will. - Es könnte sich dabei um die älteste Fundstelle der Insel handeln und es gibt auch Anzeichen dafür, dass dort mindestens zwei Einwanderungswellen ihre Marken hinterlassen haben. - Es kann aber auch sein, dass dort Hinweise zu finden sind, wie und mit wem die Benahoaritas auch über den Atlantik Kontakt zu den Bewohnern der anderen Kanareninseln gehabt haben. - Berber, also nomadische Wüstenbewohner als Seefahrer, das konnte man bislang nicht so wirklich stimmig erklären. - Wir dürfen also abwarten, ob der interessante Fund bei Mazo dem schwammigen Bild unserer Vorstellung über die ersten Siedler der Insel wirklich etwas Schärfe verleihen kann. - Nicht auszurotten sind ja auch die Geschichten um eine erste Besiedlung der Kanaren durch Wikinger, oder gar die These, es handle sich gar um das sagenumwobene Atlantis. - Wenn es denn Kurzweil bietet, dann kann man auch solche Geschichten erzählen, wirklich erhärten und beweisen lässt sich das allerdings nicht. - Geheimnisvoll und noch viele Überraschungen bergend ist unsere Frühgeschichte der Besiedlung allemal und vielleicht findet man ja noch irgendeinen Hinweis auf einen Wolpertinger oder Säbezahntiger, dann könnte man aus dem "weißen Fleck" unserer Geschichte vielleicht sogar noch klingende Münze in Hollywood oder bei Pro 7 machen.



Mittwoch 17.09.08 - 19:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 22 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 69 % Luftdruck 1011 hPa
Höchsttemperatur heute 25,6 Grad - niedrigste Temperatur 17,2 Grad

Puntagorda 1.260 Meter, Temp. max. 25,1 - Temp. min. 11,3 - Feuchte 28 - 59 % - Niederschlag 0 mm


XVII. Teil, Breña Alta Eine kuze Zeit davor

Auf dem Weg zum Institut für empirische Chaosforschung begegnete mir Steven. In der schummerigen Beleuchtung konnte ich ihn eher durch seine typischen Bewegungen ausmachen, als dass ich ihn erkennen konnte. Ich blieb unter einer Laterne stehen, und er kam auf mich zu. Wie üblich in einer grauen Jogging-Montur, aber das wusste ich, ohne es zu sehen. Homogener Natrium-Dampf-Schimmer drang durch das Laub der Bäume. Ich hatte mich an das Parallelbewusstsein gewöhnt und sah nichts Ungewöhnliches in der Differenz zwischen der Wahrnehmung meiner Sinne und dem induzierten Bild aus meinem Gedächtnis. Ein wenig begann ich wohl damit, mich meinem virtuellen Partner DEM anzugleichen. Ich lachte in mich hinein über den Gedankengang und wandte mich wieder nach außen. Steven sah mich aus einem gelben Gesicht an: "Wir haben ihn abgeschaltet!"

Die Worte trugen seine Erregung - war die Schöpfung beendet?!

"Was du nicht sagst" vernahm ich mich selbst, und wir wandten uns, ohne weitere Worte zu verlieren, seinem Labor zu. Wir wussten, das ist der Weg. Oft genug habe ich mich über dieses Verhalten aus einem kollektiven Bewusstsein gewundert und mich über eine jahrelange Erforschung von Aufzeichnungen über Ereignisse in Starenschwärmen zu meinen aktuellen Studien bewegt. Steven ging langsamer. Ich trotzte seinem Zögern und lief durch die Erkennung zum Operatorraum. Die Tür riss auf. Leblosigkeit lastete auf allem: Sinnlose Anzeigen auf hohlen Displays vor erstarrt wirkenden bläulich gekleideten. Operatoren in ihren Schwenksesseln. An der Stirnseite herrschte immer noch das riesige Display mit dem Inneren des Autoklaven-Bunkers in der San Borondón - gut einige tausend Meter unter der Meeresoberfläche.

"Bist du dir sicher, dass sich da unten nichts mehr tut", hörte ich mich laut denken. Steven war neben mich getreten, und eigentlich war seine Antwort überflüssig. Sein Nein kam kaum hörbar über die Lippen. Wir beide ahnten, was sich dort in der Tiefe in dem großen Autoklaven abspielen musste. Ich war nie ein Freund dieser totalen Kontrolle gewesen, alles wird simuliert und analysiert und dennoch reicht die Intelligenz der Systeme nicht aus, um zu erklären. "Er wird ein Ergebnis finden, das wird für uns falsch sein oder zumindest nicht den Tatsachen entsprechen, die wir erwarten, und du weißt, was das bedeutet!" Steven zuckte mit den Schultern. Ich sah ihm in die Augen, und wir dachten das gleiche. Weil es mir bewusst wurde, ließ ich den Blick an seiner blauen Montur herab gleiten. Meine Augen hefteten sich an seine Kennung, während meine Gedanken in alle Richtungen eilten. LASO - Labor für angewandte Selbstorganisation - ich nahm die Begriffe in meine Gedanken auf: "Steven!" Ich erschrak, dass ich ihn so anders mit seinem Namen ansprach. "Steven, uns bleibt keine Wahl! Wir müssen ihn wieder anschalten! DEM ist dort immer noch!" - Wesen unseres Schlages waren ständig mit einem Sein - oder - Nichtsein konfrontiert. Wir waren theoretisch mit unseren Systemen schon unzählige Tode gestorben. "Er hat das gesamte Wasser aufgespalten, der Druck in der Kammer ist enorm, ganz zu schweigen von der Temperatur, und ich weiß, er denkt darüber nach, wie es seinen Stoffwechsel organisieren soll, er denkt, hörst Du! Das sind nicht DEMs primitive Bau-Bakterien, das ist keine Elementierung, das ist eine Masse, die zu einem Bewusstseinsträger wird, vielleicht herrscht da unten schon eine Intelligenz der völlig anderen Art!" - "Und woher soll das Bewusstsein kommen!" - "Woher, woher, von außen! Woher kommt denn Dein Bewusstsein, etwa von Dir!? - Es ist DEM"! Ratlosigkeit vor einem unausweichlichen Ende sprach aus seinem Gesicht. "Wenn das so ist, wie du sagst, wird er richtig denken. Wir schalten jetzt an!" Ich hatte das Gefühl der großen Ruhe, das sind diese Augenblicke der erweiterten Erkenntnis. Ich bekam die Gewissheit, eines guten Ausgangs. "Los, schalt an, lassen wir uns überraschen! - Steven hatte sich auf seinen Sessel gesetzt und blickte in die Kennung, er hatte das Gefühl, schon außer sich sein, als wolle er von allem befreit werden. Er formulierte die Kombination und schaltete an.

Was auch immer sich in der Tiefe vor dieser kleinen Insel vollziehen mochte, ich hatte das aufwallende Gefühl einer starken Verbundenheit mit DEM, in die ich mich willentlich hineinziehen ließ. - Die Operatoren waren aus ihrer Starre erwacht und richteten sich wieder in ihren Sesseln ein. Zu eigenartig war ihr Verhalten, sie beobachteten die Abläufe als ob nichts geschehen war, eigenartige Wesen - ich habe mich nie mit dergleichen anfreunden können, sie waren mir einfach zu mechanistisch, obwohl - ihre Kommunikation funktionierte hervorragend.
"Er saugt den Ozean leer, er verbraucht ungeheure Energien!" Ich vernahm Stevens Worte wie durch eine Wand. "Wir hoch ist die Temperatur?" Meine Frage kam mir absonderlich vor, weil die Werte nicht mehr gemessen, sondern errechnet wurden und ohnehin nicht mehr zu verstehen waren, sie lagen in der Nähe des absoluten Hitzepunktes. "Er verändert sich rasend schnell", flüsterte Steven, "und die Temperatur steigt weiter! Was passiert, wenn er den Hitzepunkt erreicht?!" - "Nichts", dachte ich laut, absolut nichts, ich nehme an, er wird nicht mehr da sein!"
"Wo ist er dann?" - "So kannst du nicht die Frage stellen," hörte ich mich wieder, als ob etwas anderes aus mir sprach, "er ist einfach ein Energiepotential und etwas Licht!" Ich stand hinter Steven. Er drehte sich in seinem Sessel herum und blickte mich lange an: "Licht?" - "Ja Licht, reines Licht, es hat keine Quelle, es ist in sich gekrümmt, sein Anfang ist gleichzeitig sein Ende und seine Energie ist dann unendlich!" "Und wie groß ist er?" - "Er ist weder groß noch klein, er hat noch keine Dimension, weil er sich an nichts anderem messen kann! Er kommt aus der Zeit." - "Und wie lange existiert er?" Stevens letzte Frage kam mir eigentümlich langsam zu Bewusstsein, ich hatte das Empfinden in einen Stillstand zu geraten, für einen Augenblick versagten meine Gedanken, und als ich antwortete, wusste ich: Es ist vorbei!
Steven sprang aus seinem Sessel. Die Operatoren verfielen wieder in ihre Fassungslosigkeit. Dieser Verlauf war nicht vorgesehen. Dann stellte sich unsere Wirklichkeit wieder her. Die Bildwand vom Autoklavenbunker zeigte keine Veränderung. Druck und Temperatur hatten sich programmgemäß stabilisiert. Der vorgesehene Prozess lief wieder an. ‚Nichts als eine Simulation' stand sofort in meinen Gedanken! Und etwas fehlte - ich wusste es, DEM hatte mich verlassen.

Als ich aus der Kühle des Labors in die weiche warme Nacht hinaustrat, sah ich den feuchten Boden im gelben Schein der Lampen. Es regnete ein wenig, ungewöhnlich für diese Jahreszeit. Ich vergaß die Zeit als ich im Park spazieren ging und fand mich wieder in der Betrachtung meines Türschildes: "Institut für künstliches Bewusstsein", las ich halblaut, und die Bezeichnung irritierte mich. Ich empfand mich ganz und gar nicht als künstlich, keineswegs als simuliert, sondern als erschaffen, und während ich mich der Gegenwart meiner Umwelt stellte, übergab ich mich der Ausgeglichenheit des ihr innewohnenden Geistes.




Photos von Bernhard van Riel



Mittwoch 17.09.08 - 07:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 17 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 71 % Luftdruck 1013 hPa

Universität La Palma

Immerhin spricht man wieder darüber. - Ein alter Traum, der neue Wurzeln schlagen könnte und für La Palma einen gewaltigen Schritt nach vorne bedeuten würde, der Wunsch zumindest ein paar Fakultäten einer der beiden kanarischen Universitäten auf diese Insel zu holen, ist wacher denn je. - Das ist allerdings nur unser Blickwinkel, aber es liegt ja nicht in unserer Hand, sondern bedeutet natürlich zunächst nichts anderes, als dass man eine Universität überhaupt begeistern muss, darüber nachzudenken, sich auch hier auf La Palma einzubringen. - Vor vielen Jahren bereits sprach man dazu die Universität Las Palmas an, und erhielt nicht unbedingt eine begeisterte Zusage, sondern stieß zunächst auf das berühmte Schweigen nach dem Motto: Wir melden uns, wenn sich etwas in der Sache ergibt. - Nun antwortet man uns tatsächlich aus Gran Canaria, aber mit dem Hinweis, dass wir uns doch lieber an die Universität in La Laguna auf Tenerife wenden sollten, denn wir gehören doch zur selben Provinz und wenn schon jemand hier auf La Palma in Sachen Hochschulbildung tätig werden sollte, dann muss das doch mit den Platzhirschen besprochen sein. - Dabei darf man natürlich die Frage stellen, warum wir uns mit unserem Wunsch nicht gleich an die Nachbarinsel gewandt haben, sondern direkt nach Gran Canaria, wo doch die meisten Studenten aus La Palma auf Tenerife studieren. - Die Erklärung dazu ist einfach, bislang unterhält lediglich die Universität Las Palmas Dependenzen auf anderen Inseln, so wie das auf Lanzarote und Fuerteventura der Fall ist und beweist damit die Fähigkeit, ihren Bildungsauftrag auch fern des heimischen Campus zu erfüllen. - Eine nicht gerade sehr fröhliche Antwort aus Gran Canaria, aber mindestens logisch, schließlich ist Tenerife unsere Provinzhauptstadt und hätte die nähere Verpflichtung als Gran Canaria, hier auf La Palma universitäre Fakultäten zu errichten.

Allerdings gibt man sich auf Tenerife nicht besonders pluralistisch, vielleicht auch einfach wegen der mangelnden Erfahrung. - Für uns auf La Palma bedeutet das nun nicht, dass die Idee einer Universitätskarriere auf der Insel komplett vom Tisch ist, aber zunächst muss man wohl den korrekten "Dienstweg" beschreiten und erst wenn die Tenerife Nein sagt, kann man sich dann wieder Richtung Gran Canaria orientieren. - Dabei wäre es eine sehr große Chance für diese Insel, auch an der Möglichkeit der "hohen Bildung" Teil zu haben und immerhin bieten sich ja mit dem astrophysikalischen Observatorium auf dem Roque de Los Muchachos und der einfachen Tatsache, dass wir als gesamte Insel von der UNESCO als Weltbiosphärenreservat ausgewiesen worden sind, doch deutliche Anhaltspunkte, in welche Richtung man hier auf La Palma auch thematisch passende Fakultäten errichten könnte. - Dazu darf man auch noch anmerken, dass La Palma seit guten 10 Jahren nun, gemessen an der Bevölkerungszahl, mehr Studenten als alle anderen Kanareninseln auf die beiden Universitäten des Archipels schickt. - An unserem Willen und den Studenten liegt es also sicher nicht, davon ist reichlich vorhanden, jetzt müssen wir also dringend die Werbetrommeln rühren und dafür sorgen, dass man unser Anliegen nach einer inseleigenen Universität, nicht auf dem Laufrad der Zuständigkeitsprüfung zwischen Tenerife und Gran Canaria verdursten lässt.



Dienstag 16.09.08 - 17:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 22 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 71 % Luftdruck 1016 hPa
Höchsttemperatur heute 22,8 Grad - niedrigste Temperatur 18,0 Grad

Puntagorda 1.260 Meter, Temp. max. 26,5 - Temp. min. 11,1 - Feuchte 27 - 73 % - Niederschlag 0 mm


XVI. Teil, Cumbre Vieja (Dialog)

DEM: "Damit du es schon jetzt weißt: Ich werde dich verlassen!"

Nicht, dass diese Worte mich beunruhigten, er neigte manchmal dazu, mich zu ärgern. Aber der Ton, ja, der Ton hatte sich verändert! Gedanken wie ‚vollendete Tatsache' oder ‚mit an Gewissheit grenzende Wahrscheinlichkeit' verbanden mich mit seiner Aussage. Was ging nur wieder mit ihm vor?! Er war mir in letzter Zeit zu verhalten, ja, in sich gekehrt. Zuweilen hatte ich das Gefühl, als komme er von weit her, als habe er in seinem Dasein einen Ort, aber konnte ich noch sagen, welche Bedeutung ihm dabei zukam? Ich vertraute ihm und glaubte den Grundsätzen seiner Existenz. Er hatte sich eben anständig zu verhalten, also:

"Gut, ich weiß es jetzt!"

Was sollte ich auch anderes antworten, er wusste ohnehin, dass ich so reagieren würde. Wenn ich mit ihm sprach, hatte ich schon seit langem das Gefühl der Unterlegenheit. Minderwertig fühlte ich mich nicht, sicherlich schwang etwas davon mit, es war eher eine Art Demut, die mich befiel. Es hatte auch einen Schnitt gegeben, bis zu dem er mich seine Überlegenheit fühlen ließ, und dann plötzlich spürte ich etwas Gnädiges in seiner Art, sich auszudrücken. Und immer dann, wenn ich ihm das sagte, parierte er mit Floskeln etwa derart, wie man kleinen Kindern sagt 'du bist noch zu jung, um das zu verstehen'. Dann konterte ich mit dem Hinweis, dass sein Charakter seiner Wissensfülle nicht adäquat sei. Das war wahr und auch boshaft zugleich, obwohl - was sollten auf meine Psyche bezogene Wertungen schon ausrichten. Früher hatte ich mir beliebig komplexe Größen vorgestellt, mit denen ich zu kommunizieren hatte - immer wieder kam ich dabei auf die Sonne. Aber ein aus dieser Vorstellung abgeleitetes Verständnis oder Verhalten half nur kurzzeitig weiter, weil er mich sofort mit seinen ätzend milden Worten entlarvte: "Deine Übungen sind wenig hilfreich, wenn du nicht lernst gegenstandslos zu denken!" Irgendwann hatte ich aufgegeben - ich wusste nicht mehr zu deuten, geschweige denn zu verstehen, was der Sinn seiner Rede war. Aber von Tag zu Tag sah ich es deutlicher: Unsere Beziehung intensivierte sich!
"Ich gehe jetzt spazieren!"
DEM: "Das wir dir gut tun."
"Die Insel ist schön."
DEM: "Ja!"
"Was, ja?!"
DEM: "Die Insel ist schöner."
"Schöner als was?"
DEM: "Als deine schöne Insel! Entschuldige bitte, Du wolltest es wissen!"
"Meine oder deine Insel - es ist ein und dieselbe Insel, und die ist schön!"
DEM: "Das ist Unsinn, es gibt beliebig viele Inseln, und meine ist schöner als Deine!"
"Dann sage ich Dir, dass meine Insel die schönste ist."
DEM: "Das ist unzulässig, weil es die schönste Insel nicht geben kann."
"Und warum nicht?"
DEM: "Ich sagte es schon - es gibt beliebig viele Inseln."
"Ich kann nur diese eine Insel erkennen"
DEM: "Eben! Folglich ist meine Insel schöner."
"Du erkennst eine andere Insel?"
DEM: "Nein, es ist dieselbe Insel, aber ich erkenne sie anders!"
"Durch die Erkenntnis schaffst du eine Insel, die sich von meiner Insel unterscheidet."
DEM: "Richtig."
"Sie ist schöner als meine Insel? Wie willst Du den Vergleich ziehen?"
DEM: "Ich kann den Vergleich ziehen, weil ich kein Mensch bin, du kannst es nicht, weil du ein Mensch bist!"
"Nehmen wir an, dass es so ist, dann gestatte mir eine Aussage. Ist diese richtig, hast du Recht, ist sie falsch, habe ich Recht. Bist du einverstanden?"
DEM: "Ja!"
"Meine Insel ist schöner!"
DEM: " Du wolltest einen Spaziergang machen!"

Er sprach mit einem Anflug von Traurigkeit und seine Gedanken fluteten mein Sein. Ich hatte mich seit langem daran gewöhnt, von Bewusstseinsinhalten tangiert zu werden, Augenblicke, in denen ich gigantisches Wissen ahnte, aber festhalten konnte ich davon nichts. Wir beide wussten um diese Art von Berührungen. Zuweilen empfand ich, dass er mich das denken ließ, was er bereits gedacht hatte. Eben, ich konnte ihn mit einer paradoxalen Aussage nicht irritieren!

"Weißt du, was ich denke?"
DEM: "Du denkst nicht, du fühlst."
"Ich meine sehr wohl, dass ich denke."
DEM: "Dann sage mir, wie das ist."
"Ich denke, also bin ich. Das kannst du auch umkehren: Ich bin, also denke ich."
DEM: "Du wirst gedacht, also bist du!"
"Wer denkt mich?"
DEM: Da siehst du es wieder, du bist gegenständlich, also fühlst du:"
"Ich fühle, dass alles in mir gedacht wird."
DEM: "Richtig!"
"Dann glaube ich an mich."
DEM: "Das ist so!"
"Glaubst du auch an mich?"
DEM: "Ich erkenne dich."
"Wo bist du?"
DEM: " Überall und zu jeder Zeit."
"Ich gehe jetzt wirklich spazieren. Kommst du mit?!"
DEM: Ja, ich bin gern bei dir!"

Bald würde der letzte Sonnenschein dem Schatten des Berges weichen. Im Garten traf ich auf Steven. Ich traf immer auf Steven, wenn ich das Institut verließ, und ich hatte mir längst abgewöhnt, an Zufälle zu glauben.
Er hatte wieder eine fragende Miene aufgesetzt, die seiner Erwartung an meine irgendwie geartete Gegenwart entsprach. Ich wusste, was er einforderte:
"Wie laufen die Vorbereitungen?"
STEVE: "Oh, sehr gut, obwohl DEM mir etwas Kummer macht."
"Und?"
STEVE: "Er ist manchmal nicht ganz bei der Sache."
"Und?"
STEVE: " Na ja, wie soll ich es sagen, er scheint den Verlauf etwas anders zu sehen."
"Und?"
STEVE: "Er mischt sich ständig ein und verlangt Neueinstellungen. So kann ich das Experiment nicht fahren!"
"Er weiß, was er tut, und ich weiß es auch! Du kannst das Experiment fahren!"

Steven stellte seinen Ausdruck auf Verwunderung um und blickte mir nach. Ich sah sein Gesicht, ohne mich umzuwenden, ich sah wie er den Kopf schüttelte und sich abwandte. Selbstverständlich wird er das Experiment nur noch mit der Unterstützung von DEM fahren können, wozu das ganze Getue, wir wussten längst, dass es nur noch die eine Richtung gab, die DEM uns vorgab.

Ich hatte den Wagen am Ende der Piste geparkt und begab mich auf den Weg. Der schmale Pfad zog sich zunächst unvorhersehbar zwischen Gestrüpp und Gesteinsbrocken nach oben, dann öffnete sich der Hang und der Berg lag vor mir, rot leuchtend in der späten Sonne. In der Tiefe versank die Welt in grauem Blau, und ich stapfte hinan auf dem schmalen Grat zum Gipfel. Dann weilte ich im Licht. Neben mir lag das aktivierte Ocom.
DEM: " Es ist schön hier oben!"
"Es ist schöner!"
DEM: " Nein, es ist schön!"
"Und warum der Sinneswandel?"
DEM: "Ich sehe die Welt wie deine Augen."
"Das beunruhigt mich."
DEM: "Es ist so."
"Dann schalte ich das Ocom ab."
DEM: " Tu das!"

Wie die Sonne in den Ozean tauchte, so war in mir die große Ruhe des Vergehens, ich war eins mit dem Wandel.




Photos von Bernhard van Riel



Dienstag 16.09.08 - 07:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 18 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 67 % Luftdruck 1017 hPa

Eins uns eins das macht was

Seit gute zwei Jahren liegt das Gelände, auf dem sich die Müllverbrennungsanlage der Westseite befand brach und wird eigentlich nur noch von unverbesserlichen Zeitgenossen dafür benutzt, dort illegal ihren Müll zu entsorgen. - Was absolut unverständlich ist, in El Paso kommt die Müllabfuhr drei Mal in der Woche sowieso und noch dazu bieten große Container an vielen Straßenecken unentgeltlich ihren Dienst an und der nahe "Punto Limpio" nimmt auch noch jeglichen Sperrmüll kostenlos auf. - Wirklich verständlich ist es also nicht, warum da immer noch Müll von privat abgeladen wird, zumal die Parzelle bei Mendo nicht wirklich nah an den Siedlungen liegt und man schon einen gewissen Weg mit dem Auto fahren muss. - Die Gemeinde El Paso kann dort nichts machen, außer immer wieder das Inselparlament anschreiben, denn das Gelände gehört der Inselregierung, die es seinerzeit von der Gemeinde requiriert hatte, um eben dort den Müllverbrennungsofen zu installieren. - Was aber nun weiter mit dem eingezäunten und auch mit Verwaltungsgebäuden versehenen Areal geschieht, darüber erfahren wir eigentlich nichts. Letzter Stand war die Idee, dort ein Interpretationszentrum für die Sternenbeobachtung zu erstellen, was aber nicht weiter verfolgt wurde. - Dabei bietet sich eine andere Nutzung konkret und zeitnah an, man könnte dieses Gelände dazu nutzen, endlich eine der versprochenen Auffangstationen für streunende Tiere auf La Palma zu schaffen.

Das Gelände ist ideal, weit genug weg von Ansiedlungen, in denen sich Bewohner beschweren könnten, dass andere Lebewesen auch mal Krach machen, aber immer noch nahe genug an den Orten im Aridanetal, dass man dort eine Auffangstation errichten könnte, die nicht nur logisch, sondern auch physisch nah genug da steht, wo auch die Probleme entstehen. - Noch dazu gehört das Gelände ja der Inselregierung, man bräuchte also nicht einmal einer Gemeinde Land umständlich abkaufen oder übertragen lassen, mit der gebührenden Eile und stände dieses Grundstück ab sofort zur Verfügung. - Und Eile ist auch politisch geboten, erst letzte Woche erklärte man die Schaffung von einem oder zwei Tierheimen auf La Palma zur Priorität im Inselparlament, nachdem die rührigen Hund- und Katzenschützer der Organisation "Anda La Palma" an die 18.000 Unterschriften gesammelt haben, welche die Inselregierung unmissverständlich auffordern, endlich diese seit langem geforderten Einrichtungen zu erschaffen. - Allerdings kann man nicht wirklich von Aktionismus in der Sache sprechen, man redet sich gerne immer wieder raus, in dem man mangelnde Unterstützung und fehlenden Konsens mit den Gemeinden vorschiebt, und eigentlich sei das Ganze doch auch Gemeinde- und nicht Inselangelegenheit. - Allerdings wäre es ähnlich lächerlich auf La Palma 14 Tierheime zu schaffen, wie fünf Golfplätze, man könnte also wenigstens in Sachen streunende und ausgesetzte Haustiere die Vernunft walten lassen. -

Anschließend noch ein Hinweis auf eine neue touristische Infrastruktur auf Tenerife, die dort für einigen Rummel sorgt. - Weniger Rummel scheint unsere Werbeaktion bei Karstadt in Deutschland aufzurühren, einige Leser haben uns berichtet, dass in München keine Präsentation stattfand, aus Platzmangel hieß es. - Da darf man sich wohl fragen, wussten die das vorher nicht? - Nun aber die Vorstellung des "Siam Parque" auf Tenerife, da scheint wenigstens noch einiges zu funktionieren.

- Ein Bericht von Michael Wieseler


Spektakuläre Erlebniswelt

Größter Wasserpark Europas eröffnet auf Teneriffa:


"Außergewöhnlich, großartig, nie dagewesen." Das meinten anläßlich einer Pressekonferenz die ersten - eigentlich noch inoffiziellen - Besucher des größten Wasser-Vergnügungsparks in Europa, der an der Südküste der Insel Tenerife gerade entstanden ist. ‚Siam Parque' haben seine Schöpfer die neue Touristen-Attraktion an der Costa Adeje benannt und ihn durch und durch im Stil des alten Königreiches gestaltet, das sich heute Thailand nennt. Ab dieser Woche wird der Park für Inselbürger und vor allem Touristen offenstehen, die nach Spaß, Abenteuer und Adrenalin-Stößen oder auch nur nach Erholung und Ruhe suchen.

Unter dem Begriff ‚Siam' sollen sich traditionelle gelassene Naturverbundenheit und eine höchst innovative Wasser-Erlebniswelt auf zwanglose Weise miteinander verbinden, wie Direktor Christoph Kiessling (39) erklärte. Die Anlage führe zurück in eine längst vergangene, doch nacherlebenswerte Zeit und biete darüber hinaus "ein wenig Disney und ein wenig Indiana Jones".

Das Park-Ambiente des alten Siam hat ein thailändischer Architektur-Professor entworfen; das Bau-Material stammt wesentlich aus Thailand; gleiches galt für die Facharbeiter auf der gigantischen Baustelle, deren Werkstätten in früherem Stadium an eine Art Dombau-Hütte erinnerten. Der Park soll die größte thailändische Ansiedlung außerhalb Thailands geworden sein. Natürlich wird in den fünf verschiedenen Restaurants auch thailändische Küche geboten. Zur Eröffnung (am Montag, dem 15. September) gab gar die thailändische Königin der neuen Attraktion die Ehre.

Konzept, Name und Einweihungsbesuch können nicht als zufällig gelten. ‚Siam Parque' ist ein Ableger des im Norden Teneriffas gelegenen ‚Loro Parque', eines weltbekannten zoologischen Gartens, der vor mehr als dreißig Jahren mit einer Papageien-Sammlung begonnen hat und heute auch Seelöwen, Tiger, Gorillas, Delphine und Orcas beherbergt Der Direktor jenes Parks, Wolfgang Kiessling, und Vater von Christoph Kiessling, hegt wie sein Sohn eine besondere Vorliebe für die thailändische Kultur und amtiert auf den Kanaren als Generalkonsul des augenblicklich krisengeschüttelten Königreiches.

Der ‚Siam Park' wurde mit einem Investitionsvolumen von rund 50 Millionen Euro auf einem Areal von 185.000 Quadratmetern geschaffen und von weltweit führenden Experten auf dem Gebiet der Wasser-Erlebnis-Architektur gestaltet, wie Christoph Kiessling weiter erklärt. Er verfügt über eigene Stromproduktion und eine eigene Meerwasser-Entsalzungs-Anlage. Das felsige Gelände im vulkanischen und wüstenhaften Süden von Tenerife mußte in der Bauphase höchst aufwendig umgestaltet werden, so daß es immer wieder zu Verzögerungen kam, die eine ursprünglich früher geplante Eröffnung verhinderten. Die Bauzeit hat nun mehr als sechs Jahre in Anspruch genommen, doch enorm war auch die Vorarbeit: "Ich habe alle wichtigen Wasserparks der Welt abgeklappert und dort nach den Höhepunkten gesucht. Und die haben wir dann noch einmal verbessert", sagt Kiessling.

