Kai Stockrahm - Nachtschicht
Leitfaden zur nächtlichen Himmelsbeobachtung auf La Palma



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La Palma ist bei vielen Urlaubern als Kontinent in klein, als eine der steilsten Inseln der Welt, natürlich als Wanderparadies und als grünste der Kanarischen Inseln bekannt. La Palma hat aber noch eine Eigenschaft, die viele Menschen direkt erst einmal gar nicht wahrnehmen:

Auf La Palma wird es noch richtig dunkel.

Wenn man nachts auf der Insel unterwegs ist, merkt man sehr schnell, wie hell die Nächte in unseren dichtbesiedelten Gegenden geworden sind. Die Gründe für diese Lichtverschmutzung sind vielfältig: auch nachts hell erleuchtete Straßenzüge, Industrieanlagen, Werbung, Effektbeleuchtungen und vieles andere mehr. Der Blogger Astrodictum hat es in seinem Podcast sehr gut zusammengefasst: https://www.youtube.com/watch?v=vX5UAM2zNwA.

Auf La Palma ist das anders. Neben einigen offensichtlichen, wie der geringen Industrialisierung und der eher dünnen Besiedlung, (sieht man einmal von den Ballungszentren Los Llanos und Santa Cruz ab) liegt der Hauptgrund auf etwa 2000 Metern Höhe über NN. Hier etwas unterhalb des Roque de Los Muchachos drängeln sich mehr als 15 Sternwarten am Calderarand und beobachten den Nachthimmel. La Palma ist Sitz der europäischen Nordsternwarte und einer der weltweit besten Plätze zur Himmelsbeobachtung (die beiden anderen sind Mauna Kea auf Hawaii und La Silla in Chile). Zum einen hängt das mit der besonderen Orographie der Insel zusammen: Sie ist klein, dabei bezogen auf ihre Grundfläche sehr hoch und hat in ihrer Mitte einen Zentralkrater, die Caldera de Taburiente. Zusammen mit den Passatwinden sorgt dies für eine besonders staubfreie, trockene und turbulenzarme Luft auf dem Gipfel der Insel. Beste Voraussetzungen also für Observatorien. Dieses Potential haben Forscher schon früh erkannt und ab Mitte der 1980er-Jahre mit dem Bau von Sternwarten begonnen. Das Problem ist - wie überall auch - das Kunstlicht, das das Dunkel der Nacht zerstört. Hier kommt jetzt der zweite Punkt ins Spiel: La Palma hat ein weltweit einzigartiges Gesetz zum Schutz vor Lichtverschmutzung. So dürfen Straßenlaternen ihr Licht beispielsweise nur nach unten abstrahlen, Flutlichtanlagen müssen nach Mitternacht ausgeschaltet werden und starke Scheinwerfer, die in den Himmel leuchten, sind verboten.

Was sich jetzt nach einem Gesetz zum Schutz einer Forscherelite in ihrem Elfenbeinturm anhört, hat weitreichende Konsequenzen: Viele Menschen schlafen nachts auf La Palma besser. Oft schieben sie diese Erfahrung auf die Ruhe, die (meist zumindest) nachts auf der Insel herrscht, aber es hängt auch mit der 'echten' Dunkelheit zusammen. In dichtbesiedelten Bereichen herrscht nachts mittlerweile statt Dunkelheit eine Art Zwielicht, das nicht nur bei empfindlichen Menschen den Schlafrhythmus stören kann. Auch die Tier- und Pflanzenwelt profitiert von der Dunkelheit. Nicht zuletzt bieten La Palmas dunkle Nächte den Menschen einen Blick auf etwas, das man heute nur noch an wenigen Orten finden kann: einen unvergleichlich klaren Sternenhimmel.

Als in Los Angeles vor Jahren flächendeckend der Strom ausfiel, meldeten sich besorgte Bürger bei der Polizei und berichteten von einer Himmelserscheinung, einem Band, das sich quer über den Himmel zog: Sie hatten zum ersten Mal in ihrem Leben die Milchstraße gesehen.