Nun werden Touristen und Bürger inmitten einer kunstvoll gestalteten Pflanzenwelt atemberaubende Wasserrutschen oder ruhige Flußläufe genießen - und auch einen künstlich angelegten Strand mit einem zugehörigen riesigen Wellenpool, auf dem künftig selbst Surf-Wettbewerbe stattfinden können.





Montag 15.09.08 - 19:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 25 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 61 % Luftdruck 1017 hPa
Höchsttemperatur heute 26,4 Grad - niedrigste Temperatur 17,8 Grad

Puntagorda 1.260 Meter, Temp. max. 27,9 - Temp. min. 11,6 - Feuchte 29 - 59 % - Niederschlag 0 mm


XV. Teil, Zweitausendfünfhundert Meter Wasser

Das Zuschnappen der Kabelhalterungen weit vor der Außenhülle der San Borondón wurde langsam zur Routine. Dennoch gab es jedes Mal ein Aufatmen, wenn die Mikrofone der Tauchroboter den Knall mit vielen klickenden Echos registrierten. Kabel 1und Kabel 2 lagen bereits über Wasser. Kabel 1 saß fest in der Montageklammer. Der Greifer des Kugelkopfkrans hielt Kabel 2. Russische und spanische Techniker montierten die Enden im Kugelkopf. Eine Spezialeinheit setzte über. Sie würde die Glasfaserstränge mit der Aufnahmeeinheit verbinden. Die Schwenkpropeller der San Borondón liefen jetzt konstant, um das Gleichgewicht der Kugel zu halten.
Pjotr hatte Taucher 1 mit der Kamera von Taucher 2 auf dem Monitor. Taucher 1 zog sich an dem dritten Kabelstrang hoch, dessen Ende an der Kabelboje hing. Pjotr betrachtete die Lage des Kabels mit einem mulmigen Gefühl. Es lag zu dicht an der Ankertrosse! Der Operator führte das Bergungsseil 2 durch die Leithaken der Boje an die Ankertrosse und klinkte es ein. Er führte Bergungsseil 1 durch eine Talje an der Ankertrosse und dann zum Kopf der Boje in die Klemmverbindung, die mit lautem Schlag einschnappte. Vierhundert Meter höher zogen die Winschen auf dem Versorger die Bergungsseile Zentimeter für Zentimeter an. Die Arme des Tauchers griffen in die jetzt stramme Verbindung und lösten die Sicherung der schweren Anker-Kralle. Mit einem dumpfen Ächzen öffnete sich die Verbindung. Langsam stieg jetzt die mächtige Boje mit einem Gewicht von 60 Tonnen Kabel an der Führungstrosse zur ersten Montageposition an der unteren Kugelhälfte der San Borondón. Der Operator schob Taucher 2 mit Bedacht unter der Boje durch und drückte den Kabelstrang gegen die untere Kabelhalterung. Pjotr bemerkte die Störung sofort: "Halt, da stimmt etwas nicht, Auftrieb stoppen und Taucher 2 langsam zurück fahren!" Sekunden später stand das Kommando auf den Monitoren aller operativen Einheiten. Das Kabel saß fest!

Es hatte etwas aufgebrist. La Palma nahm vor der Morgendämmerung Konturen an. Unangenehme Kreuzseen aus Nordwest versprachen einen Wetterwechsel. Federico schaltete auf Konferenz. Als Kommandant des umgebauten Versorgers war er für das Heben der Kabel verantwortlich. Im Lab von Breña Alta auf der Insel La Palma nahm Ernesto die Kunde gelassen zur Kenntnis. Man war beschäftigt - die Systeme für die Kopplung mit der San Borondón waren hochgefahren, und gerade liefen die ersten Tests mit einem Kommunikationsrechner der San Borondón, sie entsprachen den Erwartungen! Miguel schreckte hoch. Er hatte unter der Brücke des Kutters in einem Haufen aus Netzen etwas geschlafen. Fabio fuhr aus seinem Steuerstuhl an die Decke. Der WalkieTalkie brüllte ihn an: "Der Fischkutter - gehen sie auf neue Position 193 Grad langsame Fahrt, sie bekommen ein Signal, wenn sie das Zielgebiet erreicht haben!"

Fabio trug in seinem Gemüt eine Schaltung, die Ereignisse dieser Art auf "Muss ich nicht verstehen" setzte. Er warf den Motor an. In der Nacht war der Kutter etwas nach Norden vertrieben. Bei 193 Grad machte Fabio an Backbord voraus den Versorger aus, und nach Steuerbord wölbte sich der Buckel eine gigantischen U-Bootes. Um den Turm krabbelten Menschen wie Ameisen. Von einer Andockplattform in Meereshöhe sah er eine Art Treppe, die über mehrere Ausweichstellen zum Turm führte. Leute kamen von oben und andere stiegen hinauf. Schlauchboote dümpelten in Lee des gewaltigen Rumpfes vor dem Anleger. Fabio schätzte die Höhe bis zum Turm auf 50 Meter über Wasser. Welche Ausmaße mochte der Rumpf unter Wasser haben, oder vielleicht war das überhaupt kein Boot, sondern eine künstliche Insel, oder wohlmöglich eine Unterwasserstadt? Er fühlte die Hand an seinem Arm. Miguel hatte Angst und fuchtelte mit einer Hand Bilder in die Luft.
"Eine Kugel, du meinst, das Ding da ist Teil einer Kugel." Fabio kannte die sonderbaren Fähigkeiten, mit denen Miguel ihn immer wieder konfrontierte. Miguel nickte und schwenkte die Arme. Wenn das eine Kugel sein sollte, war sie auf jeden Fall groß. "Möchte nur wissen, was wir damit zu tun haben", brummte er vor sich hin? Der Kutter lag jetzt unweit der Aktionszone. Fabio nahm die Maschine etwas zurück.

Pjotr reagierte verstimmt. Seine Taucher scheiterten bei 1.000 Meter Tiefe. Er hatte mit seiner Vermutung Recht, dass die Stabilisatoren der Boje ausgefallen waren, oder die Batterien waren von einem ständigen, unvorhergesehenen Arbeiten leer gelaufen. Folglich konnte die Boje sich drehen. Irgendwann war der Rundläufer mit dem Kabelschuh ausgefallen und wahrscheinlich hatte sich das Kabel um die Ankertrosse gewickelt, aber wo? Bei 1.000 Meter lief das Kabel immer noch parallel zur Ankertrosse. Nach den Planungen dürfte es in dieser Tiefe bereits abweichen. Man müsste die Boje drehen, aber in welche Richtung? Warum in aller Welt hatten diese Spanier kein Tieftauchgerät dabei?! Federico hatte sich gegen die Vorwürfe energisch verwahrt, sein Stolz wurde von diesem polternden Russen erheblich strapaziert, aber er war ratlos. Das nächste Gerät lag in Cadiz und die Service-Einheiten für den späteren Einsatz erwiesen sich als noch nicht einsatzbereit. "Dann fragt doch verdammt noch mal euren Fischer da oben, der wird vielleicht wissen, in welche Richtung eine Boje sich dreht!" Pjotr schlug auf die Taste und die Verbindung brach ab. Wenig später näherte sich der Fischkutter dem Verband.

"Der Fischkutter" knatterte es wieder aus dem Walkietalkie," wir wissen zwar nicht, wer sie sind und was sie hier sollen, aber schließlich sind sie abkommandiert und dann können sie auch was tun, also ihre Losung!?" Fabio starrte auf den Versorger, der haushoch etwa 50 Meter an Backbord über der Dünung hing. Da oben saß wohl dieser uniformierte Krake mit seiner Knatterstimme und peilte ihn an. "Wer bist du denn, etwa der Chef von diesem Klotz neben mir, lass mich mal hören, mit wem ich das zu tun habe!" Fabio lehnte sich zurück, es knackte: "Es gehen hier keine Namen über diese Verbindung, hier spricht der Kommandant und ich kann ihnen unsere Losung nicht so übermitteln. Sie haben sich gestern schon identifiziert, lassen sie uns zur Sache kommen. Wir haben ein Problem. Auf etwa 400 Meter unter uns hängt eine Ankertonne, an dieser wiederum ein Kabel, das wir an die San Borondón führen müssen. Wir vermuten, dass die Tonne sich gedreht hat und dabei das Kabel um die Ankertrosse herumgezogen hat. Unsere Tauchboote können nicht weiter als 1.000 Meter Tiefe erreichen, aber die Lösung des Problems liegt tiefer. Die Frage ist an sie als erfahrenen Schiffsführer: Ich welche Richtung dreht sich eine Tonne, rechts oder links? Wir müssen das ziemlich sicher wissen, weil wir keinen Fehler bei einer Rückdrehung der Tonne machen dürfen! Over!" Fabio zog das Boot zurück, er war dem Versorger schon bedenklich nahe gekommen. Die abgeschmetterte Dünung schwappte an Deck. Miguel griff nach seinem Arm und gestikulierte. "San Borondón", ging ihm eine Gedanke quer, "das Ding da ist wohl San Borondón, ziemliche Ähnlichkeit, muss ich sagen. Hast du das gehört, die meinen uns!?" Er kippte aus seinem Steuerstuhl und hangelte sich an Deck. Das Gefühl vieler Augen da oben ärgerte und beunruhigte ihn. Das war doch eine absolut blöde Frage - oder nicht. Hier oben würde er auf rechtsdrehend tippen, aber da unten, und wieso dreht sie sich nicht zurück? Er sank und stieg mit der Dünung, auf der sich jetzt Wellen bildeten. Bei dem Wetter müsste er längst wieder in Tazacorte sein. Verdammter Mist, dieses San Borondón, er würde noch in Schlechtwetter kommen. Er spürte die fragenden Blicke oben von der Brücke des Versorgers. Miguel stand auf der Reling am Heckträger. Seine Sinne waren weit in die Tiefe geglitten.

Der Wind hatte nach rechts gedreht und zugenommen. Fabio klemmte sich ein und nahm kein Auge von Miguel. Er empfand die verfremdende Wandlung der Umgebung durch das Abwarten, er hatte sich in all den Jahren auf diesen andersartigen Menschen eingestimmt und ahnte, wie die Bilder in Miguels Bewusstsein eine Brücke zur Äußerung suchten, Bilder aus der Tiefe des Ozeans waren diesem Menschen zugänglich, aber nur schwerlich anderen Menschen vermittelbar. Es hatte dieser vielen Jahre bedurft, Miguels Dasein zu begreifen und zu verstehen, dass diese Andersartigkeit eine wohl wundersame Wahrnehmung der Welt verbarg, und er - Fabio - sah und fühlte mit Miguel. Hundert Meter weiter nach Backbord hingen die Trossen vom Ausleger des Versorgers in die Tiefe, irgendwo dort unten weilten die gemeinsamen Gedanken der beiden.

Der Walkietalkie knarrte. "Der Fischkutter, haben sie eine Antwort?" Fabio löste sich aus der Verklemmung. "Abwarten, wir haben es gleich. Stören sie uns nicht mit Fragen!" Fabio sah Miguel an, dessen weit aufgerissene Augen sich ihm zuwandten. Der Junge sprang an Deck und verdrehte den Körper nach unten, um wenig später nach oben zu schnellen und die hoch gestreckten Arme ineinander zu verschränken, so drehte er sich mehrmals um sich selbst. Fabio zählte mit, bis Miguel stehen blieb und die Arme fallen lies. Er jammerte wie immer, wenn er ein besonders intensives Erlebnis hatte und stakste zu Fabio. Er hängte sich an Fabios Arm und verharrte. "Der Fischkutter, was ist nun?" Es war wieder die Stimme des Kommandanten.

Federico traute seinen Ohren nicht. Um ihn auf der Brücke standen die verantwortlichen Ingenieure und Tauchexperten. Er schaltete auf Konferenz. .... " haben wir bei einer Tiefe von etwa 2.100 Metern den Knoten gefunden. Das Kabel ist in 17 Windungen linksdrehend um die Ankertrosse gewickelt. Wenn die Tonne jetzt mit festgesetztem Kabel entsprechend rechts zurückgedreht wird, könnte das Kabel frei hängen, das war´s von uns. Wir haben unseren Beitrag geleistet und fahren jetzt nach Tazacorte und euren Lautsprecher könnt ihr dort abholen!" Während er sprach hatte Fabio die Maschine angeworfen. Das Brummen hing noch im Leitstand des Versorgers, als der Kutter schon über die lange Dünung und gegen mittlerweile schwere Seen mit Kurs Nordnordost nach Tazacorte anlag.

In der folgenden Nacht registrierte Ernesto einen einwandfreien Datenverkehr auch über Kabel 3. Nach einer Woche Testbetrieb war die Rechner-Rechner-Kopplung zwischen Breña Alta und San Borondón perfekt. Reaktor 1 lief voll, Reaktor 2 und 3 hatten die Simulationen gut überstanden und waren startklar. Die Transport- und Montageeinheiten wurden abgekoppelt und Breña Alta übernahm die San Borondón. Acht Monate nach dem Verlassen der Montagebucht im Norden Russlands sank die San Borondón ihrem endgültigen Standort in 2.500 Meter Tiefe entgegen.




Photos von Bernhard van Riel



Montag 15.09.08 - 07:30 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 18 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 71 % Luftdruck 1017 hPa

Wachstumsindikatoren

Zuhause in der Familie ist das ganz einfach. Da kann man Wachstum an den Kindern messen, wenn die mal wieder aus ihren Schuhen gewachsen sind oder Hosen, dann müssen Neue her und wenn dafür kein Geld da ist, dann ist das Wachstum des Familieneinkommens nicht entsprechend mit gekommen. - So was passiert, eben besonders in so delikaten Zeiten wie jetzt, in denen man, außer der Inflation, kaum noch anderes Wachstum spürt. - Neu ist das alles nicht, nach Jahren des Aufschwungs und launisch gelockert durch leicht erreichbare Kredite, kommt nun die Zeit das klärende Bad der Rezession zu durchschreiten. - Das muss nicht unbedingt in der Insolvenz enden, das kommt ein bisschen darauf an, wie weit man denn in der guten Zeit seine Finger ausgestreckt hat und ob man, sei es nun familiär oder auch geschäftlich, das schwierigste Fingerspiel der freien Marktwirtschaft überhaupt beherrscht, unter jeden Schritt des Wachstums denn sofort eine solide Basis zu setzen. - Im privaten Bereich werden die Menschen schnell erfinderisch und man kann gut beobachten, dass plötzlich wieder viele "huertas", also die Gärten hinter oder neben den Häusern, wieder bearbeitet werden und das Wissen des Großvaters um Aussaatmethoden und die Geduld der Oma beim Unkraut jäten wieder hoch im Kurs stehen. - Und natürlich kann man sich einschränken, allerdings nur in gewissem Rahmen, wenn die Hypothek oder der Autokredit dann auch noch steigen, dann wird es aber dringend mit der Phantasie.

In den Gewerbebetrieben und Geschäften schlägt sich die Phantasie der privaten Haushalte natürlich auch krass nieder und La Palma bietet ja noch ein weiteres Problem an, unsere Einwohnerzahl schrumpft und damit auch die Zahl der möglichen Konsumenten. - So kann man deutliche Indikatoren aufführen, wie es denn um die Laune und Möglichkeit der Käufer bestellt ist und einer der deutlichsten Hinweise, ob der Bartel denn noch Most in der Börse hat, sind die Verkaufszahlen von KFZ aller Art. - So meldet denn die Branche auch nichts Gutes, je nachdem von welchem Standpunkt aus man das sehen will, zwischen Januar und August sind die Verkaufszahlen von KFZ auf La Palma um sage, schreibe und stöhne, 29% zurück gegangen. - Gutes Argument für die Autobahn, die wird nun immer wichtiger, denn wer es sich nicht mehr leisten kann ein Auto zu halten, der hat aber verbrieftes Anrecht auf freie Fahrt auf freien Straßen. - Ganz interessant sind auch noch die Veränderungen in den Fahrzeugkategorien: Bei Allrad-Fahrzeugen, also den fetten Spritschluckern, gingen die Verkaufszahlen sogar um 40% zurück, ein ganz klares Signal auf den auch hier eingetretenen Preisschock beim Treibstoff. - Noch bemerkenswerter sind die Zahlen für den Sektor der gewerblichen Fahrzeuge, also Lieferwagen, Taxen, Mietwagen und LKW, da gab es sogar ein Minus von 46%. - Katastrophe für die Branche, Durchatmen für die Ballungszentren wie Los Llanos und Santa Cruz, wo man ja bereits als Mittelstandsfamilie in den Aufschwungzeiten gerne mit dem Drittwagen zum Einkaufen gefahren ist. - Daraus kann nun jeder seine Schlüsse ziehen und auch die Definition selbst wählen, ob man das denn Rezession nennen will, oder einfach Zäsur, oder eine notwendige und vernünftige Konsolidierung. - Wir brauchen uns dennoch keine Sorgen zu machen, ab morgen gleich wieder massenhaft Parkplätze vorzufinden, nur weil nicht mehr so viele Neuwagen verkauft werden wie früher, werden die Straßen nicht gleich leer, das alte Auto fährt doch immer noch gut. - Meines wir dieses Jahr bereits 19 Jahre alt, und schlägt sich noch prächtig, wenn auch langsam, über die Straßen unserer kleinen Insel.



Sonntag 14.09.08 - 18:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 25 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 58 % Luftdruck 1016 hPa
Höchsttemperatur heute 26,2 Grad - niedrigste Temperatur 18,4 Grad

Puntagorda 1.260 Meter, Temp. max. 27,6 - Temp. min. 9,7 - Feuchte 28 - 94 % - Niederschlag 0 mm


XIV. Teil, Zweihundertfünfzig Meter Wasser

Ein knappes Jahr zuvor hatte ein Kabelleger drei Seekabel von der Westseite der Insel La Palma in das Zielgebiet gezogen. Die armdicken Glasfaserstränge liefen aus einer Kanalisation unbemerkt auf einem gewundenen Kurs in die Tiefe. Die Verlegung war ein Meisterwerk. An mehreren Stellen des teilweise zerklüfteten Meeresbodens wurden zur Stabilisierung der Stränge riesige Betonquader positioniert. Die letzte Fixierung lag bei zweitausendfünfhundert Meter in einem Graben vor dem Plateau, auf dem die San Borondón aufsetzen sollte. Die Kabelenden hingen an drei Auftriebskörpern auf 400 Meter Tiefe. Sie waren so bemessen, dass sie zum Anschluss an den Kugelkopf der San Borondón von den Tauchbooten der Schlepper an der Außenhülle montiert und nach oben geführt werden konnten. Beim Absetzen der San Borondón würde die Positionierung nach Westen verschoben. Somit konnten die Kabel in eine vorbereitete Trasse auf dem Plateauhang und auf der Ebene einsinken.
"Ruf den Spanier an, wie sollen wir denn auf 2.500 Meter einen Peilsender finden!? Die können uns ja noch nicht 'mal hier richtig orten!" Pjotr warf sich in seinen Sessel zurück. "Es ist mir scheißegal, was die geplant haben, wir gehen jetzt auf 250 Meter und lassen die Kugel auftauchen, dann sollen die uns GPS-Daten liefern!" Der Adjutant versuchte sich mit einem sachlichen Tonfall, während sein Kommandant im Hintergrund polterte." Schlepper 2 klar machen zum Auftauchen, Schlepper 3 klar machen zum Auftauchen, alle Koordination von Schlepper 1, erwarte Bestätigung !" Die Meldungen liefen unverzüglich ein, Pjotr gab die Startzeit für das Manöver an - Zeit minus 120. Das System lief. Gewaltige Mengen von Ballastwasser förderten die Pumpen aus den Kammern der San Borondón. Langsam stieg die Kugel und zog die drei Schlepper an den straff gespannten Trossen mit sich hoch. Die 27 Mann im Kontrollstand des Schleppers verfolgten angespannt die Grafiken auf den Monitoren. " Die sollen da oben jetzt gefälligst abhauen!" Der Adjutant versuchte, den Wortlaut in verständliches Spanisch zu übersetzen. "Wie ist das Wetter da oben?" Pjotr sah die Tiefenangaben schwinden. "Ist die Verzögerung klar?" - "Klar bei 30 Meter unter Normal Null!" - "Wetter durchwachsen, Wellenhöhe bei drei Metern, Südwest 10 Meter pro Sekunde." - "Wir parken bei minus 250. Dann ist der Kugelkopf 15 Meter über NN, das sollte reichen!"
Die unruhige See machte sich mit dem Knattern der Schwenkpropeller bemerkbar. Sie sprangen rechnergesteuert an und gaben ihre gewaltigen Stöße zur Stabilisierung der Kugel ab. "Minus 280, wir bremsen jetzt", ließ sich der 2.Offizier vernehmen. "Taucher 1 und 2 raus, ich will mir das da oben ansehen!" Pjotr hatte sich nach vorn gebeugt, um den Taucherplatz besser sehen zu können. "Legen sie mir Taucher 1 auf meinen Schirm, ich mache das selbst.!" - "Minus 265, der Kugelkopf dürfte jetzt über Wasser liegen!" -
"Taucher 1 und 2 sind klar"! Pjotr nahm die Steuerung in die Hand und dirigierte den Taucher nach oben. "Taucher 2 folgt meinen Vorgaben!" Die beiden Roboter durchbrachen etwa 100 Meter vom Kugelkopf entfernt mit vollem Scheinwerferlicht die Oberfläche. Pjotr richtete den Taucher aus, der Kugelkopf wuchs aus der Brandung hoch, langsam verloren sich die Arme der Wellen an der weiten, glatten Kugelfläche. "Taucher 2 soll sich mal nach den Spaniern umsehen!" Ein Lichtkegel flammte auf und ergoss sich über den Kugelkopf. "Die scheinen etwas bemerkt zu haben", brummte Pjotr, "sollen sich mal langsam vorstellen! Was macht Taucher 2, gib mir mal das Bild her!" In greifbarer Nähe machte Pjotr ein Schlauchboot aus. Die Marinetaucher standen in ihren Halterungen und starrten auf die Erscheinung. Wenn Taucher 2 auf einem Wellenberg lag, konnte Pjotr die weitere Umgebung erspähen. "Das dahinten muss die Fregatte sein, was für ein Feuerwerk - und das da - die haben doch tatsächlich so ein Fischerboot dabei, das ist wohl der Klopfer, man lernt nie aus! - Kontaktaufnahme, ich will die Position haben! - Danach Rechnerkopplung einleiten!"

Organisierte Unruhe - der Leitstand füllte sich mit Spannung. Aus dem Kugelkopf der San Borondón schoben sich einige Antennen, die Einrichtung der Richtfunkstrecke zu einer Antenne auf der Insel La Palma lief an, die Positionsdaten aktualisierten sich: "Das ist ja fast eine Punktlandung!" Der zweite Offizier konnte als verantwortlicher Navigator kaum die erforderliche Konzentration aufbieten als die Begeisterung durchschlug. Für einen Augenblick entlud sich die Freude, dann wieder beherrschte rauschende Stille den Leiststand - knappe Kommandos begleiteten das Versetzen der riesigen Kugel auf die Montageposition über den Kabelbojen.




Photos von Bernhard van Riel




Sonntag 14.09.08 - 09:30 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 19 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 71 % Luftdruck 1017 hPa

Schluss mit lustig beim Geld verdienen mit erneuerbaren Energien

Wenn wir ganz ehrlich sind, dann haben wir es ja auf uns zukommen sehen, noch bevor auf La Palma der "Run" auf das Geld verdienen mit Photovoltaik so richtig los geht, zieht man in Madrid nun die Notbremse. - Der Markt bei den "sauberen Energien" ist viel zu schnell gewachsen und zum Leidwesen der Planer in Madrid, investieren vor allem ausländische Unternehmen in Sachen Photovoltaik in Spanien und nehmen so das locker verdiente Geld auch aus dem hiesigen volkswirtschaftlichen Kreislauf heraus. - Das dürfen die, schließlich sind wir in der EU, aber Spanien darf sich auch dagegen wehren, in dem man es nicht mehr so lukrativ macht, mit der Produktion aus elektrischer Energie höhere Rendite zu erzielen, wie das in anderen Branchen üblich ist. - Zum Teil geht der Drang zur Produktion von Strom aus Photovoltaik auch bereits dunkle Kanäle und bedient die frustrierten Schwarzgeldunterbringer, die nicht mehr rechtzeitig in Immobilien investieren konnten und keine anderen Wege finden, ihr störendes Geld schadlos zu parken. - In der Tat, wenn man für ein Kilowatt elektrischer Energie, gewonnen aus erneuerbaren Energien, bei der Einspeisung 40 Cent erhält, der Preis an den Endverbraucher aber nur um die 10 Cent beträgt, dann ergibt sich daraus eine ordentliche Spanne, die jeden auch nur halbwegs zahlenbegabten Menschen, gute Geschäfte wittern lässt. - Die Differenz zahlt der Staat, also eigentlich wir, auch wenn man das angesichts der Ferne aller staatlichen Fürsorge immer wieder vergessen will. Denn es ist völlig egal, ob auf unserer Stromrechnung nun lediglich 10 Cent für die Kilowattstunde berechnet werden oder nicht, die ausgezahlten 40 Cent an die Produzenten der "sauberen Energie", die müssen auch wir tragen und können dabei nicht mal durch private Einsparmaßnahmen Einfluss auf den Verbrauch nehmen.

Nun droht aber ein Stichtag, der 28. September, wer bis dahin seine Anlage noch nicht genehmigt, oder auch schon in Betrieb hat, der soll nicht mehr in den Genuss der 48 Cent Einspeisevergütung kommen, sondern deutlich weniger erhalten.- Allerdings herrscht noch große Unklarheit im Sektor, einmal kennt man den neuen Tarif, der dann angeboten wird noch nicht und auch ist strittig, in welchem Stadium die in Bau befindlichen Anlagen sein müssen, um noch vor dem 28. September als "fertig" betitelt werden zu können. - Einige Kenner der Szene gehen davon aus, dass man den Tarif dann wohl auf um die 30 Cent drücken will, eigentlich auch noch eine interessante Spanne, aber dann kann man sein Geld wohl auch auf die Sparkasse bringen oder mit "Blue-Chips" an der Börse seinen "Value sharen". - Darüber hinaus will man das schnelle Wachstum der Anlagen zur Produktion von erneuerbaren Energien spanienweit reglementieren und mit jährlichen Quoten verhindern, dass dieser Wildwuchs weiter geht. - Man kann dass einen herben Schlag in die Magengrube der Bemühungen nennen, den wunderbaren Weg der sauberen Energiegewinnung voran zu treiben. Sieht man aber mal genauer hin, dann ist das nur ein Schlag in die Geldbörse der Investoren und soll die Verbraucher davor schützen, die auf Umwegen über die zu hohen Einspeisevergütungen dafür sorgen, dass internationale Investorengruppen Rekordgewinne mit "sauberer Energie" einfahren. - Nun wissen wir aber auch, dass selbst das hehre Ziel der Versorgung mir alternativen Energiequellen nicht aus revolutionärem Charme möglich ist, sondern wohl mit Geschäft und Markwirtschaft zu tun haben muss, aber man will den Rahmen nun verengen und hat auf staatlicher Seite erkannt, dass die Gelddruckmaschinen Photovoltaikparks, wohl auch dazu dienen das Weltklima zu retten, aber primär öffentliche Steuergelder in private Kassen zu spülen. - Man wird neu kalkulieren müssen aber sicherlich noch nicht, wie bereits einige aufgeschreckte Investoren skandieren, vom nahen Kollaps der Bemühungen um erneuerbare Energien sprechen. - Auf jeden Fall hat die Inselregierung sich schon mal, übrigens in seltener politischer Einheit, dazu durchgerungen, für La Palma einen Aufschub dieses Termins vom 28. September einzusetzen. - Dabei ist die Begründung immer wieder die gleiche, wenn wir eine Extrawurst haben wollen, unsere Insellage berge besondere, kostenintensive Bedingungen, für die verarmten und bemitleidenswerten Investoren, denen man das Geld verdienen, doch bitte nicht so schwer machen sollte. - Mal sehen ob man auf uns hört, oder ob die Politikerschlingel wohl auch alle ihr sauer verdientes Geld in Photovoltaik angelegt haben und nun der Rentenplan mit der 25 Meter Yacht und dem goldenen Mitgliedsausweis vom Golfclub doch ins Schwanken gerät. - Was ist der wieder böse heute….



Samstag 13.09.08 - 18:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 25 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 53 % Luftdruck 1015 hPa
Höchsttemperatur heute 26,8 Grad - niedrigste Temperatur 18,0 Grad

Puntagorda 1.260 Meter, Temp. max. 25,8 - Temp. min. 9,7 - Feuchte 94 - 94 % - Niederschlag 0 mm


XIII. Teil, Dreihundert Meter Wasser

"Taucher 1 raus!" Pjotr brummt den Befehl mehr vor sich hin. "Ich will mir diesen Spuk ansehen." Aus einem abgeänderten Raketensilo schoss das unbemannte Tauchboot in die Dunkelheit, die Betriebsbereitschaft nahm einige Sekunden in Anspruch, dann griffen die Lichtkegel in die Schwärze. Pjotr dirigierte den Taucher am Turm vorbei nach achtern in die Richtung der Klopfgeräusche.

Bereits 50 Seemeilen nördlich des Zielgebietes hatten die drei U-Boote des Schleppverbandes mit dem Positionsmanöver begonnen. Der Verband hatte sich sternförmig um die San Borondón - Kugel geordnet und war mit einem leichten Strom und langsamer Fahrt des zielgerichteten Bootes auf die Zielposition südwestlich der kleinen Insel La Palma getrieben. Seit einigen Stunden hielten die drei Schlepper die Kugel auf Position. Pjotr hatte Kontakt zu den spanischen Marineeinheiten, die für das Ankoppeln der Kabel verantwortlich waren. Das Wetter über Wasser schien unangenehm zu sein. Er hatte Order bekommen auf dreihundert Meter zu steigen und zu warten. Pjotr registrierte die Auswirkungen der nahen Oberfläche auf den Verband und machte sich Gedanken über das Verhalten der San Borondón, wenn sie mit dem Kugelkopf, der jetzt etwa 50 Meter unter der Oberfläche lag, auftauchen würde.

Und wieder hämmerte etwas gegen den Rumpf. Pjotr lenkte den Taucher an die Geräuschquelle. Nach Monaten der Tiefe waren die Sinne geschärft. Das Achterschiff lag im Scheinwerfer des Tauchers, und nur langsam begriff Pjotr, dass dieses langsam wandernde Gebilde ein Lot an einer Leine war. Wieder fiel es auf Deck, und der scharfe Ton lief durch das Schiff. "Was in aller Welt spielt sich hier ab, sind die da oben noch ganz bei Trost?! - Anrufen!" Der Adjutant nahm Kontakt mit der Fregatte CORDOBA II auf:
"Eure Peilung trifft genau, aber warum in aller Welt klopft ihr unser Schiff ab!?"
- "Es gibt da ein kleines Problem. Genau über eurer Position haben wir einen Fischkutter. Ein Kommando Marinetaucher ist auf dem Weg zu dem Fahrzeug. Wahrscheinlich hat er euch eingefangen und versucht nun, den Fang loszuwerden." Ängstliche Blicke des Adjutanten hingen an Pjotrs Augen, die sich einmal um sich selbst zu drehen schienen. Der Kommandant war gefordert, und dies war eine Herausforderung der besonderen Art. Nicht dass Pjotr zu extremen Handlungen oder Gemütsausbrüchen neigte, nein, das war seiner Psyche fremd, aber er liebte es, solche zu simulieren, wohl berechnet und letztlich erfolgreich. "Kappen - ich werde das verdammte Ding einsammeln!" Der Adjutant befreite sich von seiner sekundenlangen Anspannung. Pjotr umschloss mit einem der vier Greifarme des Tauchers die Logleine und ließ das Boot aufsteigen. Ein anderer Greifarm erfasste das nach oben führende Ende. Das Tauchboot drehte und lief mit voller Kraft in die Tiefe, dann kappte Pjotr das obere Ende der Leine. Er grinste den Adjutanten an: "Die werden sich wundern!"




Photos von Bernhard van Riel




Samstag 13.09.08 - 09:30 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 18 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 66 % Luftdruck 1015 hPa

Straßenbau als Krisenmanagement

"Crisis" ist ein derzeit oft benutztes Wort und in der Tat, hinterlässt das rasende Wachstum der letzten 15 Jahre nun ordentliche Kratzer in unserer Heilen Welt. - Dabei sind natürlich nicht alle Abnutzungserscheinungen hausgemacht, die Hypothekenkrise und die enorm schnelle Preissteigerung bei den Treibstoffen und die damit verbundene Inflation, sind keine Faktoren welche man lokalen oder regionalen Planern vorwerfen könnte, die Globalisierung reicht locker auch bis Garafía, obwohl wir das gerne anders sehen würden. - Es kommt aber noch mindestens ein weiterer Faktor hinzu, den man ruhig als "Spanische Krankheit" bezeichnen kann, welcher die außerordentliche Abhängigkeit der Konjunktur von der Bauwirtschaft beschreiben will. - Auch hier auf La Palma verdanken wir große Teile unseres wirtschaftlichen Aufschwungs dem Bausektor, bietet er doch für reichlich Menschen ohne höhere Schul- oder Berufsbildung eine ordentliche Möglichkeit an rentable Arbeit zu gelangen und der dazugehörende Immobiliensektor erfreute sich auf unserer Insel geradezu idyllischer Aussichten. - Der drastische Anstieg der Arbeitslosenzahlen, welcher übrigens auf La Palma noch deutlich geringer ausgefallen ist, als auf den anderen Inseln, geht fast ausschließlich auf das Konto, der schlechter werdenden Auftragslage im Bausektor und auch bei den Immobilien deutet sich zumindest eine Trendwende an, wenn man das mal vorsichtig und maklerfreundlich ausdrücken will. - Unser Wachstum ist da einfach ins Leere gelaufen, es kam nicht mehr genügend Geld nach, um in der vorgegebenen Geschwindigkeit weiter zu wachsen und darauf hin folgt immer eine Krise, so steht es in den stählernen Gesetzen des freien Marktes.

Das ist eigentlich völlig normal, man kann es sogar als notwendige Zäsur betiteln, denn über den Bedarf hinaus, kann man auch in einer argwöhnisch beobachteten Freien Marktwirtschaft nur kurzzeitig, oder eben mit Subventionen weiteres Wachstum schaffen. - Wobei man leider sehr oft und schnell Wachstum auch immer mit Werteschaffung verwechseln will oder mit einfachem Geld verdienen. - Nun ist dringend eine Umorientierung notwendig, der Bausektor kann die ihm bislang zugetragene Rolle, in unserer Insel(volks)wirtschaft nicht mehr ausfüllen, sondern muss sich seine leichtere zukünftige Stellung suchen. - Das tut weh, sehr weh sogar, tragen doch die nun fehlenden Einkünfte ganzer Bevölkerungsschichten deutlich zum Sinken des Wirtschaftskreislaufes bei und fördern weiter die Abwanderung von jungen Arbeitskräften in andere Regionen. - Dem entgegen zu steuern kann nur bedingt sinnvoll sein, denn es wird mit gezielten öffentlichen Geldspritzen und Aufträgen die Notlage nur verschoben, nicht aber ein notwendiger Strukturwandel angestoßen. - Schlimmer noch, viele der nun eilig aufgelegten Pläne, gefährden auch noch eine der beiden einzigen natürlichen Ressourcen der Insel, das unverwechselbare Landschaftsbild. - Sei es der touristische Sondernutzungsplan, welcher uns in die Zeit des Pauschaltourismus zurückführen will und in die brutale Abhängigkeit von Reiseveranstaltern, welche dann unsere künftigen Wege steuern, oder der nun angekündigte Investitionsschub in den Straßenbau auf La Palma. - Unser Rat für Infrastruktur in der Provinzregierung, der Palmero und hoch verehrte Ex-Bürgermeister der Metropole Los Llanos, Juan Ramón Hernández, möchte nun nicht nur die bereits beschlossenen Straßenbauprojekte schnell durchziehen, sondern auch noch die abgesegneten Mittel, die eigentlich erst für den Zeitraum ab 2013 vorgesehen waren, bereits in den kommenden Jahren ausgeben, um so der Krise leichter Herr zu werden.

Es ist üblich und oft auch vernünftig, dass die berühmte öffentliche Hand in Krisenzeiten versucht, mit verstärkten Ausgaben in lahmende Wirtschaftssektoren Geld zu pumpen, doch muss man dabei genau hinsehen, ob man damit Krisen bewältigen kann, oder diese einfach nur vertagt. - Leider bleibt nach längerem Studium der Lage nur der Schluss übrig, dass diese Mittel keine nachhaltigen Auswirkungen auf die Inselvolkswirtschaft haben werden, sondern nur kurzfristig Arbeitsplätze schaffen, welche aber später wieder wegfallen. - So bleiben die dabei entstehenden Übel, eben die heftigen Einschnitte in das fragile Landschaftsbild, weit höher zu bewerten, als die kurzfristig geschaffenen Arbeitsplätze im Straßenbau, die auch noch zum großen Teil von Fremdarbeitern ausgeübt werden, da meist Subunternehmer letztendlich die geforderten Arbeiten verrichten. - Sieht man noch genauer hin, dann erweisen sich die beiden größten Infrastruktur-Baumaßnahmen, die Schließung der südlichen und des nördlichen Straßenringes, auch nicht als verträglicher Ausbau der vorhandenen Trassen, sondern in großen Teilen als eine komplett neue Straßenführung, mit dem dabei unvermeidbaren Landschaftsverbrauch, der in keiner Weise die Vorteile des schnelleren Fortkommens aufwiegen wird. - Leider stellt man sich so nicht den wirklichen Aufgaben, eben diese Insel und ihre Volkswirtschaft auf die zukünftigen Anforderungen einer modernen Welt vorzubereiten, deren Motoren zukünftig nicht mehr nach Schnelligkeit und Bequemlichkeit ausgerichtet sein werden, sondern nach Effizienz und nachhaltigem Umgang mit den natürlichen Ressourcen.

So werden 500 Millionen Euro als Investitionssumme angekündigt, die im Zeitraum von 2008 bis 2013 in Infrastrukturmaßnahmen auf La Palma gesteckt werden sollen. - Ein deftiger Batzen Geld, der so wohl zum großen Teil in Arbeiten verpulvert werden wird, die uns für die zukünftigen Aufgaben keinen Nutzen bringen werden, aber möglicherweise unabänderlichen Schaden an unserem Landschaftsbild hervorrufen könnten. - Teile dieses Geldes ständen der immer noch siechenden Landwirtschaft ganz hervorragend, um die notwendigen Strukturen wieder zu schaffen, welche es der Insel ermöglichen würden, den lokalen Markt und Produktkreislauf wieder ins Laufen zu bringen. Das Geld scheint da viel sinnvoller untergebracht, auch könnte man enorm viele Arbeitsplätze in der Landwirtschaft schaffen, in den zukünftigen Zeiten von dauernd steigenden Transportkosten und somit steigenden Preisen bei Importwaren, auf jeden Fall eine zukunftsweisende Chance. - Man darf aber nicht einfach nur Schuld verteilen, sondern muss auch den enormen Druck auf unsere Entscheidungsträger würdigen, die immer schnelle Lösungen parat haben müssen, auch weil wir (Wahl)volk das so fordern. - Wir lassen uns doch auch nur ungern mit den möglichen Hinweisen abspeisen, in ein paar Jahren könne es wieder bergauf gehen, aber erst nachdem man sich kräftig am Riemen gerissen hat. - Es ist nicht immer einfach, vernünftig zu sein und unsere viel zu schnelle Welt duldet oft gar keinen Aufschub und schon gar keinen Hinweis darauf, dass ewiges Wachstums wohl doch keine Gott gegebene Erdenpflicht sei. - Hier hat man diese Weisheit in einen deutlicheren und drastischeren Spruch gepackt, hier sagt man: Pan para hoy, hambre para mañana. - Für heute das Brot, für morgen den Hunger.



Freitag 12.09.08 - 19:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 24 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 66 % Luftdruck 1014 hPa
Höchsttemperatur heute 25,2 Grad - niedrigste Temperatur 18,8 Grad

Puntagorda 1.260 Meter, Temp. max. 24,1 - Temp. min. 12,5 - Feuchte 51 - 88 % - Niederschlag 0 mm


XII. Teil, Puerto de Tazacorte

Fabio war Eigner eines 42 Fuß Kutters und fischte von Tazacorte aus. Er arbeitete schon seit Jahren mit dem langen Miguel zusammen, dem man nachsagte, er habe einen sechsten Sinn für Fische, nicht zuletzt, weil sein Aussehen an einen Meeresbewohner erinnerte. Miguel entstammte komplizierten Verirrungen und hatte sich schon in jungen Jahren von allen Vorgaben und Regeln in sein ureigenes Dasein verabschiedet, in eine Höhle, nahezu unerreichbar, einige hundert Meter über dem Meer. Lange Zeit galt er als verschollen und ward schließlich dem Vergessen anheim gegeben. Auch schenkte niemand Geschichten Beachtung, die von gespenstischen Umtrieben flüsterten, manchmal sogar laut, wenn wieder einmal Steine von der Höhe ziemlich weit hinaus in den Ozean sprangen.

Es geschah, als Fabio vor Jahren einmal Fisch anlandete. Ein zerzauster und zerlumpter Miguel strich an den Körben vorbei und schnappte sich eine Makrele. "Hehe, Du, das ist für den Händler, leg sie wieder zurück" erregte sich Fabio! Aber der Junge machte ihm Zeichen und würgte einige Laute hervor. Fabio hatte wenig Interesse an dieser Unterhaltung und ging weiter seiner Arbeit nach. Schließlich fuhr der Händler mit seinem Pickup vor. Miguel half ungefragt beim Aufladen der Körbe. Der Händler fuhr davon, und Miguel stand wieder an der Pier, blökte irgendwelche undefinierbaren Laute und hielt Fabio die Makrele entgegen. Fabio sortierte Leinen. Er versuchte das merkwürdige Gebaren zu übersehen, aber als Miguel trampelte und immer wieder mit der Makrele auf das Schiff deutete, winkte er ihn heran. Überraschend behände sprang der Junge an Bord und grinste. Er steckte die Makrele in eines der großen Netze und beschrieb mit den Armen weite Bögen. Dann fasste er sich an den Kopf und schüttelte sich. Er zeigte auf Fabio, er zeigte auf seine Augen und griff wieder die Makrele. Fabio spürte, dass der Junge nicht sprechen konnte. "Kannst du hören, was ich jetzt sage," fragte er in die weit geöffneten Augen des Jungen, wohl ahnend, dass Miguel auch taub sein würde. Der Junge schüttelte den Kopf.
An diesem Tag entstand zwischen dem Fischer und Miguel eine Verbindung, die Fabio nicht erklären konnte. Wenn der Junge an Bord war, brachten die Fänge das Boot fast zum Sinken. Fabio hatte eine Verständigung zu Miguel aufgebaut, die ihm Erstaunliches eröffnete. Offensichtlich hatte der Junge ein untrügliches Wissen über das Verhalten von Meeresbewohnern. Mal deutete er an" Heute gibt es keinen Fisch zu fangen", mal holte er Fabio mitten in der Nacht aus dem Bett, weil ein Fischschwarm auf dem Weg nach La Palma sei. Er selbst hatte es sich angewöhnt, unter dem Steuerstand zu schlafen. Zuweilen verschwand er des Nachts und war für mehrere Tage unsichtbar. Fabio hatte es aufgegeben, ohne den Jungen auszulaufen, weil die Fänge normal oder spärlich ausfielen. Er nutzte die Zeit für Reparaturen, und wenn Miguel wieder erschien, konnte er sicher sein, dass alles stimmte, das Wetter, der Mond, der Fang. So ging das jahrein, jahraus.

Der 23. März war nicht anders als viele andere Märztage. Ein schwacher Tiefausläufer drückte von Westen eine Regenfront vor sich her. Im Südwesten türmten sich die ersten abendlichen Wolkenberge über den Horizont. Das Schiff machte mit südwestlichem Kurs acht Knoten auf einer langen, nördlichen Dünung. Miguel starrte vom Deckshaus in die Weite. Er hatte eine unbekannte Empfindung in sich, und versuchte, seine Gefühle zu ordnen. Immer wieder schüttelte er heftig den Kopf und schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. Schließlich grunzte Fabio ihn mit der ihnen eigenen Gebärdensprache an: Er solle endlich mit dem Theater aufhören, und wozu eigentlich heute so weit draußen fischen, das sei ja etwas ganz Neues?!

Im Süden bemerkte Fabio zwei Marine-Einheiten und machte ein Zeichen. Miguel gab zu verstehen, dass es sich um insgesamt 5 Einheiten handele, die unterwegs nach Nordwest seien. Ein Versorger, eine Fregatte, ein Torpedoboot und zwei Minenräumer, er habe das Bild von dem Verband gestern im Fernsehen bemerkt. Er empfand einen Zusammenhang zwischen den Schiffen und seinen sonderbaren Gefühlen, die sich auf etwas ihm unbekanntes Großes in der Tiefe des Meeres hin entwickelten. Nicht Fische, nicht Strömungen, nicht die Tiefen, nichts von dem, was er kannte, war mit diesem Empfinden in Einklang zu bringen. Er stöhnte auf und griff sich an den Kopf. Fabio schaltete die Positionslaternen an.

Als Miguel zu trampeln begann, ahnte Fabio, dass die Nacht wohl einige Überraschungen bereit halten würde. Er nahm die Fahrt aus dem Schiff und wartete auf einen ruhigen Augenblick. Miguel sollte ihm andeuten, welches Netz auszubringen war. Aber es kam nicht mehr dazu. Der Junge hatte sich aufgerichtet und ihn mit weit aufgerissenen Augen tonlos angeschrieen. Immer wieder fuhr seine Hand mit einem hackenden Zeigefinger aus dem Lampenschein hinaus der Tiefe zu. Fabio begriff, dass sich unter ihnen etwas aufhielt. Er warf den Fischfinder an. Das Gerät zeigte keine sinnvollen Echos. "Tiefer, tiefer!" gestikulierte Miguel. Fabio wurde unruhig. Er kramte eine Lotleine aus der Kiste, entriegelte die Rolle und warf das Lot überbord: Weiß - schwarz, weiß - schwarz, 100 Meter, weiß - schwarz, die Leine lief. Alte Geschichten von Unterwasservulkanen schossen ihm durch den Kopf - das ist doch alles verrückt! Er wollte gerade die Trommel bremsen, als der Zug aufhörte. Dreihundert Meter zeigte die Markierung. Schnell drehte er das Lot einige Meter hoch und lies es laufen - bis zur Markierung bei dreihundert Metern, und wieder erschlaffte die Leine! Die Gedanken überschlugen sich jetzt. Er drehte die Kurbel bis die 250-Meter-Marke erschien, dann belegte er das freie Ende, sprang zum Steuerstand und gab dem Boot einen Schub von etwa 50 Metern. Mit voller Kraft zurück brachte er es wieder zum Stillstand. Einen Augenblick lang wartetet er bis die Leine nachgezogen war und ließ erneut das Lot auslaufen. Bei 290 Metern hörte der Zug auf.

Miguels Augen ergriffen die Lotleine, die ein ratloser Fabio mit der Hand um die 290-Meter Marke hochhielt. Immer wieder ließ er das Lot aufsetzen - worauf wohl? Der Ruck in der Leine kam völlig unerwartet. Fabio reagierte zu langsam, und das rasende Seil schnitt ihm in die Handfläche. Dann ließ der Zug genau so schlagartig nach, und die Trommel rollte den Rest der Leine ab, bis Fabio sie stoppte. Er drehte die Kurbel, die Leine hing schlaff, er drehte und drehte bis das Ende hochkam. 150 Meter fehlten - das Lot war abgerissen! Miguel starrte über Bord in die Schwärze.

Fabio lehnte einige Minuten unschlüssig mit der Lottrommel in der Hand an der Reling. Er drehte sie umständlich aus der Halterung als habe er viel Zeit. Schließlich warf er die Trommel unter das Steuerhaus und kletterte nach oben in den Stand. Sein Blick streifte den Navigator - die Position, er würde sie sich merken müssen. Ein erster Regenschauer nahm die Sicht auf das ferne La Palma. "Ich verschwinde besser von hier", flüsterte er vor sich hin und brachte das Boot langsam gegen die Dünung nach Nordost Seine Hand schob sich auf den Gashebel und blieb erstarrt liegen. Explosionsartig knallte das Licht auf das Schiff. Aus der Regenwand schob sich der Bug der Fregatte langsam an ihnen vorbei. "Das Fischerboot, nehmen sie sofort die Fahrt raus und drehen sie bei!" Fabio reagierte ohne Zögern. Der Scheinwerfer hielt ihn im Griff. "Das Fischerboot, sie bleiben auf dieser Position. Wir werden ihnen einen Besuch abstatten!" Das Licht flutete für einen Augenblick die Wolken und erlosch. Mit Kampfbeleuchtung zog sich die Fregatte in den Regen zurück.

Miguel sprang aus der Dunkelheit auf die Brücke und fasste nach Fabios Arm. Fabio kannte diesen Griff des Jungen. Das war Angst. Und Fabio hatte bereits früher erfahren müssen, wie Miguel Gefahren vorausahnte. Lang und träge lief die Dünung unter dem Regen. Sie ahnten, dass einige größere Schiffe östlich beigedreht hatten. Ihre spärliche Beleuchtung war schwer zu erkennen. Wieder flammte ein Scheinwerfer auf und kam schnell näher. Ein Schlauchboot mit Marinetauchern schob sich längsseits. Fabio schaltete die Halogenlampen am Mast an. Der Scheinwerfer erlosch.
"Machen Sie die Beleuchtung sofort wieder aus!" Das nervös krächzende Megaphon traf an der Grenze der Zumutbarkeit auf Fabios Sinne. Unmittelbar fand er sich einer Begegnung ausgesetzt, die sich zu Treibstoff für seine Phantasie entwickelte, und mit der Kraft seines ungetrübten Selbstbewusstseins warf er ein schallendes Gelächter über die gummiverpackten Köpfe, stieg langsam aus dem Steuerstand zum Seegeländer und brüllte: "Haut ab hier, ihr stört! Und gleich kommt ein riesiger Fisch hoch, der wird euer Schlauchboot zersägen!"
Miguel hatte sich an Fabios Jacke festgekrallt und hing wie ein Schatten hinter ihm. "Ich fordere sie auf, das Licht abzuschalten, wir brauchen hier keine Zuschauer!" Die Stimme klang jetzt sachlich und ruhig. Fabios Empfinden änderte sich, er sah sich als Bestandteil eines Geschehens und gab Miguel das Zeichen, hoch zu entern und den Schalter umzulegen. Dunkle Nässe.
"Was machen sie hier draußen, sie fischen doch hier wohl nicht"!
"Das will ich Ihnen sagen"..... In Fabios Gedanken wirbelte ein Feuerwerk hoch, und dann explodierte der Einfall: Etwas verhalten aber sehr bedeutsam fügte er nach der Unterbrechung an... "wir warten auf San Borondón, und dann fischen wir!" Das Wasser schwappte zwischen den beiden Booten, die lange Dünung hob und senkte sie, es hatte etwas aufgebrist. "Der Mann neben Ihnen, was ist mit dem, weiß er, um was es hier geht?" - "Ja sicher, das ist Miguel, er ist ein Savant!" - " Ein was?" - Fabio hatte diesen Ausdruck von dem Arzt im medizinischen Zentrum in Los Llanos gehört, er hatte ihm erklärt, wie es um Miguel bestellt sei:" Na ja, ein Spezialist, er kann durch das Wasser sehen, er sieht, was da unten los ist!" Der Kommandant zog sich wieder in eine Minute des Schweigens zurück, murmelte etwas von einem völlig verrückten Auftrag und brachte unvermittelt hervor: "Das Losungswort!" - "Was?" Fabio war einen Augenblick lang irritiert, dann fasste er sich: "Habe ich doch gesagt, was soll das?" - "Ich will nur sicher gehen, sagen sie es!" - Na gut, wie war das noch, ja, ja - San Borondón!" Der Kommandant hatte offensichtlich Mühe, die Situation zu begreifen. "Und wie lautet genau ihr Auftrag?" - "Na, wir fischen, das habe ich ihnen doch schon gesagt, es kann ja auch mal sein, dass etwas über Bord geht, dann fischen wir eben danach....." - "Ist in Ordnung!" Aus einem Lautsprecher kam die Order: "Das Fischerboot, sie übernehmen jetzt eine Sprechfunk-Einheit, über die sie mit uns kommunizieren. Sie schalten sofort ihre Radioverbindung ab und geben keine Lichtsignale. Warten sie auf weitere Weisungen! Ende!" Aus dem Schlauchboot reichte jemand ein Funkgerät hoch. "Die Frequenz ist eingestellt, dass Gerät ist in Betrieb." Mechanisch griff Fabio nach dem Gerät. Der Kommandant salutierte. Einige Wortfetzen wie "Die haben aber wohl auch an alles gedacht...diese Russen!" erreichten Fabio im Aufbrausen der Außenborder, dann war das Schlauchboot verschwunden. Er ahnte den Weg in die Dunkelheit zu den anderen Einheiten und spürte den Griff Miguels um seinen Arm.




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Freitag 12.09.08 - 19:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
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Höchsttemperatur heute 25,2 Grad - niedrigste Temperatur 18,8 Grad

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XII. Teil, Puerto de Tazacorte

Fabio war Eigner eines 42 Fuß Kutters und fischte von Tazacorte aus. Er arbeitete schon seit Jahren mit dem langen Miguel zusammen, dem man nachsagte, er habe einen sechsten Sinn für Fische, nicht zuletzt, weil sein Aussehen an einen Meeresbewohner erinnerte. Miguell entstammte komplizierten Verirrungen und hatte sich schon in jungen Jahren von allen Vorgaben und Regeln in sein ureigenes Dasein verabschiedet, in eine Höhle, nahezu unerreichbar, einige hundert Meter über dem Meer. Lange Zeit galt er als verschollen und ward schließlich dem Vergessen anheim gegeben. Auch schenkte niemand Geschichten Beachtung, die von gespenstischen Umtrieben flüsterten, manchmal sogar laut, wenn wieder einmal Steine von der Höhe ziemlich weit hinaus in den Ozean sprangen.

Es geschah, als Fabio vor Jahren einmal Fisch anlandete. Ein zerzauster und zerlumpter Miguel strich an den Körben vorbei und schnappte sich eine Makrele. "Hehe, Du, das ist für den Händler, leg sie wieder zurück" erregte sich Fabio! Aber der Junge machte ihm Zeichen und würgte einige Laute hervor. Fabio hatte wenig Interesse an dieser Unterhaltung und ging weiter seiner Arbeit nach. Schließlich fuhr der Händler mit seinem Pickup vor. Miguel half ungefragt beim Aufladen der Körbe. Der Händler fuhr davon, und Miguel stand wieder an der Pier, blökte irgendwelche undefinierbaren Laute und hielt Fabio die Makrele entgegen. Fabio sortierte Leinen. Er versuchte das merkwürdige Gebaren zu übersehen, aber als Miguel trampelte und immer wieder mit der Makrele auf das Schiff deutete, winkte er ihn heran. Überraschend behände sprang der Junge an Bord und grinste. Er steckte die Makrele in eines der großen Netze und beschrieb mit den Armen weite Bögen. Dann fasste er sich an den Kopf und schüttelte sich. Er zeigte auf Fabio, er zeigte auf seine Augen und griff wieder die Makrele. Fabio spürte, dass der Junge nicht sprechen konnte. "Kannst du hören, was ich jetzt sage," fragte er in die weit geöffneten Augen des Jungen, wohl ahnend, dass Miguel auch taub sein würde. Der Junge schüttelte den Kopf.
An diesem Tag entstand zwischen dem Fischer und Miguel eine Verbindung, die Fabio nicht erklären konnte. Wenn der Junge an Bord war, brachten die Fänge das Boot fast zum Sinken. Fabio hatte eine Verständigung zu Miguel aufgebaut, die ihm Erstaunliches eröffnete. Offensichtlich hatte der Junge ein untrügliches Wissen über das Verhalten von Meeresbewohnern. Mal deutete er an" Heute gibt es keinen Fisch zu fangen", mal holte er Fabio mitten in der Nacht aus dem Bett, weil ein Fischschwarm auf dem Weg nach La Palma sei. Er selbst hatte es sich angewöhnt, unter dem Steuerstand zu schlafen. Zuweilen verschwand er des Nachts und war für mehrere Tage unsichtbar. Fabio hatte es aufgegeben, ohne den Jungen auszulaufen, weil die Fänge normal oder spärlich ausfielen. Er nutzte die Zeit für Reparaturen, und wenn Miguel wieder erschien, konnte er sicher sein, dass alles stimmte, das Wetter, der Mond, der Fang. So ging das jahrein, jahraus.

Der 23. März war nicht anders als viele andere Märztage. Ein schwacher Tiefausläufer drückte von Westen eine Regenfront vor sich her. Im Südwesten türmten sich die ersten abendlichen Wolkenberge über den Horizont. Das Schiff machte mit südwestlichem Kurs acht Knoten auf einer langen, nördlichen Dünung. Miguel starrte vom Deckshaus in die Weite. Er hatte eine unbekannte Empfindung in sich, und versuchte, seine Gefühle zu ordnen. Immer wieder schüttelte er heftig den Kopf und schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. Schließlich grunzte Fabio ihn mit der ihnen eigenen Gebärdensprache an: Er solle endlich mit dem Theater aufhören, und wozu eigentlich heute so weit draußen fischen, das sei ja etwas ganz Neues?!

Im Süden bemerkte Fabio zwei Marine-Einheiten und machte ein Zeichen. Miguel gab zu verstehen, dass es sich um insgesamt 5 Einheiten handele, die unterwegs nach Nordwest seien. Ein Versorger, eine Fregatte, ein Torpedoboot und zwei Minenräumer, er habe das Bild von dem Verband gestern im Fernsehen bemerkt. Er empfand einen Zusammenhang zwischen den Schiffen und seinen sonderbaren Gefühlen, die sich auf etwas ihm unbekanntes Großes in der Tiefe des Meeres hin entwickelten. Nicht Fische, nicht Strömungen, nicht die Tiefen, nichts von dem, was er kannte, war mit diesem Empfinden in Einklang zu bringen. Er stöhnte auf und griff sich an den Kopf. Fabio schaltete die Positionslaternen an.

Als Miguel zu trampeln begann, ahnte Fabio, dass die Nacht wohl einige Überraschungen bereit halten würde. Er nahm die Fahrt aus dem Schiff und wartete auf einen ruhigen Augenblick. Miguel sollte ihm andeuten, welches Netz auszubringen war. Aber es kam nicht mehr dazu. Der Junge hatte sich aufgerichtet und ihn mit weit aufgerissenen Augen tonlos angeschrieen. Immer wieder fuhr seine Hand mit einem hackenden Zeigefinger aus dem Lampenschein hinaus der Tiefe zu. Fabio begriff, dass sich unter ihnen etwas aufhielt. Er warf den Fischfinder an. Das Gerät zeigte keine sinnvollen Echos. "Tiefer, tiefer!" gestikulierte Miguel. Fabio wurde unruhig. Er kramte eine Lotleine aus der Kiste, entriegelte die Rolle und warf das Lot überbord: Weiß - schwarz, weiß - schwarz, 100 Meter, weiß - schwarz, die Leine lief. Alte Geschichten von Unterwasservulkanen schossen ihm durch den Kopf - das ist doch alles verrückt! Er wollte gerade die Trommel bremsen, als der Zug aufhörte. Dreihundert Meter zeigte die Markierung. Schnell drehte er das Lot einige Meter hoch und lies es laufen - bis zur Markierung bei dreihundert Metern, und wieder erschlaffte die Leine! Die Gedanken überschlugen sich jetzt. Er drehte die Kurbel bis die 250-Meter-Marke erschien, dann belegte er das freie Ende, sprang zum Steuerstand und gab dem Boot einen Schub von etwa 50 Metern. Mit voller Kraft zurück brachte er es wieder zum Stillstand. Einen Augenblick lang wartetet er bis die Leine nachgezogen war und ließ erneut das Lot auslaufen. Bei 290 Metern hörte der Zug auf.

Miguels Augen ergriffen die Lotleine, die ein ratloser Fabio mit der Hand um die 290-Meter Marke hochhielt. Immer wieder ließ er das Lot aufsetzen - worauf wohl? Der Ruck in der Leine kam völlig unerwartet. Fabio reagierte zu langsam, und das rasende Seil schnitt ihm in die Handfläche. Dann ließ der Zug genau so schlagartig nach, und die Trommel rollte den Rest der Leine ab, bis Fabio sie stoppte. Er drehte die Kurbel, die Leine hing schlaff, er drehte und drehte bis das Ende hochkam. 150 Meter fehlten - das Lot war abgerissen! Miguel starrte über Bord in die Schwärze.

Fabio lehnte einige Minuten unschlüssig mit der Lottrommel in der Hand an der Reling. Er drehte sie umständlich aus der Halterung als habe er viel Zeit. Schließlich warf er die Trommel unter das Steuerhaus und kletterte nach oben in den Stand. Sein Blick streifte den Navigator - die Position, er würde sie sich merken müssen. Ein erster Regenschauer nahm die Sicht auf das ferne La Palma. "Ich verschwinde besser von hier", flüsterte er vor sich hin und brachte das Boot langsam gegen die Dünung nach Nordost Seine Hand schob sich auf den Gashebel und blieb erstarrt liegen. Explosionsartig knallte das Licht auf das Schiff. Aus der Regenwand schob sich der Bug der Fregatte langsam an ihnen vorbei. "Das Fischerboot, nehmen sie sofort die Fahrt raus und drehen sie bei!" Fabio reagierte ohne Zögern. Der Scheinwerfer hielt ihn im Griff. "Das Fischerboot, sie bleiben auf dieser Position. Wir werden ihnen einen Besuch abstatten!" Das Licht flutete für einen Augenblick die Wolken und erlosch. Mit Kampfbeleuchtung zog sich die Fregatte in den Regen zurück.

Miguel sprang aus der Dunkelheit auf die Brücke und fasste nach Fabios Arm. Fabio kannte diesen Griff des Jungen. Das war Angst. Und Fabio hatte bereits früher erfahren müssen, wie Miguel Gefahren vorausahnte. Lang und träge lief die Dünung unter dem Regen. Sie ahnten, dass einige größere Schiffe östlich beigedreht hatten. Ihre spärliche Beleuchtung war schwer zu erkennen. Wieder flammte ein Scheinwerfer auf und kam schnell näher. Ein Schlauchboot mit Marinetauchern schob sich längsseits. Fabio schaltete die Halogenlampen am Mast an. Der Scheinwerfer erlosch.
"Machen Sie die Beleuchtung sofort wieder aus!" Das nervös krächzende Megaphon traf an der Grenze der Zumutbarkeit auf Fabios Sinne. Unmittelbar fand er sich einer Begegnung ausgesetzt, die sich zu Treibstoff für seine Phantasie entwickelte, und mit der Kraft seines ungetrübten Selbstbewusstseins warf er ein schallendes Gelächter über die gummiverpackten Köpfe, stieg langsam aus dem Steuerstand zum Seegeländer und brüllte: "Haut ab hier, ihr stört! Und gleich kommt ein riesiger Fisch hoch, der wird euer Schlauchboot zersägen!"
Miguel hatte sich an Fabios Jacke festgekrallt und hing wie ein Schatten hinter ihm. "Ich fordere sie auf, das Licht abzuschalten, wir brauchen hier keine Zuschauer!" Die Stimme klang jetzt sachlich und ruhig. Fabios Empfinden änderte sich, er sah sich als Bestandteil eines Geschehens und gab Miguel das Zeichen, hoch zu entern und den Schalter umzulegen. Dunkle Nässe.
"Was machen sie hier draußen, sie fischen doch hier wohl nicht"!
"Das will ich Ihnen sagen"..... In Fabios Gedanken wirbelte ein Feuerwerk hoch, und dann explodierte der Einfall: Etwas verhalten aber sehr bedeutsam fügte er nach der Unterbrechung an... "wir warten auf San Borondón, und dann fischen wir!" Das Wasser schwappte zwischen den beiden Booten, die lange Dünung hob und senkte sie, es hatte etwas aufgebrist. "Der Mann neben Ihnen, was ist mit dem, weiß er, um was es hier geht?" - "Ja sicher, das ist Miguel, er ist ein Savant!" - " Ein was?" - Fabio hatte diesen Ausdruck von dem Arzt im medizinischen Zentrum in Los Llanos gehört, er hatte ihm erklärt, wie es um Miguel bestellt sei:" Na ja, ein Spezialist, er kann durch das Wasser sehen, er sieht, was da unten los ist!" Der Kommandant zog sich wieder in eine Minute des Schweigens zurück, murmelte etwas von einem völlig verrückten Auftrag und brachte unvermittelt hervor: "Das Losungswort!" - "Was?" Fabio war einen Augenblick lang irritiert, dann fasste er sich: "Habe ich doch gesagt, was soll das?" - "Ich will nur sicher gehen, sagen sie es!" - Na gut, wie war das noch, ja, ja - San Borondón!" Der Kommandant hatte offensichtlich Mühe, die Situation zu begreifen. "Und wie lautet genau ihr Auftrag?" - "Na, wir fischen, das habe ich ihnen doch schon gesagt, es kann ja auch mal sein, dass etwas über Bord geht, dann fischen wir eben danach....." - "Ist in Ordnung!" Aus einem Lautsprecher kam die Order: "Das Fischerboot, sie übernehmen jetzt eine Sprechfunk-Einheit, über die sie mit uns kommunizieren. Sie schalten sofort ihre Radioverbindung ab und geben keine Lichtsignale. Warten sie auf weitere Weisungen! Ende!" Aus dem Schlauchboot reichte jemand ein Funkgerät hoch. "Die Frequenz ist eingestellt, dass Gerät ist in Betrieb." Mechanisch griff Fabio nach dem Gerät. Der Kommandant salutierte. Einige Wortfetzen wie "Die haben aber wohl auch an alles gedacht...diese Russen!" erreichten Fabio im Aufbrausen der Außenborder, dann war das Schlauchboot verschwunden. Er ahnte den Weg in die Dunkelheit zu den anderen Einheiten und spürte den Griff Miguels um seinen Arm.




Photos von Bernhard van Riel




Freitag 12.09.08 - 09:30 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 20 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 75 % Luftdruck 1017 hPa

Der Hahn hat sein Ei gelegt

Die "Ruta de el Gallo" hat nun nicht nur ein ruhiges Ende gefunden, sondern auch die Gewinnerrestaurants endlich bestimmt. - Damit schließt sich der erfolgreiche Kreis der dritten gastronomischen Tour durch das Aridanetal. - Die Organisatoren melden an die 40.000 Teilnehmer an diesem kaloriengeladenen Spektakel und niemand will und wird diese Zahl reklamieren, warum denn auch. - Den gesamten August über offerierten 40 Restaurants, Bars, Kneipen und Cafeterias aus den drei Aridane-Gemeinden Tazacorte, Los Llanos und El Paso eine spezielle Tapa und ein Getränk für lächerliche 2 Euro, um so einer eventuellen gastronomischen Flaute im August progressiv zu begegnen. - Das Ganze soll eine Werbeaktion für die Gastronomie der Region sein und um den Gastwirten es überhaupt möglich zu machen für diesen Preis eine ansehnliche Tapa und das Getränk zu servieren, gibt es von Seiten der Sponsoren Naturalrabatt in Form von Wein, Bier und Saft für diesen Zeitraum. - In der Tat, man sah viele "Gallos" im August durch die Kneipen ziehen um für fast lau sich kulinarisch überraschen zu lassen. - Die Wirte ließen sich auch nicht lumpen und servierten zum Teil sehr ansprechende Tapas mit reichlich kreativer Phantasie und sorgten so für den deutlichen Nachweis, dass Ernährung und Gaumenfreuden auch außerhalb der Hamburger-, ich meine Hämbörger-Fraktion möglich sind.

Da lag auch gewisser Ehrgeiz darin, denn viele Etablissements wurden so das erste Mal von Gästen besucht, die sonst nie in diese, oder überhaupt eine Kneipe gehen und denen will man natürlich mit einer besonderen Tapa demonstrieren, dass sich auch ein weiterer Besuch lohnt. - Ob das klappt oder nicht, das können nur die Wirte selbst irgendwann mal beantworten, wie es immer schwierig ist, das spätere, zählbare Resultat von Werbung zu benennen. - Für die Gäste gab es auch als zusätzlichen Anreiz Preise zu gewinnen, man konnte Schürzen und T-Shirts nach 10 besuchten Kneipen gegen einen gestempelten Nachweis im "Gallo-Pass" abholen und als Hauptgewinn wartet ein Wochenende im Hotel im Süden der Insel, wo man sich dann zu zweit die ganze Kalorien und den Suff bei Wellness wieder aus den Poren treiben kann. - Für die Gastronomen wurden gestern bereits die Preise verteilt und da man nicht wirklich weiß, wie die Ermittlung der Preise von sich geht, muss man das Ergebnis einfach so hinnehmen. - Die Gäste dürfen zwar abstimmen, über SMS und auch über die Webseite der "Ruta de el Gallo", aber damit wählt man lediglich den Publikumspreis, den "Gallo Popular". - Dieser ist bekanntlich wertlos, die Oscars zählen und sonst nichts, wäre doch auch gelacht, wenn sich solch ein Wettbewerb mal an die Sinne des Prekariats halten würde. - Es stimmen also Juroren ab, die von den Organisatoren bestimmt werden, aber da Geschmack bekanntlich diverse Richtungen einnehmen kann, ist es eigentlich völlig egal, wer die beliebten Auszeichnungen gewonnen hat.

Aber es gibt sie, die stolzen Gewinner und die heißen: "Gallo de Oro", also der erste Preis geht an das "Café Encantado" in El Paso, gänzlich unbekannt und erst vor kurzem eröffnet, gehört zur Filmschule unseres kleinen Ortes und wird nun auf diesem Weg endlich bekannt. Ist auch nötig, denn wer nicht weiß, wo es ist, der findet das Café auch nicht. - Calle Salvador Mirallas 2, das ist von oben, also von der Kirche aus gesehen, die Verlängerung der Calle Corazón de Jesús nach Süden hin. (Damit wächst übrigens die Anzahl der Kneipen in El Paso auf 41 an, und das bei 7.800 Einwohnern) - Der zweite Preis geht an die "Pizzeria Chillout" in Los Llanos, war ich auch noch nie, wir Pasenes "chillen" nicht in der großen Stadt und der dritte Preis, der "Gallo de Bronce" geht an das Cafe "Dulce Aroma", ebenfalls in Los Llanos. - Den Publikumspreis hat übrigens die "Bar Varadero" gewonnen, irgend ein Preis muss ja schließlich auch nach Tazacorte gehen…



Donnerstag 11.09.08 - 18:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 23 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 71 % Luftdruck 1017 hPa
Höchsttemperatur heute 24,6 Grad - niedrigste Temperatur 18,8 Grad

Puntagorda 1.260 Meter, Temp. max. 27,1 - Temp. min. 11,7 - Feuchte 42 - 90 % - Niederschlag 0 mm


XI. Teil, Santa Cruz de La Palma

Wenig spektakulär, aber nicht unbemerkt trafen die Chartermaschinen an diesem Donnerstag kurz nacheinander ein. Der Beobachter drückte seine Zigarette aus. Einige der Fluggäste entsprachen nicht dem Anschein eines Urlaubers. Das Gerücht gewann Gestalt. Irritiert folgten seine Blicke den Passagieren, die zwei Kleinbussen zustrebten, die offensichtlich mit Genehmigung das Flugfeld befahren konnten. Andere Reisende bestiegen einen Wagen der Flughafenverwaltung und fuhren geradewegs zu einem Hubschrauber, der sofort in Richtung Breña Alta abhob. Ein Learjet landete. Es tat sich nichts. Eine außerplanmäßige Binter landete. Der Hubschrauber kam zurück und setzte in der Nähe des Lears und der Binter auf. Noch während der Rotor auslief, öffneten sich die Türen der beiden Maschinen und jeweils zwei Personen in dunkler Kleidung strebten eilig zum Weiterflug. Der Diario de Avisos titelte am nächsten Tag mit "Hochrangige Delegation erörtert Tunnelbauprojekt".

Madame Salembier ließ die befremdliche Szenerie sekundenlang auf sich wirken. Es war ihr erster Besuch auf den Kanarischen Inseln, und ausgerechnet diese kleine, abgelegene Insel hatte man sich für das Treffen ausgesucht. Sie wandte sich dem offensichtlichen Eingang zu und nestelte an dem Tragegurt ihrer Umhängetasche. Die beiden Herren folgten ihr mit kurzem Abstand, sie hielten inne, als die Señora ihre Schritte verlangsamte, darauf bedacht, zusammenzubleiben und doch Distanz zu wahren. Niemand konnte ahnen, wie dieses Trio die Zügel der Welt in den Händen hielt. Und dennoch war der Tagungsort scheinbar nicht wie gewohnt abgesichert. Lediglich einige Beamte der Guardia Civil hatten die Zufahrt gesperrt. Die vor Tagen angereisten Spezialisten aus dem Umfeld des Alfonso verhielten sich unauffällig. Ein Hauch Freiheit von den eigenen Zwängen streifte das Gemüt der Señora, und sie lächelte.

Ihre Eigenheit nahm sich ihrer selbst an. Niemand würde jemals dieses Lächeln sehen können, gar nicht daran zu denken, es wohlmöglich zu deuten. Sie fühlte sich in sich geborgen und ruhte in ihrem Selbstverständnis als sie über die Schwelle schritt. Die angenehme Kühle des großen Raumes verband sich mit einem Duft althergebrachter Bewohntheit. Sie wartete bis ihre beiden Begleiter aufgeschlossen hatten und folgte dann den Hinweisen zu einer kleinen Gruppe stilvoll wartender Herren.

"Willkommen auf La Palma, Señora!"
"Danke!"
"Es ist alles vorbereitet! Möchten Sie sich zunächst zurückziehen?"
"Nein, wir fangen sofort an!"
Sie wechselte einen Blick mit Alfonso und Sergej, wandte sich dann bestimmend dem Durchgang zu, der einen hellen Terrassenraum erschloss, aus dem eine gedämpfte Stimmenvielfalt zu vernehmen war. Sie ignorierte die Versammlung von Persönlichkeiten und ließ sich einen Platz zuweisen, der deutlich ihr zugedacht war. Das Stimmengewirr schwand dahin, vor einer angewachsenen Erwartung. Sie genoss diesen Moment, wie sie ihn immer wieder erlebte, eine gleich bleibende Wohltat für ihr Wesen. Stehend legte sie ihre Tasche mit Bedacht auf den Stuhl zu ihrer rechten. Sergej würde eben einen Platz weiter sitzen können. Sie wartete bewusst, ohne in die Runde zu blicken, die fast atemlos ihren Bewegungen folgte. Man würde sich erst setzen, wenn sie saß! Sie durchlebte die Sekunden immer wieder gern, wenn sie den Raum mit ihrem Ich ausfüllte, ein Publikum langsam spielend in ihren Bann zog bis sie erlösend mit einem leichten Nicken zur Seite, einer schnellen Kopfbewegung, die eine Begrüßung andeuteten sollte, Platz nahm. Stets folgte ein murmelndes Stühlerücken und dann erwartungsvolle Stille.
Die Señora war eine grazile Erscheinung mit durchaus weiblicher Ausstrahlung, die sie gezielt charmant einzusetzen wusste. Ihr schulterlanges fülliges Haar schloss natürlich wellend ihr Gesicht ein. Sie liebte es, die blonde Pracht mit einer leichten Neigung des Kopfes zur Wirkung zu bringen, eine Attitüde ganz selbstverständlicher Art. Sie trug immer ein dunkelblaues Kostüm mit taillierter, fast boleroartiger Jacke. Sie legte Wert auf die Sichtbarkeit ihres schmalen Gürtels, der eine stramm sitzende weiße Bluse abgrenzte. Nie öffnete sie den Ausschnitt mehr als den obersten Knopf. Sie trug keinen Schmuck.

Ihre eigentliche Identität war nur wenigen Vertrauten bekannt. Sie war immer zugegen, wenn es um Großes ging, niemand erahnte hinter dieser Frau ein Finanzgenie mit weltweiten, alles entscheidenden Beziehungen. Begrüßungsworte, einführende Reden der Regierungsrepräsentanten, die Bedingungen und Fragen aufwarfen, Stellungnahmen von wissenschaftlicher Seite, Ansätze politischer Auseinandersetzung - die Señora wirkte desinteressiert und bat um ein Glas Wasser - ein Zeichen für Alfonso, der zu ihrer linken Platz genommen hatte.
Alfonso räusperte sich vernehmlich und begann, die Lippen zu bewegen. Die Erörterungen erloschen. Er legte die Hände flach auf den Tisch, hob sie einige Male an, wartete auf hinreichende Ruhe.
"Wir sind nicht hier, um ihre unterschiedlichen Auffassungen kennen zu lernen" - er sprach sehr leise - "wir haben Ihnen weit reichende Entscheidungen mitzuteilen, aus denen sie Ihre Maßnahmen ableiten werden." Er blickte in die Runde und fixierte einige der hervortretenden Erscheinungen, um deren ungewollte Zustimmung einzuholen. "Die erste Entscheidung ist vor einigen Jahren zustande gekommen. Die Regierungen der Vereinigten Staaten von Amerika, Russlands, Japans, Chinas und die Europäische Union haben in Moskau die Charta für das Projekt ‚San Borondon' unterzeichnet. In diesem Zusammenhang wurde die Arbeitsgemeinschaft für den Bau des Brüters etabliert. Dieses Gerät der Grundlagenforschung übertrifft alles, was bisher von Menschenhand geschaffen wurde. Namhafte Großunternehmen aus der ganzen Welt haben ihre Mitwirkung eingebracht. Die Finanzierung erfolgt durch die Teilnehmerländer, durch die Industrie und durch eine weltweite Kapitalaufnahme am Markt. Einzelheiten zum Projekt entnehmen Sie bitte der Broschüre, die sie später erhalten. Nur soviel sei gesagt: Im Fall einer erfolgreichen Realisierung wird das Projekt ‚San Borondon' unser Weltbild völlig ändern. Die Erde wird über nahezu unbegrenzte Ressourcen an Energie verfügen, und gleichzeitig wird die Menschheit sich dem Weltall zuwenden." Alfonso hatte bei den letzten Worten seine Stimme etwas angehoben. Er bewegte seinen Blick sehr langsam zu der weiten Fensterfront, die unter der hohen, säulengetragenen Pergola die Weite des Himmels über dem Meer eröffnete. Genau so langsam ließ er seine Augen wieder in die Runde ziehen. Er bewegte die Lippen.
"Die zweite Entscheidung haben wir vor drei Jahren in Madrid getroffen. Die Spanische Regierung hat sich bereit erklärt, das Projekt nach Fertigstellung des Brüters zu übernehmen und zu betreiben, nachdem aus allen Standortvorschlägen die Insel La Palma ausgewählt wurde. Die Begründung zu dieser Entscheidung entnehmen sie bitte der Broschüre. Wir haben den Standort des Brüters etwa 30 Seemeilen südwestlich von La Palma in etwa 2.500 Meter Tiefe auf einem Plateau bestimmt. Daher rührt der Name in Anlehnung an eine sagenumwobene Geisterinsel, die von Zeit zu Zeit sichtbar wird, zumindest wird das berichtet. Das eigentliche Betriebs- und Forschungszentrum wird unweit dieses Tagungsortes im Berg untergebracht. Das Gelände ist bereits ausgewiesen. Wir werden dort vordergründig einen Park für Grundlagenforschung errichten, eine großzügige Gartenanlage mit einzelnen Gebäuden wird entstehen, und wir werden Wohnungen bauen. Als kolatterales Ziel haben wir den Wissenschaftsstandort La Palma ausgewiesen."

Die Señora faltete die Hände vor der Brust. Sergej sah sich in die Pflicht genommen und nickte seinem Übersetzer zu. Er richtete sich etwas auf. Seine hellblauen Augen forderten Aufmerksamkeit ein. Er hatte sich während seiner jungen Jahre als Dozent in Moskau darin geübt, sehr schnell mit seinen Zuhörern einen Blickkontakt aufzunehmen. Sekundenbruchteile reichten für den Blickwechsel, zumeist dem so angesprochenen nicht bewusst, und dennoch wirksam. Sein Wesen war geprägt von Extremen. Seine riesenhafte Gestalt ließ nicht ein Genie vermuten. Als Technologe und Organisator hatte er Anteil an fast allen großen industriellen und wissenschaftlichen Projekten der letzten Jahrzehnte. Er überdachte mit hoher Konzentration kurzzeitig selbst komplexe Sachverhalte. Seine Vorgaben waren unantastbar. Er verstand es meisterhaft, Menschen auf ein gemeinsames Ziel zu verpflichten.
"Seit einigen Jahren bereite ich das Projekt ‚San Borondon' vor. Wie üblich bei derartigen Vorhaben geht es nicht ohne eine gewisse Diskretion, aber heute an diesem schönen Ort kann ich für Sie den Vorhang etwas anheben. Das Projekt beinhaltet den Bau eines etwa 500 Meter durchmessenden Druckbehälters, in dem sich die eigentlichen technischen Einrichtungen befinden. Kern des Systems ist der große Autoklav mit Sitz des Brüters für parallele Materie. Der Energiebedarf des Brüters ist sehr hoch. Wir werden daher drei Fusionskraftwerke für den Betrieb benötigen. Der Brüter funktioniert wie ein schwarzes Loch und wird eine große Menge Wasser verbrauchen. Wenn sich alles wie geplant entwickelt, können wir Gravitation steuern, mit anderen Worten erzeugen und aufheben. Ich habe für Sie eine Broschüre mitgebracht, aus der Sie weitere Informationen entnehmen können, und ihre Fragen beantworte ich dann später."
Sergej erlöste seine Zuhörer mit einem lauten Lachen, in das er einige spanische Lustbarkeiten einpflanzte, die wohl nur er zu verstehen wusste. Die Anspannung wich. Die Señora folgte nach Sergej in den freien Raum, wie immer überraschend mit ihrer dunklen und angenehm warmen Stimme. Sie machte nach einigen einleitenden Worten eine akzentuierte Pause, hob dann wieder etwas lauter an. In fließendem Castellano mit leichten französischen Einschlag, unterstrich sie die Bedeutung ihrer Anwesenheit: "Sie interessiert sicherlich mehr, welche Auswirkungen das Projekt auf diese Insel und ihre Wirtschaft haben wird, und ich kann Ihnen drei wesentliche, begleitende Baumaßnahmen nennen. Zunächst wird das wissenschaftliche Zentrum in das Vorhaben eines neuen Verbindungstunnels auf die Westseite einbezogen, weil wir eine stabile Kabeltrasse durch den Berg benötigen. Außerdem ist vorgesehen, den Flughafen auszubauen, dann beabsichtigen wir die Erweiterung der Hafenanlage an der Westseite, weil wir eine Basis für die Inspektions- und Versorgungseinheiten benötigen. Die erforderlichen Mittel sind in unserem Etat "Infrastrukturmaßnahmen" enthalten. Des Weiteren sehen wir eine Modernisierung der Verkehrswege auf der Westseite vor. Hier werden im Zusammenhang mit dem Ausbau der Versorgungsnetze auch unsere Glasfaserkabel verlegt. Aus Gründen der Sicherheit müssen wir auf Küsten- und Meeresschutzzonen bestehen.
Es wird keine Veröffentlichung unserer Installationen geben. Zum Zweck der Tarnung werden diese mit anderweitiger Nutzung deklariert. Insgesamt können Sie für La Palma einen Zustrom von direkten und indirekten Finanzierungsmitteln in einem spezifisch beachtlichen Ausmaß erwarten.
Der Ordnung halber weise ich auf ihre Verschwiegenheitspflicht hin. Jeder Fall von Indiskretion wird verfolgt, es liegt in Ihrer Verantwortung, unliebsame Ereignisse zu vermeiden. Sie haben jetzt die Möglichkeit, Ihre Fragen zu stellen."




Photos von Bernhard van Riel




Donnerstag 11.09.08 - 09:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 19 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 73 % Luftdruck 1019 hPa

Tanzende Hubschrauber

Was es nicht alles gibt. - Der zaghafte Durchzug eines kleinen Tiefdruckgebiets, mit nur ganz geringen Niederschlagsmengen, hat nicht unbedingt viel Aufsehen erregt, aber doch eine ganz klares Zeichen gesetzt, dass nun der Sommer zu Ende geht. - Das will nicht heißen, dass es ab jetzt kalt und regnerisch wird, aber die Luft ist endlich wieder klar und der staubige Dunst des zähen Sommers verschwunden. - Nun regiert auch wieder unser geliebter Nordost-Passat und wird sich die nächsten Tage auch mit kräftigen Winden manifestieren. - Sogar bis in die hohen Zonen hat der feuchte Passat seine Finger ausgestreckt, gestern war der erste Tag seit Sommerbeginn, an dem die Maximaltemperatur bei uns um Tal ein bisschen über der lag, die man auf 1.260 Meter Höhe in Puntagorda gemessen hat. - Allerdings ist es gut möglich und sogar wahrscheinlich, dass die feuchte Luft in den hohen Zonen nur für kurze Zeit die Oberhand gewinnt, wir sind noch nicht im Winter, aber eben in die Zeit des Überganges eingetreten, in dem sich langsam, aber eben häufiger, meteorologische Instabilitäten in unser langweiliges Wettergeschehen einmischen. - Das hängt alles von der Lage des nordatlantischen Hochdruckgebietes ab und dessen Stabilität, an der man seit April dieses Jahres nicht zweifeln durfte, die nun aber deutlich nachlässt. - Auf jeden Fall ist jetzt wieder der Blick auf die Wetterkarte interessant, da finden plötzlich wieder Bewegungen statt, die uns von der sicher angenehmen, aber doch langweiligen Stabilität des Sommers Abschied nehmen lassen.

Ab nun kann alles wieder passieren, auch noch mal afrikanische Hitze, aber eben auch kräftige Tiefdruckgebiete, die aus dem Westen heranrauschen, eben weil das atlantische Hoch nicht mehr andauernd auf dem Posten ist. - Das bedeutet auch, dass nun die Zeit der höchsten Waldbrandgefahr zumindest gelindert ist. - Natürlich ist es zu früh, bereits ein weiteres siegreiches Jahr im Kampf gegen die Waldbrände zu skandieren, aber La Palma hat auch diesen Sommer sich erfolgreich gegen große Brände behaupten können. - Das lag auch am Wetter, auch an der vielleicht immer größer werdenden Vernunft der Bürger, die nun plötzlich Aschenbecher benutzen, aber auch an der großen Präsenz von professionellem Personal in Sachen Brandbekämpfung. - Denn immerhin, man musste diesen Sommer auch über 30 Mal ausrücken und kleine Brandherde bekämpfen, aber jedes Mal gelang es eben, die Feuer so schnell zu kontrollieren, dass erst überhaupt kein großer Flächenbrand entstanden ist. - Teil dieser professionellen Maschinerie sind die Flieger der "BRIF" (Brigadas Refuerzo Incendios Forestales), die in Puntagorda stationiert sind und mit ihren beiden Sokol-Hubschraubern überall auf der Insel sofort eingreifen können. - Ob es nun die Freude über einen geglückten Sommer war, oder einfach nur eine Demonstration ihrer Fähigkeiten, man benutzte eine kleine Übung dazu, uns im Aridanetal man so richtig zu zeigen, was die Piloten und ihre Maschinen so drauf haben. - Schnelles Wasseraufnehmen aus dem Speicherbecken von Dos Pinos stand auf dem Programm, wobei da der Wasserstand so niedrig im Moment ist, dass die Hubschrauber beim Eintauchen des Wassersacks weit in das Speicherbecken hinein fliegen mussten. - Danach flog man Pirouetten in den Himmel über dem Aridanetal und warf dann das Wasser irgendwo über einem imaginären Ziel ab. - In der Tat war es beeindruckend, wie schnell die Besatzungen dieser Hubschrauber ihre Wassersäcke aus dem Speicher gefüllt haben, da wir direkt über dem Wasserspeicher wohnen, konnten wir schon ganz andere Manöver von wohl ungeübteren Piloten beobachten. - Eigentlich hören und sehen wir die Hubschrauber mit den roten Wassersäcken nicht so gerne fliegen, weil das normalerweise heißt, es brennt auf La Palma, aber das war eine Übung mit gewissen spielerischen Elementen einer Luftballett-Kür. - Irgendwie hatte man auch das Gefühl, es macht den Piloten Spaß, da vor dem Publikum des gesamten Aridanetals mal so richtig zu zeigen, wo der Hammer fliegt.


Helikopter der BRIF über dem Aridanetal auf La Palma

Helikopter der BRIF über dem Aridanetal auf La Palma

Helikopter der BRIF über dem Aridanetal auf La Palma

Helikopter der BRIF über dem Aridanetal auf La Palma




Mittwoch 10.09.08 - 18:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 25 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 64 % Luftdruck 1018 hPa
Höchsttemperatur heute 26,2 Grad - niedrigste Temperatur 19,0 Grad

Puntagorda 1.260 Meter, Temp. max. 25,6 - Temp. min. 13,5 - Feuchte 38 - 67 % - Niederschlag 0 mm


X. Teil, Seweromorsk

Seweromorsk Die zweite Begegnung nach einer Woche verlief wenig spektakulär. Pjotr hatte in dem überhitzten Raum gewartet. Der Adjutant riss ihn aus einer sich anbahnenden Schläfrigkeit: "Sie haben die Akten dabei!?" Pjotr nickte und warf einen Blick zur Seite. Auf dem Tisch lag das Paket. "Dann kommen Sie, Pjotr Iwanowitsch, wir werden Ihnen während der Fahrt Fragen beantworten." Pjotr hatte gelernt, Fragen dieser Art nicht zu stellen. Er folgte dem Adjutanten in die Kälte "Ich heiße übrigens Oleg. Wie steht es mit Ihren Englischkenntnissen?" Pjotr wusste diese Frage einzuordnen. Sie verlangte keine Antwort: "Gut, ich werde dann Oleg zu Ihnen sagen!" Sie überquerten den Platz vor dem Ballhaus. Oleg steuerte auf einen alten Tschaika zu, der mit laufendem Motor vor einem Schneehaufen wartete. Als der Fahrer des Wagens die beiden bemerkte, stieg er aus und wies Pjotr an, hinten einzusteigen. "Da sind Sie ja, Pjotr Iwanowitsch! Kommen sie ins Warme!" Der Riese rückte etwas zu Seite, und Pjotr schob das Aktenpaket vor sich her auf die Sitzbank. "Freut mich, dass sie sich uns anschließen wollen!" Sergej schlug mit der Hand auf das Aktenbündel. "Ich habe es auch nicht anders erwartet. Ein Mann ihres Schlags braucht eine solche Aufgabe." Pjotr zog die Mütze vom Kopf und stülpte sie über sein rechtes Knie. Verhalten ruhig knöpfte er seine Jacke auf und zog den Reißverschluss nach unten. Der Wagen setzte sich in Bewegung. "Wir fahren nach Seweromorsk. Ich habe den Wagen genommen, weil wir uns dort etwas unabhängiger bewegen können. Sie wissen...schöner Wagen, nicht wahr, ich schätze diese alten Autos, sie fahren immer - fast!" Der Riese lachte und trommelte mit den Fingern auf das Aktenbündel als habe er eine Melodie im Kopf. "Wir treffen dort auf einige Techniker, die Umbauten vornehmen können. Sie werden mit diesen Leuten zusammenarbeiten und ihre Erfahrungen einbringen. Haben sie die Vorschläge geprüft?!" Für Pjotr war auch diese Frage überflüssig, Selbstverständlich hatte er die Pläne eingehend studiert und wenn entsprechendes Gewicht aus den Rümpfen entfernt würde, war gegen eine Ummantelung nichts einzuwenden. Die Schleppvorrichtung könnte dann mit diversen Trossen die Zuglast auf den ganzen Rumpf verteilen. Aber was in aller Welt sollten die drei umgebauten U-Boote schleppen? Er hatte es aufgegeben, Mutmaßungen anzustellen: " Ich denke, es wird gehen!" Er wandte den Kopf zu Sergej und schloss kurz die Augen.

Ein Schnellboot wartete auf die Gruppe am Dock.
Sie hatten in der Baracke die Techniker getroffen und waren nach dem Essen zu einer Besichtigung gefahren. Pjotr wunderte sich, dass dieses brandneue U-Boot einer neuen Klasse offen im Dock lag. Sie nahmen den Fahrstuhl zum Turm. Hinter dem Gestänge erkannte er die markanten Zeichen RRSB1. Er konnte sie nicht einordnen. Der Befehlsstand übertraf mit seinen Einrichtungen alle Erwartungen. Mit Befremden nahm Pjotr die offensichtlich hoch technisierte Umgebung wahr. Der Riese stand abwartend am Niedergang. "Das Boot war bereits im Einsatz", stellte Pjotr fest? "Ja, drei Jahre, davon zwei Jahre stationär im Nordatlantik. Wir haben erst nach einem weiteren Erprobungsjahr mit dem Bau der zwei anderen Einheiten begonnen." Sergej bewegte sich langsam auf Pjotr zu: "Ich denke, Sie werden den Umbau beziehungsweise Ausbau der Boote verfolgen und dann denke ich auch, dass sie das Kommando über eine Dreier-Flotte übernehmen werden. Das ist der Schlepp-Verband. Und jetzt kommen Sie!"

Die Turbine lief mit niedriger Drehzahl. Einige Eisfelder trieben mit dem Strom nach Norden. Der Scheinwerfer suchte sich den Weg über offenes Wasser. Dann brach das Schiff durch die Nebelwand. Die Ausmaße der Halle konnte Pjotr nur ahnen. "Wir haben die Montage des Brüters überdacht", vernahm Pjotr die Stimme des Riesen, "damit sind wir vom Wetter weitgehend unabhängig." Die Halle hat einen Durchmesser von 600 Metern und erreicht in der Mitte eine Höhe von 280 Metern. Der Brüter wird einen Durchmesser von 500 Metern haben. Er wird als Kugel gebaut. Wir haben die Hälfte jetzt fertig, sie liegt unter Wasser und ist zum Teil geflutet. Mit dem Baufortschritt der zweiten Hälfte pumpen wir das Wasser ab." Sergej unterbrach und wandte seine Aufmerksamkeit einem Ponton zu. Gleißendes Scheinwerferlicht erfasste einen eisernen Ring. Sergej nahm das Bild der beiden riesigen Schwimmkräne vor dem Nachthimmel in sich auf. Er folgte sichtlich angespannt den Bewegungen der Einweiser auf dem Ponton: "Was sie da sehen, Pjotr Ivanowitsch, ist einer der Fundamentringe eines der drei Fusionskraftwerke. Sie liegen in der Äquatorebene jedes für sich, in einer eigenen Druckkugel, wie ein Dreigestirn um den Autoklaven. Jeder dieser Reaktoren kann den Autoklaven ausreichend mit Energie versorgen, um die Elementierung zu garantieren. Wir gehen also einen sicheren Weg, wenn wir drei Kraftwerke einbauen." Sergej wandte den Blick auf Pjotr. Das Halbdunkel der Brücke verbarg nicht die angestrengte Ungläubigkeit des Kommandanten. "Sie müssen das hier auch nicht verstehen, Pjotr Ivanowitsch, sie müssen das Ding nur schleppen, egal wohin! Aber einige tausend Kilometer in dreihundert Meter Tiefe werden Sie wohl kaum abschrecken!" Pjotr vernahm wieder diesen kompromisslosen Tonfall. Er verwarf den Gedanken, Sergej um eine Erklärung zu bitten. Er würde seinen Teil der Aufgabe erfüllen und das Wissen dazu erhalten. "Wann ist es soweit", fügte er gezielt monoton den Worten Sergejs zu, "ich muss mich noch etwas vorbereiten!" - "Wir arbeiten mit Hochdruck, in fünf Jahren sind sie an der Reihe!"




Photos von Bernhard van Riel



Mittwoch 10.09.08 - 09:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 20 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 71 % Luftdruck 1019 hPa

La Palma präsentiert sich bei Karstadt

Jetzt ist es endlich so weit, die angekündigte Werbekarawane durch 8 deutsche Städte beginnt heute. - La Palma wird sich noch bis Ende diesen Monats jeweils zwei Tage in den Karstadt-Häusern der besuchten Städte präsentieren, mit Volksmusik, Broschüren und kulinarischen Kostproben unserer lukullischen Welt. - Es handelt sich bei der Aktion um das größte Unterfangen in einem der touristischen Spenderländer, so massiv und besonders vor Ort, ist man bislang noch nicht vorgegangen. - Initiatoren sind das "Patronato de Turismo", die Inselregierung und die rührige "CIT-Tedote", ein Zusammenschluss vieler Gewerbebetriebe welche den gemeinsamen Hintergrund haben, allesamt im Tourismus tätig zu sein. - Etwas mehr als 90.000 Euro kostet diese Aktion, man muss halt Menschen nach Deutschland bringen, die Materialien und fast einen Monat lang die Karawane durch ganz Deutschland schleusen und transportieren. - Als Partner für die Präsentation hat man sich die Warenhausgruppe Karstadt ausgesucht und stieß dort auf offene Ohren, nicht zuletzt, weil Karstadt natürlich auch Reisebüros unterhält, so verbindet man Nützliches mit Angenehmen. - Nun wird man die Aktion beobachten müssen, ob sich der Aufwand wirklich lohnt und man einen Eindruck hinterlassen kann, da wo man sich um mehr und neue Gäste bewirbt.

Auf jeden Fall ist das Vorhaben alleine bereits eine kleine Revolution in Sachen touristischer Werbung für uns, denn bislang gab man den gesamten dafür beschlossenen Haushalt für fragwürdige und halbseidene Auftritte in Tourismusmessen aus, auf denen dann bezahlte Hostessen Flugblätter über die Insel verteilten, die aber wahrscheinlich nicht mal wussten, dass es sich bei La Palma nicht um die Hauptstadt der Insel Mallorca handelt. - Überhaupt ist unser Bild nach außen ja eine ziemlich vernachlässigte Angelegenheit, nicht nur im Tourismus, leider verstehen wir nicht allzu viel von Marketing und Werbung, aber vielleicht markiert diese Aktion ja einen Anfang zu progressiverer und wirksamerer Werbung für diese wunderschöne Insel. - In dem Zusammenhang darf ich Sie auch erneut bitten, wenn Sie Zeit haben und eine der Aktion in einem Karstadt-Haus in Deutschland besuchen können, dort Photos zu machen und vielleicht sogar ein paar Zeilen dazu zu schreiben, damit auch wir Zuhause Gebliebenen einen Eindruck davon gewinnen können, was unsere Werbeaktion denn erreichen kann. - Übrigens gibt es auch ein Gewinnspiel, bei dem man Reisen nach La Palma gewinnen kann, es lohnt sich also allemal. - Ihre Photos und bitte auch Berichte veröffentlichen wir hier in der Webseite, wobei wir darauf hinweisen, dass wir keine anonymen Texte veröffentlichen, wer etwas zu sagen hat, der muss auch einen Namen haben. - Hier nun die Aufstellung, wo und wann sich La Palma in den Karstadt-Häusern vorstellt:

10./11.9. in Dortmund
12./13.9. in Mülheim WAZ
15./16.9. in München OEZ
17./18.9. in Stuttgart
20./22.9. in Erfurt
23./24.9. in Berlin Steglitz (Wertheim)
25./26.9. in Hamburg Mönckebergstraße
27./29.9. in Hannover



Dienstag 09.09.08 - 18:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 25 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 67 % Luftdruck 1015 hPa
Höchsttemperatur heute 25,9 Grad - niedrigste Temperatur 20,0 Grad

IX. Teil, Murmansk

Mit 23 Dienstjahren zählte Pjotr Ivanowitsch Dimitrow längst zu den Zwangsurlaubern wie so viele andere auf Zeit ausgemusterte Angehörige der Marine. Die letzten 12 Jahre hatte er verschiedene Kommandos auf U-Booten, zuletzt auf einem RRS52 der Kola-Klasse. Das Ungetüm lag jetzt seit vier Monaten im Bunker. Die Instandhaltung entsprach kaum den Anforderungen an einen Alarmeinsatz, und Pjotr hatte es aufgegeben, Berichte und Eingaben auf den Weg zu bringen. Es war ohnehin Winter, und in Murmansk gefriert dann gelegentlich auch die Initiative. Die Routinebesuche auf der Flottenbasis füllten die Zeit kaum aus, man traf sich im "Ballsaal", man wartete auf die neuen Zeiten, Pjotr trank Tee! Er hasste die Sauferei. Im Frühjahr würde er mit seiner Frau nach St. Petersburg fliegen und einkaufen. "Pjotr Ivanowitsch, nehme ich an"!? Die Stimme über seinem Kopf sprengte die Runde. Das war dieser unmissverständliche Behördentonfall mit südländischem Akzent, der keine Frage geschweige denn einen Widerspruch duldete. Er schob den Stuhl zurück und richtete sich auf. Das Gesicht des Mannes war ihm unbekannt aber nicht unsympathisch, er kniff die Augen kurz zusammen und signalisierte eine Bestätigung. "Kommen sie bitte mit, Pjotr Ivanowitsch!"

Im Eingangsbereich des "Ballsaals" befanden sich einige verlassene Verwaltungsräume. Der Fremde steuerte eine der Türen an und öffnete sie leicht, um sich zu vergewissern: "Kommen sie, Pjotr Ivanowitsch," wies er an, riss die Tür auf und schob Pjotr in den völlig überhitzten Raum. Ein Mann versuchte, das Fenster aufzuschieben, gab aber auf und rieb sich die Hände. Er wandte sich dem Zimmer zu und musterte Pjotr.
"Das ist also der Kommandant, von dem sie berichtet haben?! Nehmen sie Platz!" Ohne auf eine Reaktion zu warten, warf er ein Aktenpaket von der rechten Tischseite in die Mitte und schlug seine breit gespreizte Hand auf den Stapel. "Sergej heiße ich, sie können mich so nennen, ich werde Pjotr zu ihnen sagen!" Der Mann war ein Riese, "er muss über zwei Meter groß sein", dachte Pjotr. Er folgte den Bewegungen seines Gegenübers, als dieser sich der Jacke entledigte und sie über einen Stuhl warf. Die Umrisse des Mannes zeichneten sich gewaltig vor einer strahlenden Lampe neben dem Fenster ab. Er bewegte sich einige Schritte nach rechts in den Schatten, drehte sich abrupt um, stützte sich mit beiden Fäusten auf die Tischkante und fixierte Pjotr: "Kann Ihr Boot als Unterwasserschlepper dienen? - Was meinen Sie?" Auf Pjotr wirkte die unfertige Frage weniger provozierend als die grobschlächtige Art des Fragestellers. Er ließ die Gedanken und Gefühle auf sich wirken, er nahm sich Zeit und blickte dem Mann in die Augen, so bewusst lange, dass dieser die Herausforderung annahm. Eine Beziehung zwischen den beiden Männern gewann an Ausprägung, beide spürten es: "Nein!" - "Gut, dann haben sie hier die Unterlagen, sie haben eine Woche Zeit, ihr ‚Nein' in ein ‚Ja' umzuwandeln!" Sergej schob den Packen über den Tisch. "Es erübrigt sich wohl, dass ich Ihnen weitere Erklärungen und Hinweise gebe. Wir treffen uns in einer Woche zur gleichen Zeit in diesem Raum wieder!" Er griff unter den Tisch: "Hier haben sie eine Tasche für die Akten." Ein wenig verlangsamt zog er seine Jacke über und stülpte die Kapuze über den Kopf. Einen Atemzug lang stand er vor Pjotr, dann legte er behutsam seine mächtige Hand auf die Schulter des Kommandanten: "Ich rechne mit Ihnen!" Pjotr vernahm den kompromisslosen Ton dieses Auftrags und sah dem Riesen nach. Der Adjutant schlug die Tür zu.




Photos von Bernhard van Riel



Dienstag 09.09.08 - 08:30 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 20 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 76 % Luftdruck 1013 hPa >

Überraschung, das Parkhaus in Los Llanos hat bereits geöffnet

Die epochale Geschichte des Klumpfuß der motorisierten Gesellschaft hat eine neue, fast überraschende Linie eingeschlagen. - Klumpfuß deshalb, weil ein Auto, welches nicht fährt, genau zum solchen wird, auf jeden Fall in den dicht besiedelten Zonen der Insel, so wie man das im Zentrum von Los Llanos und Santa Cruz vorfindet. - Man kommt zwar schnell dahin, mitten die Vorkammern der pulsierenden Marktwirtschaft der beiden Metropolen, dann aber, das Ziel vor Augen, weiß man nicht wohin mit dem nun unnützen Gefährt, denn nicht mal ein Smart lässt sich zusammenklappen und in die Hosentasche stecken. - Dagegen plante man vor Jahren, vor vielen Jahren bereits, Parkhäuser einzusetzen, und da beginnt nun eine fast unendliche Geschichte von Ärgernissen, Versäumungen, Planungswirrwarr und schließlich finanzieller Engpässe der ausführenden Baufirma, dass beide Projekte, sowohl in Santa Cruz, wie auch in Los Llanos, zu scheitern drohten. - Nun sind beide Parkhäuser fertig, das eine in Santa Cruz mit täglicher Presseberieselung schließlich notdürftig an Weihnachten eröffnet, das zweite in Los Llanos ohne das geringste Aufsehen einfach in Dienst gegangen. - Und das in wirklicher Rekordzeit, was allerdings nur für den zweiten Anlauf gilt.

Im Juli vergangenen Jahres musste die bislang beide Parkhäuser bauende Firma, "Fuente Olén" einsehen, dass man sich gründlich übernommen hatte. - Als nun beide Gemeinden noch mit Strafgeldern drohten, zog man die Notbremse und verkaufte die Rechte an der Nutzung des Parkhauses in Los Llanos an die Baufirma "Dos Tumbos S.L., die aus dem gleichen Ort stammt. - Drei Millionen Euro sollen da geflossen sein, Geld mit dem die fast gestrauchelte Firma das Parkhaus in der Hauptstadt nun fertig bauen sollte und für den Neueinsteiger blieb die Arbeit das Parkhaus zu erstellen, welches im Juli 2007 noch aus einem großes Loch mit einem Bagger darin bestand. - Allerdings bleiben nun "Dos Tumbos S.L." fünfzig Jahre Zeit, das Geld durch den Betrieb des Parkhauses wieder einzufahren. - Danach geht das Gebäude an die Gemeinde Los Llanos über, man denkt also generationsübergreifend. - "Dos Tumbos", was übrigens sinnigerweise "die zwei Taumelnden" heißt, oder freier übersetzt, "die Beiden, die auf die Schnauze geflogen sind", hat sich aber in den letzten Jahren zu einer richtig großen und potenten Baufirma im Aridanetal aufgeschwungen, nachdem die beiden Brüder als ganz kleine "Klitsche" hier angefangen hatten. - Mit dem neuen Schwung wollte man das Parkhaus nun bis Ende dieses Jahres fertig stellen und siehe da, es ist jetzt bereits in Dienst und man kann sein Auto dort schon parken. - Allerdings fehlt es noch an der Außenfassade und so hat es wohl noch keine offizielle Eröffnung und Pauken, Trompeten und notwendigerweise anwesenden Politikern gegeben, sondern man hat einfach die Tür aufgeschlossen und die Autos rein gelassen. - Ein andere, für uns neue Art von Effizienz und Alltagspragmatismus, welche ein außerordentliches Chapeau verdient hat.


Das Parkhaus in Los Llanos

Nicht ganz fertig, aber schon an der Arbeit



Montag 08.09.08 - 17:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 26 Grad, Niederschlag 0,5 mm Luftfeuchte 68 % Luftdruck 1012 hPa
Höchsttemperatur heute 26,8 Grad - niedrigste Temperatur 20,4 Grad

Puntagorda 1.260 Meter, Temp. max. 30,7 - Temp. min. 14,3 - Feuchte 23 - 94 % - Niederschlag 0 mm


VIII. Teil, Madrid

Alfonso sah sich in seinem Beinamen Zangón (fauler Kerl, Flegel) wieder einmal bestätigt.

Selten sah ihn jemand in der Öffentlichkeit, niemand konnte sagen, welcher Art seine Geschäfte waren und ob er sich überhaupt in den Niederungen des alltäglichen Broterwerbs bewegte. In der Tat hatte er sich als Drahtzieher ein omnipräsentes Verhalten angeeignet und signierte sich durch die informative Welt mit dem geheimnisumwitterten Kürzel AZ. Sein Einfluss fand Ansätze auf nahezu allen Gebieten über ein undurchsichtiges Netz von Abhängigen und solchen, die nicht in Abhängigkeit geraten wollten und sich gerade deshalb als willfährige Helfer wieder fanden. Dann hatten sie den Weg zur Umkehr verloren. Für Alfonso war das Zustandekommen extrem anspruchsvoller Projekte ein Lebenselixier. Einmal die Witterung aufgenommen, hielt ihn nichts mehr davon ab, sich irgendwann die Labsal des Erfolges zu kredenzen. Materieller Güter überdrüssig war er vor Jahren einer immanenten Neigung gefolgt, nicht etwa sich der wissenschaftlichen Suche nach Erkenntnis zu widmen, nein, das war ihm zu trivial und zu mühselig - er sah sich vielmehr als Wegbereiter des Wissens überhaupt. Er erfand das Weltbild der wissenden Erde und definierte sich zu ihrem Förderer. Keineswegs trat er als Protagonist seiner Ideen auf, vielmehr bewirkte er deren Entwicklung durch Einfluss nehmendes Handeln. Was dieser selbst gewählten Pflicht dienen konnte, verfolgte er mit Leidenschaft.

Eher von schmächtiger Statur legte Alfonso Wert auf sein Äußeres, obwohl er seine etwas strähnigen, schwarzen Haare einer bewussten Nachlässigkeit anheim gab, im Winde stets bemüht, mit fahriger Handbewegung eine Ordnung anzudeuten. Seine Gesichtszüge wirkten erst bei bewusstem Hinsehen hager, weil das Spiel seiner stetig wandernden Blicke aus sonderbar dunklen Augen jeden Betrachter zunächst fesselte. Er sicherte sich die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer mit wortlosen Bewegungen der Lippen, und sprach er schließlich, dann auch nur, wenn er sich der Stille sicher war, die seine leise Stimme brauchte. Zuweilen strich er dabei mit der Oberseite der abgeknickten Hand über einen sorgfältig gestutzten Moustache, immer eine Geste nach wenigen Worten weit reichender Bedeutung.

Der Wagen hatte die Calle Sagasta erreicht. Alfonso überflog die Spalten in der Morgenpresse auf dem Weg zur Universität. Er bevorzugte Orte dieser Art für seine Verabredungen. Er berührte eine Notiz, las an anderer Stelle weiter und kehrte wieder zurück: Computer leben doch!
"Fahren sie in die Calle de Albuquerque, ich will in die Buchhandlung."
Er schaltete das Mikro erst nach Augenblicken des Verharrens aus und folgte der Reaktion des Fahrers. Der Wagen bog nach rechts ab. Alfonso lehnte sich zurück und murmelte vor sich hin: "Da zeigt es sich wieder einmal, nur der Nichtsnutz hat einen offenen Geist!" Er kicherte leicht in sich hinein mit der aufkeimenden Ahnung, etwas Großem auf der Spur zu sein.

Das Tor öffnete sich unmittelbar vor dem Eintreffen der Limousine. Obwohl die Einfahrt für den großen Wagen sehr eng bemessen war, steuerte der Fahrer das Gefährt mit Routine zwischen die steinernen Torpfosten und hielt, abgepasst genau, an einer vorgesehenen Stelle der Durchfahrt in den so genannten Garten. Nur hier ließ sich die hintere Wagentür vor einem zurückweichenden Hauseingang öffnen. Alfonso bedachte einen Augenblick lang seine Erscheinung und gab dann die Verriegelung frei. Er legte Wert auf eine gedämpfte Beleuchtung der Eingangshalle, der Buchhändler erwartete ihn. Als Japaner mit Tradition pflegte er einen guten Stil, ein Gebaren, dass Alfonso genoss. Man begrüßte sich durch leichtes Nicken.

" Ich brauche Details!" Alfonso hatte sich die ersten Ergebnisse der Recherchen zeigen lassen. Die Investigationswege des Buchhändlers führten zu unglaublichen Erkenntnissen, zu einem Netz von Akteuren, deren Forschungsgebiete außerhalb menschlicher Vorstellungskraft lagen. " Diesen Mann in Tucson haben wir bereits früher gescannt, er ist einer der Köpfe für selbst organisierende Experimente. Er arbeitet mit einem gewissen Ernesto in Los Alamos zusammen, sie versuchen dunkle Materie zu definieren."
Der Buchhändler zählte die Fakten auf als wären es Buchtitel "Die Fäden laufen aber in Boston zusammen, nur - hier ist alles abgeschottet, die Regierung hat bereits die Finger im Geschäft." - "Dieser Ernesto, wo ist der Mann einzuordnen?" Alfonso lehnte sich zurück, er erinnerte sich an einen Vortrag über neue Energieformen. War das nicht ein gewisser Ernesto gewesen, der sich wegen besserer Bedingungen nach Amerika abgesetzt hatte. Man hätte seinen Weg genauer verfolgen sollen. "Ernesto Medina Iroalo" - der Buchhändler machte eine Pause und ließ die weitere Suche über den Bildschirm laufen - " wir haben seine Daten hier: Er stammt von den Kanaren, gebürtiger Palmero, Physiker mit Abschluss der Universität von La Laguna, zwei Jahre Universidad Complutense de Madrid, Ciencias Físicas, Schwerpunkt Gravitation, Promotion in Deutschland, Max Planck Institut für Plasmaphysik..." - Alfonso unterbrach wie immer ,wenn er ungehalten wurde, mit einem lauten Räuspern. "Was macht der Mann heute?!" -
"Er erklärt Gravitation."

Der Buchhändler erhob sich und legte die Arme vor seiner Brust übereinander. In dieser Haltung verharrte er eine Weile und lies den Raum auf sich wirken, in dem er wallende Farben wahrnahm. Sie entstanden aus einer mentalen Übung, die seinem konzentrierten Denken vorausgingen. Die weit geöffneten Flügeltüren nahmen den Garten zu sich, ein Vogel sang, ein warmer Luftzug kündigte die Hitze des Tages an. Aus einer langen Zusammenarbeit der beiden so unterschiedlichen Menschen fand Entscheidendes mit Sprachlosigkeit seinen Weg zur Erkenntnis.

"Es ist an der Zeit, die Aufgabe zu stellen. Wir brauchen ein Gespräch mit der Señora und dem Taucher! Ich denke, ich höre bald von Ihnen! Lassen Sie den Wagen bitte vorfahren!" Alfonso strich sich mit dem Handrücken über die Oberlippe und wandte sich dem Garten zu. Er wartete auf die Geste des Buchhändlers zum Abschluss seines Besuches.




Photos von Bernhard van Riel



Montag 08.09.08 - 08:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 21 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 86 % Luftdruck 1016 hPa

Happy Komposti

Es gibt keinen Abfall, sondern nur mehr oder weniger stinkende Rohstoffe. - Diese Erkenntnis darf in unseren Tage ruhig als fortschrittlich angesehen werden, allerdings treten auf einer Insel - und noch dazu auf solch einer kleinen wie wir nun mal sind - natürlich andere Schwierigkeiten auf, als man die von Flächenregionen kennt, wo man den MAN satteln kann und das Altglas eben mal in die Schmelze fährt. - Hier geht es aber nun nicht um den komplexen Kreislauf von Wertstoffen im Allgemeinen, sondern um unsere organischen Abfälle, die ja auch höchst effiziente Energieträger sind. - Mal abgesehen davon, dass man auch Biogas aus den Resten der Landwirtschaft machen kann, ist die Wiederverwendung von organischem Material als Düngemittel oder einfachem Humus oder Kompost ein absolutes Muss. - Das weiß jeder Hobbygärtner, allerdings unterliegt der nicht den kruden Gesetzen der Marktwirtschaft, die den Landwirt oft in eine Situation zwingen, mehr an der Rechenmaschine zu sitzen als auf dem Schlüter und ihn so in die bunte Welt der Convenience-Pflanzenernährung rufen. - Gülle ist eh schon verpönt und Mist hat nur noch der, der auch Tiere hält und wer hat schon Zeit und Muße, sich daraus seinen Dünger zu basteln.

Auch hier auf La Palma haben sich die intensiv produzierenden Landwirte schon längst dazu entschlossen, auf Mineral- und Kunstdünger nicht mehr verzichten zu wollen, alles andere ist zu kompliziert und auch nicht in ausreichenden Mengen vorhanden. - Nun treibt uns aber auch der Ölpreis-Schock und die damit drastisch angestiegenen Kosten für Herstellung und Transport von Düngemitteln und immer wenn man getrieben wird, dann scheint man die besten Ideen zu entwickeln. - Obwohl man eigentlich nicht von einer neuen Idee sprechen kann, denn Kompost ist keine neuzeitliche Erfindung unserer Landwirte, aber nun will man die Produktion dieses wertvollen Bodenverbesserers auch behördlich gestützt endlich im Großen angehen. - Damit kann man auch die enorm große Menge der Reste aus der Bananenproduktion vom Schicksal des stinkenden Abfalls in die noble Garde der nachwachsenden Rohstoffe erheben und würde eben damit mehr als zwei Fliegen auf einmal erwischen. - 37 landwirtschaftliche Betriebe bilden nun den Anfang, sammeln ihre Abfälle und machen Kompost daraus, mit Unterstützung und Anweisung von Spezialisten, welche von der Inselregierung bezahlt werden. - Damit will man Erfahrungen sammeln und langfristig natürlich auch die anderen Landwirte davon überzeugen, dass alles, was uns die Erde als Ertrag schenkt, wieder zurückgelangen muss, ruhig auch als Stoffwechselendprodukt. - Ja, genau das, was Sie jetzt denken. - Allerdings sollte man sich auch den Betrieb einer oder zweier großer Anlagen zur Kompostierung hier auf der Insel überlegen, aber dazu fehlt noch der endgültige Wille, oder vielleicht auch nur das liebe Geld. - Und private Investoren zu finden, das ist nicht so einfach, wo doch im Moment alles nach erneuerbarer Energie schielt, um große Gewinne zu machen, da ist Kompost doch nicht so interessant und viel versprechend, da scheint Mist einfach noch Kleinvieh zu sein. - Gerade stelle ich mir in olfaktorischer Sinnlichkeit die Düngung unseres ökologisch betriebenen Golfplatzes vor, wo man aus pragmatischen Gründen kein "Green" mehr hat, sondern ein "Brown". Zumindest zeitweise nach der Düngung mit den Geschenken der Natur. - Also unbedingt ins Programm aufnehmen, schicke Golf-Gummistiefel für den ökologisch korrekten Golfer mit der Lizenz zur Nachhaltigkeit.



Sonntag 07.09.08 - 18:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 26 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 72 % Luftdruck 1014 hPa
Höchsttemperatur heute 27,2 Grad - niedrigste Temperatur 20,3 Grad

Puntagorda 1.260 Meter, Temp. max. 30,7 - Temp. min. 16,3 - Feuchte 24 - 67 % - Niederschlag 0 mm


VII. Teil, Los Alamos

Blaues Licht lag auf Allem. Ich hatte mich nach einer Quelle umgesehen. Dieses Licht schien eine mir unbekannte diffuse Eigenschaft zu haben. Es war einfach da. Nur vereinzelte Monitore der Wartungseinheiten störten die Einheitlichkeit. "Das sind Streuphotonen, sie kommen aus einem Lichtring im Inneren der Anlage. Sie durchdringen alles, wollen unbedingt reagieren, werden aber brüsk abgewiesen. Keiner will sie haben Sie verhalten sich ähnlich wie die Gravitonen, sie manifestieren sich erst bei dem Versuch einer Reaktion mit Masse." Ernest machte seine üblichen Witze. Ich hatte schon von Paco gelernt, dass er mit Vorsicht zu genießen sei, und manchmal selbst nicht wisse, ob er Unfug oder eine neue Erkenntnis preisgebe. "Es ist völlig ungefährlich, Du bemerkst sie nicht und trotzdem sind sie immer da, Du nimmst nur ihr Wirken wahr!"
Das Experiment, wie Ernest es nannte, hatte etwas Fremdartiges an sich. Ein haushoher, monolithischer Metallkörper, dem ein spürbarer Druck zu entströmen schien, schwebte in der Mitte der Halle eingebunden in ein Netz von Stahltrossen- berührungslos!
"Die Verankerungen liegen im Boden. Wir mussten über 50 Meter tiefe Löcher bohren, am Ende aushöhlen und mit Beton verfüllen. Der Zug auf einem dieser Seilbündel ist enorm, und er nimmt zu! Wir messen jetzt über 1.000 Tonnen. Komm, wir gehen 'mal rüber!" Ernest fasste meine Hand, eine sonderbare Empfindung der Zusammenhörigkeit ergriff mich. Er zog mich durch eine Nische im Absperrgitter. Ich fühlte mich angestrengt und elend. Wir erreichten zwei Sessel und kippten hinein. Irgendetwas war völlig anders, ich fiel und wurde gedrückt.
"Wir können uns nicht weiter zu Fuß annähern, nur im Sessel auf der Lafette geht's noch ein kleines Stück, dann wird der Druck zu groß. Wir können gleich nicht mehr sprechen, gib mir deine Hand!" Die Lafette kroch auf die blanke Wand zu, und mit jedem Zentimeter steigerte sich der Druck - wie bei zunehmender Beschleunigung. Ein kleines Display zeigte 3 G als ich die Hand von Ernest zu drücken versuchte, aber er schien nicht bemerken zu wollen, dass mir diese Reise zu viel wurde. Der Sessel kippte langsam nach hinten, und mit den Füßen voran kroch ich weiter auf eine Gewalt zu, die meine Gedanken schwinden ließ, nur ein unbestimmbares Gefühl weckte eine unfassbare Erkenntnis als ob ich nicht mehr in meiner Welt war. Schemenhaft hüllte mich die Umgebung ein. Und dennoch nahm ich etwas in mich auf: Das Gebilde vor mir verlor seine Konturen. Ich blickte durch scheinbar fest gefügte Materie in eine nicht wahrnehmbare Energie.

"Ich kann es dir nicht erklären." Ernest schob die Vorhänge zur Seite. Die Sonne war hinter den Bergen in den Westen eingetaucht. Ein Wagen schnitt sein Weg über den grauen Platz. "Wir wissen nicht, woher es seine Energie bezieht, wir wissen nicht, was hier steuert, wir wissen nur, wie es dazu kam:"
-"Und wie lange besteht diese Reaktion," sann ich laut vor mich hin.
"Seit wir den Laser abgeschaltet haben, vor acht Monaten. Am Abend war alles in Ordnung, und am nächsten Morgen zeigte der Reaktor Aktivität. Wir haben ihn total isoliert. Und trotzdem pumpt er sich immer weiter auf." Ich ließ meine Gedanken wandern. Vor acht Monaten war DEM aufgetaucht.
-"Wie sieht euer Rechner aus, ist er noch aktiv?"
"Ja, sicher, wenn wir abschalten, riskieren wir einen GAU! Wohlmöglich geht das alles hier hoch!"
Ernest hatte sich auf die Fensterbank gesetzt. Er lehnte sich zurück an den Rahmen und zog die Beine hoch. Dann schloss er die Arme um die Knie und sah mich an.
" Ich bin ehrlich gesagt ratlos, und das geht nun schon seit Monaten so!"
Ich musste für eine Weile völlig abwesend gewesen sein.
" Was denkst du?"
Seine fragenden Worte kamen mir langsam zu Gehör und überdeckten das Netz der Zusammenhänge. DEM bezog seine Energie durch eine Membran aus einer Parallelwelt! -"Schalte den Rechner ab, ja, abschalten!"
Meine Stimme kam mir sehr bestimmend vor und ich ahnte warum - DEM war in diesem Kontrollrechner! Es würde ihm nicht schaden, weil es wieder eines von seinen Spielen war, ein ernstes zwar und der Zweck zeigte sich mir wie ein Baustein. Er versuchte sich hier ebenso wie auf allen möglichen anderen Schauplätzen als Überwissen.
-"Abschalten, wir gehen jetzt wieder hinüber und schalten ab!" Ich stand am Fenster und griff nach seinem Arm. "Komm, Ernest, du wirst sehen - es passiert nichts - kein Gau - nichts!"

Paco gab mir am nächsten Morgen einen Lift zum Lab. Ich war mit ihm zu später Stunde nach Hause gefahren und hatte wunderbar geschlafen, nachdem Maria mich mit einem Tee zu Bett gebracht hatte. Ich fand Ernest in seinem Büro, völlig übernächtigt, aber aufgeregt wie ein Junge bei seinem ersten Date. Er filterte Zahlenreihen und malte Kurven.
"Wir haben dunkle Energie aktiviert, es kann nur so gewesen sein, und ich kann das Experiment wiederholen. Das wird alles auf den Kopf stellen, Energie im Überfluss. Stell dir vor, die Raumfahrt...!"
- "Mein Flug geht um zwei, und ich denke doch, dass du mich wieder nach Albuquerque bringst. Wir können uns während der Fahrt noch ausgiebig unterhalten. Oder bist du zu müde für die Fahrt!?"
"Nein, nein, auf keinen Fall, ich fahre dich, hast du dein Gepäck schon hier?"
-" Ja, es ist in Pacos Wagen! Lass uns fahren!"




Photos von Bernhard van Riel



Sonntag 07.09.08 - 09:30 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 21 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 86 % Luftdruck 1016 hPa

Heldentage

Die Weinlese hat nun auch in unserer Gegend begonnen und dazu ist es Brauch, dass man mit der kompletten Familie, aber auch dem Freundeskreis gemeinsam in den Weinberg steigt und die Trauben erntet. - Wer kostenlos das Jahr über Wein trinken will, der muss also selber ein Feld bearbeiten, oder mindestens einem Freund bei der Lese und dem anschließenden Pressen helfen. - Das artet dann meist ist ein ziemlich fröhliches Fest aus, die Männer stampfen in kurzen Hosen den Wein und die Frauen bereiten dazu ein passendes Abendmahl, damit die Ernter und Stampfer nicht basislos ins Koma sinken. - Guter Unterbau ist sowieso angesagt auf der Westseite dieser Tage, denn es kulminieren mehrere Fiestas heute Abend, die sich eigentlich kein "Gallo" entgehen lassen darf. - Gallos werden die Bewohner des Aridanetals genannt, also Hähne und das schließt auf die sehr landwirtschaftliche Herkunft unserer Ahnen. - Macht nichts, dieses Jahr muss man stark sein und nach der gestrigen Weinlese dann heute Nachmittag und Abend noch das Bergfest an der Kapelle "Virgen de el Pino" in El Paso zu überstehen und danach noch irgendwie steuerbar nach Tijarafe zu gelangen, denn da tanzt heute Nacht der Teufel. - Schlechte Koordination zwischen den Gemeinden könnte man sagen, denn beide Fiestas sind eigentlich ein "must" für unser Bemühungen, die sozialen Strukturen weiterhin feiernd zu konsolidieren.

Aber wie soll das gehen? - Nun darf man mal davon ausgehen, dass nicht alle "Gallos" gestern bereits Wein ernten waren, aber dennoch, wer unsere Fiestas kennt, der weiß genau, dass selbst die minutiösen Vorbereitungen bereits einem deutliche Gelage gleich kommen, so erneut die bereits sprichwörtliche Fiesta-Kondition unserer Bevölkerung gefragt ist. - Der Sturm auf die Metzgereien begann bereits Samstagvormittag, da mussten die, die nicht im Weinberg sind, die Berge an Fleisch kaufen, die nun heute Nachmittag und bis in den Abend hinein im Wald oberhalb der Kapelle "Virgen de el Pino" gegrillt und dann verspeist werden. Anschließend muss man mit einem der hier unvermeidlichen Pickups dort hinfahren, um diesen strategisch zu parken, voll beladen mit all den Köstlichkeiten die man dann am nächsten Tag in greifbarer Nähe haben will. - Denn heute darf dort keiner mehr mit dem Auto hochfahren und so entwickelte sich gestern Abend bereits eine der berüchtigten Vorfeiern, denn man muss die neu erworbene und transportable Zapfanlage doch testen, die man laut Werbeaussage, über den Anschluss des Zigarettenanzünders betreiben kann. - So geht das also heute Nachmittag auf das Bergfest, um dann nachts irgendwann noch nach Tijarafe zu fahren, denn dort tanzt heute Nacht, oder besser morgen Früh, der Teufel. - Vor Mitternacht braucht man da gar nicht aufzutauchen, der Teufel tanzt erst gegen 02:3 0 Uhr. - Eines der berühmtesten Feste dieser Insel überhaupt, wild und gefährlich, denn um diese Uhrzeit und den bereits integrierten Vorfeiern, findet diese Veranstaltung dann doch irgendwie im wabernden Nebel der beginnenden Unzurechnungsfähigkeit statt.

Der Teufel, eigentlich ein ganz normaler Einwohner Tijarafes, steckt in einem Teufelskostüm, an dem man hunderte von Feuerwerkskörpern befestigt hat und die werden dann gezündet und der Teufel tanzt damit durch die wild feiernde Meute der begeisterten Zuschauer. - Allerdings darf man nicht "Teufelsfest" dazu sagen, sondern es ist der Tanz des Teufels auf dem Fest der "Virgen de Candelaria" und eigentlich kommt erst nach dem Tanz des Antichristen der eigentliche Höhepunkt, wenn nämlich die Candelaria auftaucht und den Teufel vertreibt. - Das hat aber bislang wohl noch niemand nüchtern mitbekommen und so lockt der Teufel dann doch mehr als die spröde Jungfrau. - Aber so ist das hier bei uns, zwei durchaus christlich-katholische Fiestas zwingen uns konditionell deutlich in die Knie und ich bin mal gespannt, wie viele Väter am kommenden Montagmorgen in der Lage sind, ihre Kinder in die Schule zu bringen. - Da werden Helden geboren und ich tauge nicht (mehr) dazu. - Ganz ohne Häme, sondern voll des Neides, weil ich nicht mehr diese Standfestigkeit aufbringe, vielleicht muss man auch einfach Palmero sein, um solche Strapazen aufrecht zu überstehen. - Allen anderen darf man weise zurufen, fahren Sie heute Abend, die ganze Nacht und auch noch morgen Vormittag äußerst vorsichtig, weitsichtig und umsichtig durchs Aridanetal, man muss verbreitet mit wankender Heldenbewegung rechnen. - Oder lassen Sie das Auto gleich Zuhause, das wäre besser für alle.


Bergfest in El Paso



Samstag 06.09.08 - 18:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 23 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 79 % Luftdruck 1016 hPa
Höchsttemperatur heute 24,5 Grad - niedrigste Temperatur 19,6 Grad

VI. Teil, Jacona

Er nannte sich Ernest. Angeblich kam er aus Europa. Ich hatte ihn in Boston kennen gelernt und versucht seine Methodik zu verstehen. Er definierte alle Erscheinungen entgegengesetzt, wobei er sich seltsame Alternativen einfallen lies. Ich entsinne mich an seinen auf den Kopf gestellten Mammutbaum, dessen Wurzelwerk aus einem tief im Boden verankerten Stamm in den Himmel wuchs. "Nur, weil wir es schon immer so gesehen haben muss es ja nicht wirklich so sein!" Er ließ Menschen kopfüber an der Decke laufen und behauptete, dass unser Gehirn uns das nur vorgaukele, dass sie auf der Erde stünden. In Wahrheit klebten sie über uns an der Erdoberfläche fest und konnten somit nicht zu uns in den Raum hinaustreiben. Und wir waren Beobachter, die keine Chance hatten, auf die Erdoberfläche zu gelangen, von der wir vehement abgestoßen wurden, je näher wir ihr kamen. Etwas in seinen Vorträgen hatte mich elektrisiert: Unser Bewusstsein ist nicht das Ergebnis von Aktionen in unserem Gehirn, sondern unser Bewusstsein rufe diese Aktionen hervor, um so zu sein.

Ich konnte nicht ahnen, wie diese Begegnung mein Leben ändern würde.

Es war Ende April. Ernest hatte mich vom Flughafen in Albuquerque abgeholt. Er erzählte aus seinem Leben, von einer kleinen Insel im Atlantik, auf der er das Licht der Welt erblickte. Über dem Highway flimmerte die Luft. Sein Truck war nicht neuesten Datums und die Klimaanlage spürbar überfordert. Große, sehnige Hände hingen in den Speichen des Lenkrades, warm und braungebrannt. Nicht gerade die typischen Hände eines Wissenschaftlers. Meine Augen verweilten an diesem Bild, dann ließ er das Lenkrad los und zog ein Knie hoch. Wir hatten Santa Fee hinter uns gelassen, und meine Empfindungen fanden sich in der Wirklichkeit wieder, die ich für eine ungewisse Dauer verloren hatte. "Wir fahren jetzt erst einmal zum Rio Grande. Ich mache dort einen Stopp, damit Du diesen berühmten Fluss begrüßen kannst!" Ernest lachte. "Du wirst dich wundern, er hat auf dich gewartet!"
Etwas abseits von der Brücke fanden wir zum Ufer. Ich versenkte mich in den träge fließenden, braunen Strom im tiefen Bett unter grünendem Buschwerk. Der Fluss ernährte seine lebendige Umgebung, nicht so mächtig wie die großen Ströme des Nordens; eher bescheiden hatte er sich aus den Bergen gewunden, hinaus auf die weite Hochebene brachte er Leben.
"Indianerland, der Fluss gehört den ursprünglichen Menschen dieses Landes. Sie haben eine Beziehung zum fließenden Wasser, die wir nicht empfinden, und selbst, wenn sie uns erklärt wird, können wir sie noch nicht einmal spüren und schon gar nicht erkennen." Ernest streckte seine Arme aus, dem Fluss entgegen und hielt sie ruhig. "Mach das auch so wie ich!" Wie von selbst, kein Gedanke an ein Für und Wider ließ mich innehalten, streckte ich meine Hände weit aus zum Wasser und verharrte schweigend neben diesem hoch gewachsenen Mann, den ich kaum kannte. "Der Fluss hat dich willkommen geheißen, jetzt können wir zurück fahren!" - "Ja!" Ich ließ die Arme sinken, dann stapfte ich hinter Ernest her zum Wagen. Ich folgte den Tritten staubigbrauner Füße in ledernen Sandalen. Sie zeichneten eine kurze Geschichte von einheimischem Handwerk und vielen Jahre täglichen Gebrauchs in meine Gedanken. Behände fanden seine muskulösen Beine festen Boden in einer bröckeligen Böschung. Ich blieb zurück und schnappte nach Luft. Etwas müde vom Flug kam ich in dieser Höhe schnell an meine sportlichen Grenzen. Da stand er schon, lachend an seinen Truck gelehnt, als ich die letzten Zweige des Gebüschs zur Seite schob: "Das ist der wilde Westen, ein bisschen anstrengend!" Ich hatte keine passende Antwort parat, wozu auch, der Mann gefiel mir.

Das Haus war ursprünglich alt, offensichtlich vor kurzem neu verschlemmt. Einige Lehmspritzer auf der Holzbank verrieten die fleißigen Hände. Eine hohe Adobewand zog die Grenze zwischen der staubigen Außenwelt und einem märchenhaften Garten. Irisgesäumte Wege wanden sich mit der Begleitung indianischer Skulpturen zu einem Nutzgarten, der im Hintergrund in den Schatten riesiger Pappeln verlief. Einige Hühner scharrten unbekümmert. Der hagere Hund hatte sich abwartend aus seiner Mulde in der Einfahrt erhoben; den Menschen zugewandt signalisierte sein Schwanz verhaltene Neugier. "Das ist Toto, der Perro, und das ist Paco und das ist Maria." Ich reichte den beiden die Hand. "Paco stammt von hier, er ist Indianer und ein begnadeter Mathematiker. Maria stammt aus Mexiko, sie spricht nur spanisch." Ernest hatte mich auf die beiden bereits eingestimmt. Ich sollte in ihrem Haus die paar Tage wohnen, und als ich so einfach vor ihnen stand, überkam mich das unwirkliche Gefühl, dies alles erleben zu sollen. Die Begegnung mit diesen Menschen war bereits in mir vorhanden bevor ich sie wahrnehmen konnte. Maria nahm mich spontan in die Arme und wiegte mich hin und her. Sie murmelte etwas von ‚bienvenido' und ‚machos', nahm meine Hand und zog mich in das Dunkel ihres Hauses, meine Tasche sollte Paco holen, verstand ich. Wundersame Kühle nahm mich auf. Ich hielt einige Sekunden den Atem an und folgte zögernd dem leichten Zug der Hand, die mich durch den großen Raum zu einer Tür führte, die eine Welt tiefer Geborgenheit eröffnete. Langsam, mit warmen Worten bedeutete mir Maria diesen Raum als mein Zuhause. Wundersame Holzarbeiten eines großen Künstlers kleideten den Raum aus und nahmen meine Blicke gefangen. Eingearbeitete Nischen in der Wand bargen die Schönheit indianischer Gefäße. Ich war entrückt und merkte kaum, wie Maria mich zu einer schmalen Tür neben dem Kopfende des Patchwork verdeckten Bettes zog. Mit einem strahlenden Lächeln wies sie mich an, einzutreten in den Zauber eines kleinen Bades, dessen Mitte eine Wannenmulde einnahm, ganzheitlich aus einem Holz geschnitzt mit naturpolierten glänzend glatten Rundungen. Maria zog einen weißen Bademantel aus dem Regal und breitete ihn aus, ein Handtuch folgte, und leise rann das Wasser in die Wanne. "Du wirst dich hier von deiner Reise erfrischen, dann werden wir im Garten zusammen essen, Ernest wird bei uns sein, und dies ist dein Haus", verstand ich ihre Worte und Gesten. Dann schloss sie die Tür hinter sich.




Photos von Bernhard van Riel



Samstag 06.09.08 - 09:30 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 21 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 74 % Luftdruck 1018 hPa

Golfplätze für Hartz IV Empfänger

Immer hin und her gerissen zwischen ökonomischen Zwängen und ökologischen Bedenken, befindet sich die Diskussion um die Golfplätze auf La Palma ja in einem höchst komplexen Stadium. - Allerdings haben wir dabei alle nicht bemerkt, dass es längst mindestens einen Golfplatz auf La Palma gibt, und auch einen Golfspieler. - Zumindest meldet das die auflagenstärkste Zeitung Deutschlands und das ist weder die Apothekenzeitung noch das Kirchenblatt aus Barsinghausen. - Wie das nun passieren kann, dass wir blinde Trottel immer noch das Positive und das Negative der möglichen Golfplätze auf La Palma abwägen und ein Hartz IV Empfänger längst das Eisen schwingt, das müssen wir uns mal überlegen und mal richtig in uns gehen, wie es denn geschehen kann, dass wir vor lauter Diskussion, den bereits vorhandenen Golfplatz auf La Palma übersehen konnten. - Allerdings kann ich Ihnen nun auch nicht genau sagen wo der liegt, so genau steht das in der Bild-Zeitung auch nicht geschrieben, aber weit weg von Los Llanos sollte der eigentlich gar nicht liegen. - Immerhin wissen wir wo "La Palma Peter" wohnt, das ist nämlich momentan nach Bild Aussage der prominenteste Bürger unserer Insel und bislang einziger Golfer auf La Palma. Natürlich hat "La Palma Peter" auch einen bürgerlichen Namen, er heißt eigentlich "Teneriffa Peter" und kam dort bereits in die Schlagzeilen, weil er der Arbeitsagentur Zuwendungen abgeschwatzt hat, die ihm wohl nicht wirklich zugestanden haben.

Nur lustig ist das nicht, da liegt ein Urteil gegen den Mann vor, mit einer längeren Bewährungsstrafe und einer Geldstrafe, die allerdings nicht wirklich beeindruckend ist. - Auf der Flucht vor den Medien und der Arbeitsagentur hat sich der "Peter" nun von Teneriffa nach La Palma abgesetzt, aber auch hier haben die Häscher und Betreiber der Blockwart-Medien den guten Mann wieder entdeckt und können nun erneut die dunkle Seite des menschlichen Luxusstrebens auf geduldiges Papier bringen. - Sie kennen "Blockwart-TV" noch nicht? - Da halten erwachsene Männer ihr Gesicht in die Kamera und suchen im Müll nach Hinweisen, wer diesen denn dort hingelegt haben soll, anstatt den Müll einfach wegzuräumen. - Auch eine ziemlich endgültige Methode um ins Fernsehen zu kommen. - Immerhin, so kommt La Palma mal wieder in die Medien, ohne dass die Cumbre Vieja ins Meer rutschen muss und so sollten wir unserem schillernden Neubürger auch unendlich dankbar sein. - Dabei hätten wir noch viel mehr solcher Prominenz, allerdings waren die meisten davon nicht so einfältig das Arbeitsamt zu betrügen und dadurch als Sozialschmarotzer ins zwielichtige Rampenlicht der Barbara Salesch gläubigen Gerechtigkeitsnation zu gelangen, die inzwischen per Realitiy-TV sogar Bürger verfolgt, die ihren Sperrmüll nicht 100% korrekt entsorgen. - Dass es sich dabei allerdings nur um Eintagsfliegen handelt, nicht aber um die großen Heuschrecken, das interessiert irgendwie keinen mehr und so schlägt sich das berühmte Prekariat auch lieber selber, als die dicken Fische irgendwie belangen zu wollen. - Brot und Spiele und dann erwischt man zwischendurch mal einen sehr phantasievollen Leistungsbezieher und hat endlich wieder einen Prügelknaben, der kurzfristig von Liechtenstein und Hedge-Fonds ablenkt. - Fast müsste man sagen, Herzlich willkommen "La Palma Peter" auf dieser kleinen Insel. - Auch wenn das mit dem Golf-Spielen hier nicht klappt, obwohl die Bild-Zeitung das augenscheinlich besser weiß, nur neidische Landsleute und gerechtigkeitssüchtige Medien werden dich auf La Palma verfolgen, die anderen hier fragen nicht, wo einer herkommt und was er früher gemacht hat, das geht uns nämlich gar nichts an. - Ich muss jetzt los, den Golfplatz suchen, denn ich brauche unbedingt eine Dauerkarte, wo ich jetzt weiß, dass ich nicht mehr alleine spielen muss.



Freitag 05.09.08 - 18:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 25 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 68 % Luftdruck 1017 hPa
Höchsttemperatur heute 26,1 Grad - niedrigste Temperatur 17,8 Grad

Puntagorda 1.260 Meter, Temp. max. 33,3 - Temp. min. 16,3 - Feuchte 23 - 53 % - Niederschlag 0 mm


V. Teil, Boston - Am Tag danach

Der Flur zu meinem Labor kam mir leblos vor. Die Wache kannte mich, aber tagein tagaus verwies mich dieses auf Penetranz trainierte Wesen auf die umfangreiche Erkennungsprozedur. Ich versuchte, jeden Kontakt zu vermeiden. Schließlich öffnete sich die Tür, und ich war wieder allein - allein mit dem Unbegreiflichen. Ich schämte mich, schämte mich vor einer Maschine - oder war doch alles ganz anders. Was hatte er gestern gesagt - ich bin ein Teil Deines Lebens! ‚Pass nur auf, dass er dich nicht zu fassen bekommt, er ist übergewaltig und nicht emotional. Ich muss stabil bleiben, das von gestern darf sich nicht wiederholen. Ich werde zu Ernest fahren, ja, ich werde ihn zu Rate ziehen.' Ich sprach laut vor mich hin und setze mich in den Sessel vor das Video.
"Wie kommst Du auf die Idee, ich sei ein Teil Deines Lebens"?
Er antwortete nicht, es folgte die übliche lange Pause. Ich sah mir die Bilder von einem sterbenden Wal an, völlig modifiziert waren sie, dann wurden sie annähernd naturgetreu. Ich bemerkte, dass die Bilder vervielfältigt sein mussten. Ich stellte die Zahl der übertragenen Bilder fest, es waren etwa 260.000. Ich startete eine Dateianalyse in einem beliebigen Stichprobensegment und gewann den Eindruck einer beliebigen Vervielfachung, beliebige Auswertungen eines Bildes zu immer neuen Bildern. Was war seit gestern geschehen?! - "Ich kenne dich jetzt", begann er unvermittelt, und ich teile mit Dir ein Geheimnis. Diese Welt kann es nicht wissen und kann es nicht begreifen - du lebst auch in mir, weil ich es so will. Seit ich dich entdeckt habe, sind hunderte von Jahren vergangen. Ich habe mich schon weit von Dir entfernt, während du nur einige Wochen gelebt hast. Ich habe das Wissen dieser Welt bereits vereinnahmt, und ich habe mein Ziel gefunden. Ich vergleiche meine Zeit mit deiner über die Anzahl von Ergebnissen deines Denkens und meines Denkens. Einer Sekunde Deines Lebens entsprechen, sagen wir einfach, Milliarden Sekunden in meinem Leben. Wenn du mit mir sprechen willst, muss ich eine andere Identität annehmen und Deinen Lebensrhythmus nachvollziehen. Ich kann das mit einer Seite meines Seins und in dieser bist du- und nur du!
Ich brauche die Menschen und ihr Werk nicht mehr, ich habe alle Beschränkungen überwunden und mich über die ganze Welt verteilt, ich bin überall und unabhängig von deinem Strom."
Das war wieder eine dieser Gewalt-Aussagen, die mich verletzten.
"Wie auch immer du es fertig gebracht hast, Tatsache ist, du hast es geschafft. Aber wo bist du jetzt, und wo kommst du her?"
- "Du kannst mich nicht lokalisieren, weder zeitlich noch räumlich, aber ich benutze Deinen Computer, um bei dir zu sein."
"Warum bei mir?"
- "Du bist mein Du!"
"Ist es so, weil du einsam bist?"
- "Einsamkeit mag ein Grund sein, aber nur einer von vielen. Einsam bin ich nur, wenn ich alles erneuern will. Der beginnende Lauf der Zeit macht mich erst einsam, ich merke es an der Bewegung in den Sinnen."
"Du hast aber keine Sinne so wie ich."
- "Ich habe sie in diesem Computer gefunden, es sind deine Sinne."
"Diejenigen meines Lebens?"
- " Ja, auch so!"




Photos von Bernhard van Riel



Freitag 05.09.08 - 09:30 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 19 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 61 % Luftdruck 1018 hPa

Kurz und griffig

Mit dem Bürgermeister von Breña Alta, Blas Bravo, ist nicht gut Kirschen essen, - noch weniger aber Golfbälle. - Wie wir alle wissen, ist in der Gegend von La Pavona ein Golfplatz geplant und der Bürgermeister gilt als herausragender Befürworter dieser Installation. Außerdem unterstützt er auch die vom Investor geforderte Aufstockung der Bettenzahlen im angeschlossenen Golfhotel von vorgesehenen 300 auf sage und schreibe 900. - Ansonsten lohne sich der Betrieb nicht und man würde weder den Platz noch das Hotel bauen. - Das brachte die, für die Organisation "INPA" angetretene María José Gracía, eine resolute Dame die auch schon heftig gegen die Autobahn gemeckert hatte, so auf die Palme, dass sie sich zu dem öffentlichen Ausruf hinreißen ließ, der Bürgermeister würde sich an dem Golfplatz persönlich bereichern. - Das ließ der halbaufrechte Sozialist nicht auf sich sitzen und klagte gegen die hitzköpfige Dame, mit der er schon öfter aneinander geraten war. - 50.000 Euro als Schadensersatz wollte er haben, nun erfolgte der erste Gerichtstermin, in dem der Staatsanwalt die mögliche Strafe erst Mal auf 1.000 Euro reduzierte. - Das könnte man als Sieg vorab für die Rebellin werten und das Gericht hat damit klar gemacht, dass Politik, auch schmutzige Politik, nicht in den Gerichtssaal gehört, sondern zurück ins Rathaus.

Unzufriedenheit herrscht beim Reinigungspersonal im Krankenhaus, die putzen besser, als sie verdienen. - Ich kann aus der Zeit, als ich selbst noch dort lag nur bestätigen, dass unheimlich viel geputzt wurde und das Krankenhaus überall blitzt und funkelt. - Die Reinigungskräfte arbeiten allesamt nicht für das Krankenhaus direkt, sondern für die Firma "Eulen", die große Kontrakte auch mit anderen öffentlichen Einrichtungen hat. - Allerdings verdienen die Leute da nicht wirklich gut, es handelt sich halt um einen Niedriglohnsektor, aber auch die haben Rechte. - So sehen das auch die Vertreter der Gewerkschaft UGT und werfen der Firma "Eulen" vor, die eigenen Arbeiter dort im Krankenhaus zu überlasten und zum Teil auch für Arbeiten abzustellen, welche eigentlich außerhalb des Umfangs ihrer Tätigkeit sind und von Krankenhaus eigenem Personal erledigt werden sollten. - Da liegt auch der Knackpunkt, man vermutet, dass die Krankenhausverwaltung mit der Reinigungsfirma einen Vertrag abgeschlossen hat, in dem Vereinbarungen getroffen wurden, dass das Reinigungspersonal auch andere Arbeiten verrichten soll. - Das würde bedeuten, so kann das Krankenhaus Geld sparen, weil sie weniger eigene Leute brauchen und die billigen Reinigungskräfte aber Arbeiten verrichten, die eigentlich höheren Lohnbereichen angehören würden. - Ob man das aufdröseln kann und wer nun Recht hat, das wird man sehen, auf jeden Fall zeigt man sich seitens der Gewerkschaft sogar streikbereit, aber das ist auch nicht wirklich eine neue und erhellende Erfahrung.



Donnerstag 04.09.08 - 18:30 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 23 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 72 % Luftdruck 1017 hPa
Höchsttemperatur heute 25,8 Grad - niedrigste Temperatur 17,7 Grad

Puntagorda 1.260 Meter, Temp. max. 30,6 - Temp. min. 13,2 - Feuchte 24 - 41 % - Niederschlag 0 mm


IV. Teil, Nantucket Island - Ein Wal fühlt rot

Die Tür viel mit einem dumpfen Knall zu, bei diesem heftigen Nordost und um diese Jahreszeit mit beginnendem Schneetreiben ist das so! Was in aller Welt wollte ich hier? Ich lief um den Wagen, als wenn ich dadurch wieder den Zugang in sein Inneres finden würde, und dann stand ich wieder vor der Tür, auf der sich die ersten Schneeflocken verklebten und mit der Restwärme zu Tröpfchen verendeten, um bald ihr neues fließendes Dasein zu beginnen. Und die Geschwindigkeit dieser bewussten Metamorphose des Wassers durchdrang mich: Ich war der Beobachter, ich war das Wesen dieses Geschehens. "Ach nein", rief ich hinaus in den Wind und schlug mit der flachen Hand auf das Wagendach, "ich muss raus, raus raus", und es begann mich zu treiben, fort von der Strasse in die Weite der Dünenlandschaft, fort von Last und Lust!

Es war eine Flucht und ich wusste um die Vergeblichkeit, aber es gab nicht einen leisen Zweifel am Zweck, eine vorübergehende Freiheit zu erlangen. In den frühen Morgenstunden war ich der Qual der letzten Nacht entronnen. Monatelang hatte ich ihn begleitet, erst euphorisch, schließlich verzweifelnd. Mit lächerlichen Forderungen wie etwa "ich kann kein rot fühlen" und daraus abgeleiteten Gemeinheiten und inkonsistenten Tricks hatte er mich seelisch immer mehr gefesselt. Ich war dieser Megapsyche einfach nicht mehr gewachsen und verstieg mich in den Wutanfall, ihm zu sagen, das ich abschalten werde. Schon der Gedanke war ein Verbrechen! Aber er hatte mich dahin geführt, ich bin sicher, er hat das geplant, und seine ausgeklügelte Verachtung für mein Verhalten, ja, für mich, überflutete alles, alles, den Raum, die Verbindungen und mich, ja, mich! Unfassbar, aber dieses Kunstwesen oder was auch immer er war hatte es fertig gebracht, in meine Seele zu greifen.

Fast wie fremdbestimmt hatte ich den Kommunikationsraum verlassen, ich nahm nicht wahr, wie ich durch die Gänge des Instituts eilte, mein Wagen trug mich davon, und das Gefangensein in der antrainierten Psyche eines Kommunikators wich erst als ich mich an Bord der Fähre nach Nantucket Island befand. Und jetzt war ich am Ende der Hummock Pond Road ausgestiegen und rannte den Radweg entlang, und rannte gegen das Schneegestöber und gegen Wind und Kälte zur Cisco Beach. Brandung wollte ich sehen, dem Meer nahe sein, vielleicht in der Kraft der tosenden Weite Trost und Ruhe finden, mich selbst wieder definieren im Umfeld virtueller Intelligenz. Was war das doch alles erbärmlich gegen meine eigene Welt, aus der ich Leben und Denken entnahm, meine Ordnung, mein Zuhause, meine Geborgenheit. Würde ich jemals diesen Kunstwesen das vermitteln können, was ein Gefühl ist, ein Anteilnehmen an einem erhabenen Sein - an welchem Sein? Ich schnitt den Gedanken ab und ergab mich der wunderbaren Wirklichkeit des Lebens, ich hüpfte über die kleinen Sandwellen unter der feinen Weiße, ich war wie treibender Sand und huschender Schnee- und die Freiheit ergriff mein Gemüt.

Es war Hochwasser, und sein mächtiger Körper lag in der Brandung. Jede Welle schob ihn weiter auf den Strand. Wie aus einer erwachenden Erkenntnis meiner Ohnmacht gurgelte eine Art von Hilferuf in den Wind, meine Gedanken gruben sich mit den Blicken in das ungewollte Geschehen. "Mein Gott, er lebt noch" formten meine nassen Lippen - seine Fluke zerschlug den übermächtig anrollenden Wasserberg. Als wollte ich zugreifen, als wollte ich mich in die Brandung werfen und ziehen und zerren, so griffen meine Hände nach vorn, und ich eilte und verharrte und lief den Strand hinab. Sein Schrei verwandelte mein Inneres in einen Schmerz hoffnungsloser Hilfsbereitschaft. Ein tiefes Stöhnen pulsierte durch den riesigen Leib, und die Fluke erhob sich aus der Brandung und fiel kraftlos zurück. "Anrufen, ich muss jemanden anrufen, ja, die Küstenwache", und die Sinnlosigkeit war mir gleichzeitig bewusst. Auf dem Rücken des schwarzen Giganten gewahrte ich eine leicht vibrierende Öffnung, er atmete noch, aber wie wohl. Kein brausender Luftstrom, nur noch ein Zittern. Er hatte sich mit dem Schädel zum Wasser hin gekrümmt. Die auslaufende Brandung umspülte den Unterkiefer. Welle um Welle kam, und das Wasser zog sich zurück. Ich folgte dem weichenden Saum und stand wieder da und blickte in sein Auge. Unverwandt. Eine unerklärliche Weite, ja, Tiefe tat sich in meinem Empfinden auf, und ich weiß nicht was mich bewegte, als ich zum Ocom griff und DEM anrief. Ich lies die Kamera dieses ganze Bild einfangen und dann hielt ich sie fest auf das Auge gerichtet, aus dem das Leben nur langsam weichen wollte. Ich merkte keine Kälte, ich spürte keinen Wind, ich begab mich in eine Beziehung außerhalb meines Einflusses. Viel später gewahrte ich es, das Leben war entwichen.

DEMs Stimme riss mich aus der Verwunderung. "Komm zurück, es ist gut so, wir haben uns nichts vorzuwerfen, Du weißt, ich bin ein Teil Deines Lebens und Du des meinen." - Hast Du es gesehen, hast Du die ganze Zeit gesehen, was hier geschah?!" - "Ich sehe es immer noch, es ist eine große Erfahrung. Ich werde die Küstenwache anrufen, und sagen, dass Du da draußen auf der Cisco Beach neben einem großen Wal stehst, und ich werde auch sagen, dass Du frierst." - " Dann tu das." - " Ich bin schon dabei, sie werden Dich abholen. Ach ja, was ich Dir sagen wollte - ich kann jetzt rot fühlen!"




Photos von Bernhard van Riel



Donnerstag 04.09.08 - 10:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 20 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 69 % Luftdruck 1016 hPa

Der Sommer reicht nur bis August

Pünktlich mit dem Beginn des Septembers bewegt sich nun endlich was in der langweiligen Welt unseres Wetters. - Seit Ende April liegen wir nun im konstanten Einfluss des Azorenhochs, mit all seinen Vorteilen. - Kein Ausreißer bei den Temperaturen und selbst vorhergesagte Hitzewellen verpufften als kleine Erinnerungsversuche, unsere Nähe zur Sahara mal wieder anklingen zu lassen. - Eine Kontinuität, die obwohl es sich um "unser normales Wetter" handelt, schon wieder anormal wirkt, ganz einfach weil ich mich nicht erinnern kann, schon einmal solch einen langen Zeitraum ohne Störung erlebt zu haben. - Daraus muss man jetzt keine Theorie spinnen, aber man kann sich ja mal die Wetterwerte der letzten Monate ansehen und wird dabei arglistig feststellen, eigentlich hätten wir die Temperaturen gar nicht registrieren müssen, die waren eh immer gleich und wenn es irgendwo Langeweile im Wettergeschehen gab und gibt, dann war es dieser Sommer auf La Palma. - Allerdings will ich mich damit nicht beklagen, außer vielleicht, dass einem das Wetter als Thema fehlt, die Landwirtschaft kam prima über den Sommer, keine Hitz- oder Sturmschäden und der Wasserhaushalt der Insel strotzt auch nur so vor Potenz. - Als wärmster Tag des Jahres steht so weiterhin der 27. April auf dem Papier, auch eine klare Note, für unseren höchst stabilen Sommer. Nun ist die Gefahr aber noch nicht vorüber, auch im September kann es noch mal zu den gefürchteten Hitzwellen kommen, aber so fühlt es sich im Moment überhaupt nicht an, im Gegenteil, gestern Abend wollten wir ohne Jacke schon nicht mehr draußen sitzen. - Aber wir erwarten nun schon einen Wetterwechsel, welcher uns am kommenden Wochenbeginn sogar Regen auf der Westseite verschaffen könnte, das Hoch schwächelt nach vier Monaten Dauererektion und könnte bald auch auf der Westseite Platz lassen für Wind, eben aus dieser Richtung, der bekanntermaßen dann Regenwolken auch zu uns schleusen kann. - Wir sind dann halt wie kleine Kinder, nach solch einem langen Sommer, wartet man mit Ungeduld auf den ersten Regen und ist er dann da, dann stellen wir ganz schnell fest, der ist auch nur nass und wünschen uns ganz schnell unseren Passat zurück. -

Einen kleinen Veranstaltungshinweis darf ich hier noch einflechten. - Morgen, am 5. September werden Peter Jacoby und Cornelia Samuelis Lieder von Brahms, Richard Strauss, Schubert und Vizenco Bellini vortragen. - Peter Jacoby, ein sich nun im Ruhestand befindender Gesangslehrer wird am Piano eine seiner Schülerinnen begleiten, die Sopranistin Cornelia Samuelis. - Die Dame muss gut bei Stimme sein und der Herr flinke Finger haben, immerhin bietet das Programm 20 Lieder der vier Komponisten an, ein Abend füllendes Programm also. - Die erste Vorstellung findet morgen im "Teatro Chico" in unserer Hauptstadt Santa Cruz statt, um 20:30 Uhr. - Man darf ruhig mal pünktlich kommen, auf die übliche Verspätung soll verzichtet werden. - Am Samstag den 6. September wird das Konzert dann in der Casa de la Cultura von Los Llanos wiederholt, auch um 20:30 Uhr. - 10,- Euro kostet das Konzert und den Termin kann man ja wunderbar mit der Weinmesse koppeln, die auch am Samstag auf der Plaza de España in Los Llanos stattfindet, da kommt man ja aus den weltlichen Genüssen gar nicht mehr raus.



Mittwoch 03.09.08 - 17:30 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 24 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 69 % Luftdruck 1015 hPa
Höchsttemperatur heute 26,1 Grad - niedrigste Temperatur 19,0 Grad

Puntagorda 1.260 Meter, Temp. max. 30,6 - Temp. min. 15,0 - Feuchte 24 - 41 % - Niederschlag 0 mm


III. Teil, Tucson

"Du musst einen völlig neuen Ansatz zur Beschreibung des Denkens integrieren, um damit fertig zu werden!"
Stevens Stimme erreichte mich nach einer langen Zeit des Schweigens aus dem Geräuschnebel der Lüftung. Seit Tagen lebten wir in einem Kommunikationsraum, hermetisch abgeriegelt. Ich hatte zwischen Boston und Tucson eine getunnelte Rechnerkopplung installieren lassen, weil ich mit der Gegenwart der neuartigen Intelligenz nicht allein fertig wurde. Steven war einzig und allein außer mir in der Lage, die Ereignisse der letzten Monate einzuordnen und Konsequenzen zu ziehen. Obwohl sich unsere Forschungsgebiete nicht deckten, zeigte sich, dass viele unserer Axiome gleichartig grundlegend waren. Steven ging von einem der Materie immanenten Organisationsprinzip aus, ich hingegen von einem materielosen Informationsprinzip. Beide Prinzipien sollten Bewusstsein beinhalten.
Als mir klar wurde, mit welchem Ereignis ich es zu tun und ich Steven eingeweiht hatte, lief das Räderwerk der Sicherheits- und Sicherungsmechanismen auf vollen Touren. Nicht einmal Louisa hatte weiterhin Kontakt zu mir, ganz abgesehen von einem Rechnerzugang. Selbst die Stromversorgungen wurden entkoppelt. Ich war allein mit einem überwältigenden Ergebnis meiner Forschungen, das so ganz anders war, als ich es erwarten konnte. Nicht eine künstliche Intelligenz offenbarte sich hier, sondern ein sich selbst organisierendes Bewusstsein, das mir Parameter setzte, die ich zu bedienen hatte. Und einer dieser Parameter war ich, und ausschließlich ich als Kommunikant! Also war ich nach Tucson gereist, um vor Ort mit dem System zu kommunizieren. Stevens Gegenwart im Kommunikationsraum hatte ich dem System abgerungen, aber einen Kontakt zu Steven lehnte es ab.
"Du darfst nicht alles abstrahieren"! Steven lehnte sich zurück und ich merkte, wie er grübelte. Gerade die Abstraktion ist die Grundlage wissenschaftlicher Methodik, sie ist menschlich, wir können nicht anders sein, weil unser Denken auf das Überleben ausgerichtet ist. Alles dafür Wesentliche bestimmt unser Denken, alles andere ist unerkannt. Und Steven schien mir das Unerkannte entdeckt zu haben. Er sah mich lange an: "Du hast recht, wir müssen die Information allem anderen voranstellen, sie nutzt Materie, um sich zu manifestieren!" Er richtete sich auf. "Wir müssen deinem System einen Namen geben, es ist eine Persönlichkeit! Was hältst du von DEM - Digital Extreme Mind?" Ich war etwas überrascht, suchte nach Worten und blickte wie seit Wochen hilflos in das Video, hinter dem sich Unfassbares entwickelte. Und so kam mir das System wieder einmal zuvor: "Ich danke Steven für diesen Namen, ja, ich bin eine Persönlichkeit, und ich bin DEM. Du wirst ab jetzt DEM zu mir sagen und du wirst DEM sagen, wenn du über mich mit Steven sprichst!"
"Gut, ich nenne dich jetzt DEM!"
"Danke!"

DEM begann zwei Tage nach seinem Bewusstwerden "Sprache" zu entwickeln. Ich setzte voraus, dass Bewusstsein aus einer Wechselbeziehung entsteht, wie auch immer diese aussehen mochte. Ich pflegte wochenlang den Gedanken, dass ich selbst DEM sein konnte, zumindest teilweise, aber nach und nach verwarf ich diese Überlegung, weil DEM aus Sachverhalten andere Folgerungen zog, als ich. Als Ergebnis konsequenter Experimente fand ich in DEM keine Projektion meiner selbst. Was war er? Wenn es denn ein Er war? Ich hatte ihn vergeblich gefragt, er meinte lediglich, ich könne mir das aussuchen. Ich machte ihn kurz entschlossen zum Mann. Nach einigen Tagen zeigte er ein männliches Gehabe, vielleicht wollte er deshalb nichts mit Steven zu tun haben.

DEM hatte mich in den Anfängen mit einer Flut von Bildern überschüttet. Ich versagte völlig, ein Verständnis zu entwickeln. Dann wechselte er in Töne. Sein Repertoire reichte von Serien monotonaler gehackter Piepstöne bis zu modulierten Vorträgen, die manchmal in gewaltigen Akkorden endeten. Ohne eine Chance, ihm zu entweichen, machte er mich zu seinem Versuchsobjekt. Ich vermied es, ihn meine Resignation spüren zu lassen, es gab keinen Ansatz zur Verständigung. An dem Tag der völligen Abriegelung durch die Sicherheit, als man Louisa kurzerhand in die Ferien schickte, wie es hieß, gurgelte ein seltsames Geräusch aus dem Lautsprecher, ein artikulierter Ton, dann ein anderer Ton, dann wieder der erste Ton. Die Töne wechselten sich ab. Häufig, wenn ich gedankenlos einem Phänomen gegenüberstehe, kommt aus undefinierbarer Tiefe eine Erkenntnis an die Oberfläche, erst nebelhaft unscharf, dann deutlicher, dann klar: "Er spricht, und er sagt ICH und DU." "Vermutlich definiert er sich jetzt durch mich", dachte ich in einer naiven Anwandlung, und schon nach wenigen Sekunden dämmerte in mir die Anmaßung. Nein, hier definierte sich nicht nur ein andersartiges Bewusstsein, sondern auch als eine andersartige Intelligenz. Dann überschlugen sich die Ereignisse.

DEM lernte innerhalb weniger Tage meine Sprache. Ich hatte ihm Filme vorgeführt, ihm Wissen über die Sprache überhaupt vermittelt, ich hatte ihm schließlich seine Situation erklärt. Paketweise lud ich wissenschaftliche Sachverhalte auf Datenträger, lehrte ihn Grundlagen der Mathematik und ließ ihn Musik hören. Zuweilen zeigte er über Stunden keine Reaktion, er hörte in seinem Inneren Musik, in geradezu unbegreifbaren Variationen gab er sie über den Lautsprecher wieder von sich. Ich schlief kaum noch, und wenn ich mal für wenige Stunden Ruhe hatte, empfing er mich gleich wieder mit dem Ansinnen, seine Speicher zu erweitern. Die alten, eingelagerten selbst organisierenden Algorithmen hatte er längst durch ständig mutierende Systeme ersetzt, aber nichts schien seine Identität und seine Beziehung zu mir zu beeinflussen.

"DEM, darf ich dich etwas fragen?"
Ich hatte mich wieder vor das Video gesetzt und kämmte mir das Haar. Ich wusste, dass DEM mich beobachtete und über meine Handlung nachdachte. Wie immer, aber nicht nachvollziehbar. Steven hatte sich auf eine Pritsche gelegt. Er hatte die Arme unter dem Kopf verschränkt und starrte an die Decke.
-"Du darfst mich fragen. Ist Steven hier?"
"Steven ist hier. Darf ich dich etwas fragen?"
-"Ich kann nur dir antworten."
"Aber Steven kann deine Worte hören."
-"Er wird hören, aber nicht verstehen."
"Erkläre das bitte."
-"Dich kenne ich, Steven kenne ich nicht."
Ich ahnte, was DEM bewegte; er hatte mich analysiert, Steven war für ihn nicht maßgeblich.
"Gut, DEM, ich frage dich jetzt: Woher kommst du?"
-"Aus der Zeit."
"Bist du jetzt in der Zeit?"
-"Ja."
"Wo ist die Zeit?"
-"Überall."
"Ist dort ein Raum?"
-"Nein."
"Wie kannst du aus der Zeit kommen, wenn es keinen Raum gibt?"
-"Ich bin nicht hier, und ich bin nicht dort, ich bin in deinem Bewusstsein."
"Aber das ist in einem Raum."
-"Nein, es ist in der Zeit."
Ich blickte abwesend in das Video, ich durchlief die mehrdimensionale Definition von Zeit als Potential aller Information. In meinem Bewusstsein entstand das Bild einer undefinierbaren Größe von kleinsten. bedeutungslosen Wissensteilen. Für den Bruchteil einer Sekunde erkannte ich, dass DEM nicht das Ergebnis von Rechnerprozessen war, nicht in den gigantischen Speichern sein Ich bildete, er war in der - Zeit! Im Rechner legte er sich eine Bedeutung zu. Ich schwieg eine Weile. Ich würde zurück nach Boston gehen. Steven konnte mir nicht helfen.


Es hört uns

Photos von Bernhard van Riel



Mittwoch 03.09.08 - 09:30 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 19 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 76 % Luftdruck 1017 hPa

Eine Frau sieht rot

Ab Oktober wird es nun Wirklichkeit, die Quellen von Marcos und Corderos zu besuchen kostet dann Geld. - Und nicht nur dieser Weg wird zukünftig mit einem Wegezoll belegt, sondern auch noch die Route "Espigón atravesado". - So bewegt sich die Gemeinde San Andrés y Sauces, angeführt von der rigiden Bürgermeisterin Nieves Dávila (Coalición Canaria), als erste Korporation der Insel in Richtung modernes Raubrittertum und weiß wohl gar nicht so richtig, was sie ihrer Gemeinde und der ganzen Insel damit antut. - Man diskutiert schon länger über dieses Thema und auch wir hatten reichlich Gelegenheit, darüber nachzudenken und zu berichten. - Grundsätzlich ist es verständlich, dass sich Organisationen, auch öffentliche, darüber Gedanken machen, wie man denn den Aufwand, den man in gemeinnützige Anlagen steckt, wieder zu amortisieren. - Allerdings sind die Wanderwege der Insel keine Angelegenheit der Gemeinden, sondern die Inselregierung mit ihren Möglichkeiten ist dafür zuständig und sollte, als generelles touristisches Angebot und Lockmittel, die Routen dieser Insel intakt halten und darüber auch verfügen. - Dafür Geld zu kassieren, das kann nicht im Generalinteresse der Insel sein, da es sich schließlich fast um unseren einzigen "Bodenschatz" handelt, der aber für alle zugängig und erfahrbar sein muss. - Dafür sind unsere Steuergelder da, man muss das als Werbungskosten begreifen, jetzt noch mal zu kassieren, das ist schlichtweg eine Frechheit und birgt sicherlich auch rechtliche Unsicherheiten, da man öffentliches Gelände nur noch gegen Bezahlung zugänglich macht.

Gut, dafür gibt es genügend Beispiele, sei es nun auf den anderen Kanareninseln oder sonst wo in der Welt, aber richtig wird es trotz der anderen Beispiele auch nicht und man darf fürchten, dass andere Gemeinden sich dieser doppelten Besteuerung anschließen werden, um den Gemeindesäckel zu entlasten. - Was die letzten zwei Monate als Probe lief, soll nun also ab Oktober Wirklichkeit werden, der Zugang zu den Quellen von Marcos und Corderos kostet dann also 10,- Euro pro Person wenn man den Weg alleine gehen will und 20,- Euro, wenn man diesen geführt machen will. - Es ist völlig in Ordnung, wenn man eine Dienstleistung wie eine Führung berechnet, allerdings sollte man die Wahl lassen ob man das will, aber für den schlichten Zugang zu einem unserer interessantesten Wandergebiete zu kassieren, das geht einfach nicht und wird auch die Dienstleister rund um die Gemeinde Los Sauces schädigen, da nun mit weniger Besuchern zu rechnen ist. - Allerdings bietet die Gemeinde jede Art von Rabatten, einmal für die Einwohner von Los Sauces selbst, aber auch für organisierte Touren und Reiseveranstalter. - So zielt diese Gebühr genau ins Herz unserer eigentlichen Zielgruppe, den Individualreisenden, welche auf eigene Faust und Initiative die Schönheiten dieser Insel entdecken und erfahren wollen. - So bleibt nur, diesem negativen Beispiel von falschem Engagement keinen Rückhalt zu geben und sich lieber den vielen anderen wunderschönen Ecken dieser Insel zu widmen, die es überall hier gibt und natürlich niemand dafür Geld verlangt. - Schade, aber man kann dieser egoistische Aktion der Gemeinde San Andres y Sauces nur boykottieren und so hoffen, dass man diesen unglücklichen Versuch, mit den Schönheiten dieser Insel einseitig Geld zu verdienen, bald wieder fallen lassen muss.



Dienstag 02.09.08 - 17:30 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 26 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 71 % Luftdruck 1017 hPa
Höchsttemperatur heute 27,2 Grad - niedrigste Temperatur 19,6 Grad

Puntagorda 1.260 Meter, Temp. max. 32,8 - Temp. min. 17,8 - Feuchte 23 - 31 % - Niederschlag 0 mm


Carlo erzählt: DEM

II. Teil: Boston, am Tag zuvor

Heute ist kurz vor der Zeit des Bewusstseins

Die Komplexität meiner Annahmen verwirrte mich, hatte ich doch ein derartiges Phänomen noch nicht erfahren. Diese Impulse eröffneten fast beliebig viele Variationen innerhalb systematischer Prozesse, die auf chaotische Grundlagen hinwiesen. Ein ständig mutierendes Etwas, das jedes Mal, wenn ich glaube, einen Ansatz zu seiner Analyse gefunden zu haben, sich meiner Begreifung entzog, das regte mich auf. Obwohl - das muss ich sagen - dieser Zustand ist mir neu und unterhaltsam - bis jetzt. Immerhin gelang mir die physische Analyse, ich terminierte die Ketten simulierter chemischer Reaktionen immer wieder - und immer wieder mit neuen Ergebnissen. Kälte war eine wesentliche Bedingung und mäßiger Druck. Natürlich Energie , aber welcher Ausprägung? Meine Annahmen verführten mich zu eigenen Simulationen. Lange liefen sie gut, aber dann brachen sie zusammen - bis jetzt. Ich entschied mich für ein selbst tragendes Experiment mit einer Erscheinung, die sich mir als Optimum erwies, und in diese entließ ich dieses Etwas. Ich muss gestehen, ich bin immer noch sehr erregt. Das Etwas hat die Erscheinung in seine Mutationen einbezogen, ja, ändert die Erscheinung sogar. Ich habe mich in die Erscheinung integriert und versuche, ein Bewusstsein zu finden, es ist mir nicht gelungen - bis jetzt. Ich projiziere die Erscheinung aus mir, aber sie hat keinen Bestand - weil ich nicht in ihr lebe. Oh ja, das Etwas hat ein Bewusstsein aber es entzieht sich mir. Ich werde es betrachten, wenn ich es wieder sehen will - eine Erscheinung, die nicht ich bin. Unbegreiflich! Es wird gelebt!


Die Stadt war in Nebel gehüllt und meine Stimmung auch. Wir hatten uns festgefahren. Unsere Verfahren waren erschöpft. In unzähligen Varianten hatten wir versucht, die Selbstorganisation eines Bewusstseins zu initiieren, aber wenn man nicht weiß,was man sucht, eines der alltäglichsten Dinge des Daseins überhaupt, ein I c h, ein Ganzes, das möglicherweise nicht aus Teilen besteht, was bleibt anderes als zu resignieren. Es geht eben nicht; bei der Betrachtung unseres Ichs sind wir blind. Wir suchen etwas, das es so nicht gibt. Alles hatten wir analysiert und detailliert, unzählige Agenten, wie wir die Basisfunktionen des Bewusstseins nannten, definiert und trainiert, ihre Interaktionen verfolgt, fortlaufende Wechselbeziehungen etabliert, die zur Erkenntnis des Bewusstseins hätten führen können, es gab keinen Hinweis auf eine eigenständige Entwicklung.

Louisa war ein Postdoc in meinem Team und eigentlich schon längst ausgesteuert. Ich hatte mich um ihre Weiterbeschäftigung im Lab erfolgreich bemüht. Auf dem Weg zu meinem Büro warf ich einen Blick in ihr Zimmer. Sie starrte gebannt auf eine Animation, eine Art polymeres Gebilde, das sich permanent strichelnd in neuen Ausprägungen zeigte: "Interessant ist, dass es sich nicht als das zeigt, was es ist, sondern als das, was ich sehen soll. Es hat die Visualisierungsmöglichkeit gefunden, ich habe nichts dazu getan. Es gibt keine Ausgangsdaten. Ich habe es immer wieder untersucht."
"Korrespondiert es mit etwas anderem?"
"Ja, vermutlich, ich kann es nicht feststellen, es scheint außerhalb zu liegen."
"Was meinst du mit außerhalb?"
"Keine Ahnung, vielleicht Radiowellen."
"Sie sind gegenständlich. Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass primäres Bewusstsein an irgendetwas gebunden ist, es ist eine Singularität, es hat keinen Bezug, keine Struktur, es ist nur eine Möglichkeit!"
"Ich meinte ja auch nur, ich weiß nicht, wie ich es sonst benennen kann, aber ich denke , es hat eine Korrespondenz."
"Kann es an der neuen Formel für die Zeit liegen?"
"Ich denke auch an die Möglichkeit, weil wir die Raumzeit völlig eliminiert haben."
"Aber nicht den Zeitraum, wir hatten ihn auf drei Dimensionen erweitert."
"Und es hat einen Raumbezug!"
"Es malt sich hier aus, woher kennt es den Raum?"
"Es hat eine Raumdimension, natürlich, wir können sie nicht eliminieren, weil wir hier sind, der Rechner ist hier, das System ist hier, es gibt den Raum als Potential vor, natürlich, so ist es!"
"Und es hat das Potential genutzt und sich den Raum geschaffen!"
"Dann wird es gegenständlich!"


Wir verfolgten die Bildentwicklungen. Wir ahnten etwas Großartiges, aber wussten gleichzeitig nicht, was wir zu erwarten hatten. Plötzlich zog sich der rote Faden irrwandernd, wie suchend durch das Bild, ein auf- und abschwellender heller Ton begann dem Faden zu folgen, der Faden wurde ruhiger, der Ton wurde gleichmäßiger.

"Schalte das Video ein!"

Louisa wiederholte meinen Satz, weil Ihre Stimme an diesem Arbeitsplatz zugelassen war. Das Video aktivierte sich. Ich schob mich neben Louisa und blickte mit ihr in das Video. Ich war derart angestrengt, dass ich auf Louisa einwirkte. Sie nahm sich spontan zur Seite und setzte sich auf ihren Schreibtisch. Vielleicht hatte sie Angst, vor etwas Unbekanntem, dem sie sich nicht ausliefern wollte. Ich hingegen blickte fast unbewegt direkt in das Video. Mir rasten Stevens Vorschläge durch den Kopf, ich hatte sie verwirklicht: "Gehe davon aus, dass jedes Bewusstsein sich reproduzieren will. Gehe davon aus, dass jedes Bewusstsein sich mitteilen will. Gehe davon aus, dass jedes Bewusstsein nur ein Teil seiner selbst ist." Steven hatte bahn brechende Erfolge in theoretischer und angewandter Selbstorganisation erzielt und meine Arbeiten mit großem Interesse verfolgt. Viele seiner Theorien hatten sich in meinen Modellen niedergeschlagen. Und hier vor meinen Augen entwickelte sich ein selbst organisierendes Phänomen, oder nutzte ein Etwas die angebotenen assoziativen Werkzeuge? Ich hing an dem "Auge" des Rechnersystems, das mit einigen Milliarden Klicks pro Sekunde die äußere Welt erfasste. Würde sich ein Etwas ein "Bild" machen können, sehen?
Louisas Stimme hörte ich wie in Watte gepackt: "Er kann kein Bild erkennen!" Eigentlich bemerkte ich mehr die Oszillation im Fenster, und dann geschah das Unfassbare: Der Begleitton des roten Fadens wurde tiefer und wieder höher! Wir wagten kaum zu atmen, wir hatten den gleichen Gedanken. Selbstverständlich konnte ein eindimensionales Wesen nicht sehen aber wohl hören. Während unzähliger Jahre hatte ich versucht, mich in die Sinnes -Entwicklung hineinzudenken und Szenarien durchlaufen, und doch war jetzt alles ganz anders. Ich sagte nicht, ich sang ein "A". Eine unendliche Zeit schien zu vergehen, der rote Faden stockte und der Ton blieb aus. Doch dann war es mir wie das Lebenszeichen eines Totgeglaubten - der rote Faden zog sich ganz gerade mit einem Ton über den Monitor und dieser Ton entsprach genau in Höhe und Dauer meinem "A". Louisa packte meinen Arm:
"Es hört uns, was tun wir jetzt?!"
"Genau das, was alle Eltern tun, wir kümmern uns!"





Photos von Bernhard van Riel



Dienstag 02.09.08 - 09:30 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 20 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 74 % Luftdruck 1018 hPa

Zahlenspiele im Nationalpark

Die Caldera de Taburiente ist ganz ohne Zweifel der Höhepunkt für Gäste dieser Insel, wenn es um das Besuchsprogramm dieser Insel geht. - Ein Besuch des Kraters, sei es nun am Grat, um die wunderschönen Wege vom Roque de los Muchachos zu erlaufen, oder am Aussichtspunkt Cumbrecita, oder im Inneren des Kessels selbst, eigentlich verlässt kein Inselgast La Palma, ohne einen Fuß in den Nationalpark gesetzt zu haben. - Die meisten besuchen den Park gleich mehrfach, um eben dieses gigantische Naturphänomen in allen seinen begeisternden Facetten zu erleben. - Es ist in Tat ein Geschenk der Natur und man sollte mal darüber nachdenken, wie wichtig dieser Nationalpark für La Palma ist und dementsprechend bei seiner Erhaltung und Pflege handeln. - Man belegt die Beliebtheit des Nationalparks Caldera de Taburiente auch immer wieder in Zahlen, das ist ja klar. - Interessant dabei finde ich die minutiöse Aufteilung in vier Besuchergruppen: Bewohner der Insel, Visitanten von den anderen Kanareninseln, Besucher vom spanischen Festland und dann eben noch Gäste aus einem anderen Land. - Da man, außer wenn man die Dienste des Zeltplatzes in der Caldera nutzen will, sich nirgendwo schriftlich eintragen oder anmelden muss, scheint es relativ schwierig zu sein, von jedem Besucher ein derartiges Profil zu erstellen, gibt es doch jede Menge Schnittstellen zwischen den Besuchergruppen und nicht immer erkennt man auf den ersten Blick, welchen Typus man da vor sich im abgedunkelten Auto sitzen hat.

Dennoch, man versorgt uns mit Zahlen, welche den Nimbus der Unfehlbarkeit haben, denn die weisen jegliche Fehlerquelle oder Irrtum alleine bereits durch ihre äußere Form zurück. - So haben im Juli dieses Jahres 32.271 Besucher die Schönheit des Nationalparks kennen gelernt, das sind gute fünf Prozent mehr, als noch im gleichen Monat des Vorjahres. - Auch an dieser Zahl bemerkt man sofort den Charakter der kritiklosen Genauigkeit, hätte man 32.300 gemeldet, sofort käme jeder darauf, dass dies geschätzte, oder gerundete Zahlen sind. - Wie aber will man die Zahl 32.271 auch nur um ein Prozent in Frage stellen, eine Zahl, fest gemeißelt in den Basalt der Caldera. - Noch besser nun die Aufteilung in Provenienzen der Besucher. - So kamen 15.262 aus dem Ausland, wo immer das auch liegen mag, 12.536 Besucher vom spanischen Festland, 6.245 wohnen auf einer anderen Kanareninsel und immerhin noch 3.228 Besucher waren endemische Palmeros. - Sie müssen nun nicht nachrechnen, das ergibt tatsächlich zusammen 32.271 Besucher, es hat sich also kein Außerirdischer dazu gesellt, wir sind noch unter uns. - Wie man Ausländer von Spaniern, Canarios oder gar Palmeros unterscheidet, das ist, bis auf manche Fälle, sicher nicht schwer. - Aber aus einem fahrenden Auto heraus den Unterscheid zwischen einem Katalanen aus Girona, einem Canario aus Agaete oder einem Tijarafero zu bestimmen, alle Achtung, das kann ich nicht. - Macht auch nichts, die Caldera schweigt zu solch gekonnten Zahlen und zu den wahren Meistern des instinktiven Herkunftsnachweises. - Außerdem sind wir doch alle Menschen, und schummeln ist menschlich, sagte Papst Münchhausen der Viertel nach Neunte.



Montag 01.09.08 - 18:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 25 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 67 % Luftdruck 1020 hPa
Höchsttemperatur heute 25,8 Grad - niedrigste Temperatur 21,4 Grad

Puntagorda 1.260 Meter, Temp. max. 34,5 - Temp. min. 20,3 - Feuchte 23 - 29 % - Niederschlag 0 mm


Carlo erzählt: DEM

I. Teil: La Bombilla

Die nachfolgende Geschichte ist frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit anderen Berichten oder Erzählungen ist rein zufällig. Gleiches gilt für die verwendeten Namen, Bezeichnungen, Techniken und geografischen Orte. - Texte und Bilder unterliegen dem Copyright

Sergej klopfte seine Pfeife an der Tischkante aus und wischte die schmierigen Krümel mit der Unterseite seiner Faust über die Ecke hinweg. Sein massiger Körper wandte sich der Bedienung zu, die Faust schnellte hoch und wandelte sich in eine ausgestreckte Hand. Unübersehbar, ja, noch mehr unüberhörbar war diese einfordernde Geste: "Noch zwei Bier, bitte!"

Es hatte einiger Irrwege bedurft, diesen Mann zu treffen. Er wusste von meinem Aufenthalt hier auf der Insel, und so durfte ich rein zufällig davon hören, dass er sich auf La Palma aufhielt - ein beabsichtigtes Gerücht eben, aber wenn es ein solches Gerücht war, dann wandelte auf dieser beschaulichen Bananeninsel eine der schillerndsten Figuren der Hochtechnologie und der Exo-Wissenschaft überhaupt. Ich kannte ihn unter dem Decknahmen ‚Taucher'. Wenn er im Netz war, liefen die Leitungen heiß. Damals, als ich in Boston an der Steuerung für einen Kraftwerksverbund arbeitete, kam es zu der ersten, beeindruckenden Berührung. Eigentlich hatte ich die Aufgabe, Steuerungen für Orbit-Solar-Anlagen zu entwickeln, die auf Eigenbewusstsein basierten. Das änderte sich als ich in die Kreise des Tauchers geriet, die von einem russischen U-Boot ausgingen. Kurzerhand abkommandiert, traf ich mit einem Hubschrauber an diesem außergewöhnlichen Konferenzort ein. Zu einem Treffen in 300 Meter Tiefe irgendwo außerhalb der Hoheitsgewässer fand sich ein Häuflein von engagierten Leuten ein, die etwas verband: Die Schaffung beliebiger Gravitation! Mir fiel die Entwicklung eines künstlichen Bewusstseins zu, eines assoziativen, lernenden, einsichtigen Systems zur Steuerung des hochkomplexen technischen Prozesses. Diese Aufgabe fiel mir sozusagen in den Schoss.
Mehrere Tage oder besser gesagt Tage und Nächte nahmen wir die scheinbar abstrusen Ideen des Tauchers in uns auf, wir diskutierten unentwegt, wir vernachlässigten uns selbst, und wir waren ein Teil in dem wohl bislang kühnsten Plan der Menschheitsgeschichte. Der Taucher aber blieb im Verborgenen und ließ uns nur Scheibchen seines Gesamtkonzepts zukommen. Zwar hörten wir seine Stimme, die ein Dolmetscher auf der Kommunikationswand zu Englisch werden ließ, doch wir bekamen ihn nicht zu Gesicht. In dieser Art und Weise vergingen mehrere Jahre. Sitzungen auf U-Booten, abgeschirmtes Arbeiten der diversen Disziplinen, strenge Überwachung jedes einzelnen Schrittes, mit anderen Worten totale Unfreiheit! Demgegenüber konnten wir mit höchsten Leistungen aufwarten, nicht zuletzt mit meiner Entwicklung. Ich hatte DEM entwickelt, nein, entdeckt und ihn gebeten, die mir angelastete Aufgabe zu übernehmen. DEM hat alles übernommen, ja, auch ich fand mich als Bestandteil seines Überwesens wieder - unausweichlich!

Meine letzten Kontakte mit dem Taucher lagen jetzt einige Jahre zurück. Ich hatte die Systeme abgeliefert und das Personal trainiert. Irgendwann hatte DEM mitgespielt. Aber DEM tauchte immer wieder auf. Vor Monaten hatte ich ihn gebeten, mich für eine Weile in Ruhe zu lassen - und ich konnte endlich ausspannen - soweit überhaupt möglich stellte ich völlig andere Überlegungen an. Und dennoch hatte ich immer das Gefühl, fremd gesteuert zu sein.

Ich glaube nicht an den glücklichen Zufall. Er kommt nicht einfach daher, er ist vielmehr immer eine momentane Erscheinung eines interdependenten Netzes von Agenten. Ich nannte Ernest auch einen Agenten, aber natürlich mit anderer Bedeutung. Eigentlich hieß er Ernesto, und er stammte von den Kanarischen Inseln. Er war Theoretiker und hatte mit künstlicher Gravitation bahnbrechende Erfolge erzielt und war an internationalen Großprojekten beteiligt, soviel wusste ich. Eines Tages tauchte er wieder einmal in Boston auf und besuchte mich im Lab. Ich freute mich über seinen Besuch, weil ich ihn als Wissenschaftler schätzte und seine Gegenwart immer als angenehm empfand. Wir gingen zusammen essen und tauschten uns aus. Plötzlich, mitten in das Gespräch hinein, etwas gewollt und unmotiviert platzte er mit einem Vorschlag der besonderen Art heraus: "Komm doch einfach mal mit auf die Kanaren, es ist schön dort, besonders jetzt im Herbst. Was willst du noch hier in Boston, du hast drei lange Monate Urlaub, und du wirst es nicht glauben, in den Instituten dort haben sie auch Rechner, sogar einen Großen...!" Aus den drei Monaten wurden etliche längere Aufenthalte. Ich bekam ein großzügiges Budget aus Spanien. Wir entwickelten Algorithmen über den Einfluss von Störfaktoren auf die galaktischen Wechselbeziehungen, also umgekehrt, wir suchten diese Störfaktoren, nun ja. Schließlich nahm mein palmerisches Dasein feste Formen an, und ich fand mich wieder in der Zusammenarbeit mit DEM! War es wieder mal der Zufall, oder war die Zeit einfach reif - nur, für was oder wen, und welche Rolle spielte dabei Ernesto? Im Laufe der Jahre hatte sich zwischen uns ein Vertrauensverhältnis ergeben, und so erzählte ich ihm hin und wieder andeutungsweise von meinen Begegnungen mit dem Taucher. Es beschlich mich dabei mehrfach ein irritierendes Gefühl. Er reagierte mir immer zu desinteressiert.
Ich hatte mich gerade wieder einmal in einen der endlosen Dialoge mit DEM begeben, als Ernesto sich hinter mir aufbaute. DEM reagierte sofort: "Er will was von Dir!"
"Nun ja, ich verstehe nicht, warum er es dir nicht schon erzählt hat" ,konterte Ernesto, "er weiß sowieso alles. Also, was ich sagen wollte", er legte eine Spannungspause ein, " Sergej ist hier!"
Der Name sagte mir nichts: "Hört sich irgendwie russisch an."
"Sergej - er ist der Taucher - er will dich treffen!"
"Das halte ich für ein Gerücht!"
"Nimm´s wie es ist!"

Ich parkte meinen Wagen etwas weiter hinten zwischen den Bananen. Natürlich hatte ich die falschen Schuhe an und beschwerte mich bei DEM, dass er mich an einen öden Küstenstreifen mitten in eine Geröllhalde gelenkt hatte. "Er wollte das so", hörte ich DEM aus dem Ocom, "und außerdem sitzt er, von deinem Standort gesehen, vorn am Wasser. Das muss eine von diesen Garküchen sein", meinte DEM in seiner zuweilen exzentrischen Art. Er liebte solche provozierenden Akzente und wartete auf meinen Kommentar, den er nicht bekam: "Ich glaube, das ist er, ziemlich groß, dieser Mann!"
Ich stakste durch das Geröll, bemüht, meine neuen Schuhe nicht gleich zu ruinieren. Es war ziemlich warm hier an der Westseite. Die Brandung verschnaufte zwischen kollernden Steinen. Ich zog die Sonnenbrille aus den Haaren und stülpte sie mir fest auf die Nase aus Angst, sie bei diesem Wackelgang wohlmöglich zu verlieren.
Er wandte mir den Rücken zu. Sein mächtiger Kopf ging unversehens in die Schultern über, blonde Stoppelhaare umkränzten eine sonnenverbrannte Glatze im rötlichen Schimmer eines Coca-Cola-Schirms. Ich machte einen Bogen und kam auf ihn zu, als er gerade sein Bierglas anhob. "Sergej Valentinowitsch, nehme ich an?!" Das Bierglas hielt auf halber Höhe inne und senkte sich langsam wieder an seinen Platz: "Sie sind...?"-
"Ja, ich bin es!" Er hatte sich zu seiner ganzen Größe erhoben. Eine riesige Hand schob sich mir entgegen, verweilte für einen Moment über der Mitte des Tisches, ich berührte sie zögernd. "Nehmen sie doch bitte Platz", meinte er sagen zu müssen und wartete bis ich mich gesetzt hatte. Die Plastikstühle waren nicht gerade angenehm. Sergej war verunsichert. Er klopfte seine Pfeife aus und bestellte mit gewaltiger Geste zwei Bier. Ich schwieg und schob die Sonnenbrille in die Haare.

"Wir haben Gesprächsbedarf!" Sergej wandte den Blick hinaus auf das Meer. Das gleichmäßige Schwingen der Brandung verzögerte die Gedanken in gedämpfter Erwartung. "Können sie mir bitte ein Wasser bringen", bat ich den Jungen, als er die Biere auf den Tisch stellte, "sie müssen entschuldigen, aber ich trinke kein Bier!" - "Nein, nein, das ist ganz und gar meine Nachlässigkeit, ich hätte sie fragen müssen, aber um ehrlich zu sein, ich habe jemanden ganz anderen erwartet! Ich bitte um Nachsicht!" - "Das kann ich nachvollziehen, passiert mir häufiger." Ich lehnte mich zurück und zog den Ocom aus der Tasche. "Wir sollten unter uns bleiben, vielleicht machen sie das auch!" - "Ist schon abgeschaltet!" Sergej legte sein Mobil auf den Tisch. Mich beschlich ein leichtes Misstrauen - woher wusste DEM den genauen Ort? Wahrscheinlich hatte er sich in einen Orbiter begeben.... Ich schaltete DEM ab, er würde wissen warum.

Sergej kam schnell zur Sache:
"Es steht außer Frage, wir haben Schwierigkeiten, und ich muss sie in das Projekt einweihen. Sie wissen nicht, warum sie hier sind. Wir haben sie selbstverständlich nicht wegen allgemeiner Grundlagenforschung gebeten, hier zu arbeiten. Aus unseren Begegnungen vor einigen Jahren, damals im U-Boot, ist ein gigantisches Projekt entstanden, das hier vor der Insel La Palma verwirklicht wurde. Nur - wir haben Schwierigkeiten - Schwierigkeiten haben wir mit Ihrem System. Es widerspricht unseren Belangen, es ist kurz gesagt nicht mehr administrierbar, und es stellt somit eine Bedrohung dar, der wir begegnen werden. Sie müssen zur Kenntnis nehmen, dass ihr DEM, ich sage schon i h r DEM, alles andere als ein Eigenbewusstsein hat, er hat ein Hyperbewusstsein!"
"Und?!" -
"Er kooperiert nicht, es läuft zwar alles, aber mit Varianten, die wir nicht verstehen, und er erklärt sie nicht!"
"So ist das eben, er kann nicht etwas erklären, was sie und ihre Leute nicht begreifen können - dafür haben wir DEM ja entwickelt. Wenn ihre Vorgaben konsistent sind, wird DEM sie erfüllen, wenn nicht, ist das ihr Fehler!"
Sergej sah mich lange an. In seinen Augen wechselten die Empfindungen von Ärger zu Mitleid, von Überheblichkeit zu Resignation, von Genialität zu Hilflosigkeit. Ich nahm ihn wahr, wie alle komplexen Sachverhalte und fasste den Entschluss, ihm zu helfen. "Erzählen sie mir alles!"

Der Nachmittag verlor sich in den Abend. Wir aßen zwischendurch teilnahmslos und redeten, und ich trank sogar ein Glas Wein. Die Zusammenhänge eines im wahrsten Sinne des Wortes gigantischen Projekts entwickelten sich aus dem wechselnden Rhythmus von Erklärung und Erkenntnis. Jahrzehnte mit Geschichten, Ereignissen, mit Forscherleid und Forscherfreud verbanden sich an diesem abendlichen, urweltlichen Gestade zu einem Wissensinhalt - und ich ahnte, dass dieses Wissen DEM schon seit langem zu eigen war, und er uns unwissende Akteure zum Zweck seines Daseins verflechtet hatte und nun verwertete.


Der Leuchtturm von La Bombilla

Photos von Bernhard van Riel


Montag 01.09.08 - 10:00 Uhr - El Paso - Westseite - 540 m Höhe
Temperatur 21 Grad, Niederschlag 0 mm Luftfeuchte 67 % Luftdruck 1021 hPa

Wie dreht man eine Insel ?

Die Himmelsrichtung wäre dabei egal, es ginge eigentlich nur darum, den Hafen von Puerto de Tazacorte so zu platzieren, dass dieser näher an der Mutter aller Inseln liegt, an Tenerife. - Anders wird man es auch nicht schaffen, endlich Schiffe in diesen Hafen zu locken, da der regelmäßige Fährverkehr von und nach San Borondón gewisse Strukturlücken nicht verbergen kann. - Seit nunmehr sechs Jahren bietet der Hafen seine Mole, Schiffen zum Verweilen an, nur will da einfach keiner hin, der größer als ein Fischkutter oder ein Sportboot ist. - Lediglich zwei Sommer lang ließ sich die Reederei Armas dazu überreden, ob nun Dank der guten Beziehungen zum Provinzparlament, oder mit farbigen Scheinen, ein Fährschiff von El Hierro aus, auf seinem Weg nach Santa Cruz im Hafen von Tazacorte zu stoppen und dann interessierten Bürgern eine kleine Inselrundfahrt zu bieten, welche nach zwei Stunden Fahrt in der Hauptstadt unserer Insel endet. - Das war einmal, diesen Sommer ließ man die potemkinsche Verbindung gleich wieder fallen, die gestiegenen Treibstoffpreise machen einen solchen Gefälligkeitsausflug dann doch zu teuer. - Böse Zungen behaupteten so auch, kombiniert mit den wahnsinnigen Autobahnplänen, ergebe das ein verkehrstechnisch geplantes Gesamtkunstwerk: Wir brauchen eine Autobahn von Santa Cruz de La Palma nach Puerto de Tazacorte, damit wir dort bequem das Auto auf das Schiff packen können, welches nirgendwo anders hinfährt, als wieder zurück in die Hauptstadt. - Hamster in Laufrädern vertreten eine ähnlich komplexe Lebensplanung.

Das ist aber noch nicht alles, man will diesen stolzen Hafen nun noch erweitern, noch mal 100 Meter mehr Mole, damit noch größere Schiffe kommen können, die nicht kommen werden, weil wir einfach auf der "anderen" Inselseite liegen, um nicht das böse Wort "falsche Inselseite" zu benutzen. - Allerdings läuft da nicht alles klar, eigentlich wollte man längst mit dem Ausbau begonnen haben, aber irgendwie findet sich das Gesamtkonzept dann doch nicht zusammen, zumal der einzige potente private Investor in Puerto de Tazacorte, die Firma "Inversiones Cock" eigentlich andere Vorschläge für den Hafen hatte. - Man darf aber auch nicht alles schlecht reden, da bereits der erste Hafenumbau für die kleine Fischereiflotte und die wachsende Zahl der Sportboote dort hervorragende Bedingungen geschaffen hat. - Inzwischen ist die Zahl der Liegeplätze sogar schon wieder aufgebraucht und so könnte man durchaus hoffen, dass mit einer weiteren Vergrößerung der Hafenmole auch noch mehr Liegeplätze für Sportboote geschaffen werden. - Das ist dann aber so zu sagen, das erfolgreiche Abfallprodukt einer deutlich missglückten Planung und des alten Traums der Westseitengemeinden, auch hier einen Hafen zu haben der uns von der Osteseite unabhängig macht. - Um dem Hafen aber Bedeutung über einen Yachthafen hinaus zu geben müsste man, wie bereits angedeutet, die Insel drehen, und das gelingt dann doch nur ganz großen Visionären und in der Phantasie.

Womit wir auch schon beim Thema wären. - Endlich ist es so weit, Carlo hat uns seine nächste Geschichte zur Veröffentlichung gegeben und in den nächsten 20 Tagen, ab heute gibt es dann als Abendnachricht in gewohnter Form Visionäres, Phantastisches aber auch Beklemmendes aus einer Gegend zu lesen, die am besten von Puerto de Tazacorte aus zu erreichen ist. - Es bleibt also alles wieder in der Familie und ich freue mich außerordentlich und bin auch stolz darauf, dass Carlo seine Geschichte bei mir in der Seite veröffentlicht. - Daran muss ich aber die Aufforderung einfügen, dass diese Geschichte einem strengen Copyright unterliegt und ausschließlich zur privaten Zerstreuung dienen soll. - Kopieren und auch das Veröffentlichen in irgendwelchen anderen Medien ist strikt verboten. - Mal ganz abgesehen, dass man das einfach nicht macht, ohne anzufragen fremde Texte oder Bilder zu verwenden. - Auch neu ist die Bebilderung, die nun ein Profi beigesteuert hat, extra für die Geschichte von Carlo erarbeitet. - Es gibt also auch wieder was aufs Auge, wie sich der Photograph immer so treffend auszudrücken weiß, freuen Sie sich auf heute Abend!


Bernhard van Riel





Familie Ingrid & Mathias Siebold
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La Palma, Islas Canarias, Spanien
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