Das geht einfacher als man glaubt: oft reichen schon wenige Kilometer außerhalb von Ortschaften, um den Sternenhimmel zu bewundern. Für alle, die sich etwas weitere Wege zutrauen, möchte ich zwei Orte vorstellen, die in einer klaren Nacht absolut lohnenswert sind:

1) Llano del Jable
Das Lavafeld liegt auf ca. 1200 Metern Höhe über NN an der LP-301 etwas unterhalb des Refugio El Pilar. Es lässt sich bequem mit dem Auto sowohl von der West- als auch von der Ostküste erreichen und bietet etliche Stellen, an denen man nachts Sterne beobachten kann. Im Winter sollte man auf jeden Fall warme Sachen tragen, eine Isomatte ist auch hilfreich, wenn man sich auf den Aschefeldern austrecken möchte.

2) Roque de Los Muchachos
Der höchste Punkt der Insel ist natürlich das Paradeziel für alle, die sich am palmerischen Sternenhimmel nicht satt sehen können - vom einfachen 'Stargazer' bis zum ambitionierten Amateurastronomen. Allerdings gelten hier nachts besondere Regeln und als nächtlicher Besucher steht man vor einer schwierigen Entscheidung: Stippvisite oder die ganze Nacht?

Variante 1: Der Kurzbesuch
Der Kurzbesuch lässt sich gut mit einer Tour von Ost nach West kombinieren: Angenommen, Sie wohnen auf der Ostseite und verbringen den Tag im Nordwesten. Dann planen Sie Ihre Rückfahrt in den Osten doch einmal so, dass Sie gegen Einbruch der Dunkelheit (im Winter etwa um 19.30 Uhr) auf dem Dach der Insel sind. Entlang der LP-4 bieten verschiedene Parkplätze beeindruckende Blicke über das nächtliche La Palma. Ganz wichtig: Fahren Sie nicht zum Roque, da diese Straße (die LP-403) durch eine Schranke nachts gesperrt wird.

Variante 2: Die Nachtschicht
Ganz Hartgesottene lassen sich nachts auf dem Roque de Los Muchachos einschließen. Im Winter wird die LP-403 ab 19 Uhr für den normalen Besucherverkehr gesperrt und gehört dann ganz dem technischen Team der Observatorien und den Wissenschaftlern. Erst zwölf Stunden später hat man als Besucher die Möglichkeit, den Berg wieder zu verlassen. Aber die Zeit dazwischen lohnt die durchwachte Nacht auf jeden Fall. Als Amateurastronom kann man sein Equipment bequem auf einem der Hubschrauberlandeplätze aufbauen. Die Landeplätze sind einigermaßen eben und werden nur für Rettungshubschrauber oder für hohen Besuch benutzt, also äußerst selten. Man stört hier niemanden und kann die ganze Nacht einen der besten Sternenhimmel der nördlichen Hemisphäre beobachten. Sie sollten aber zeitig vor Sonnenaufgang aufbrechen und zum Parkplatz am Roque fahren (oder laufen), da Sie sonst den Sonnenaufgang hinter dem Teide verpassen würden - und das ist auf fast 2500 Metern Höhe ein einmaliges Erlebnis!

Regeln
Der Roque de Los Muchachos ist ein ganz besonderer Ort - und gerade deswegen sind einige Regeln zu beachten. Am Roque wird harte Forschung betrieben, die Observatorien sind keineswegs nur Dekoration, sondern stehen wissenschaftlich den Observatorien auf dem Mauna Kea oder denen in La Silla in nichts nach. Nicht umsonst wurde das derzeit größte Spiegelteleskop der Welt auf La Palma gebaut. Beobachtungszeit an den Sternwarten ist heiß begehrt, und oft sind bestimmte Beobachtungen nur innerhalb eines schmalen Zeitfensters möglich. Teilweise müssen Forscher sogar regelrechte Bewerbungsverfahren durchlaufen, um hier arbeiten zu können. Unternehmen Sie daher nichts, was diese Forschungen beeinträchtigen könnte, und das bedeutet, unter allen Umständen künstliches Licht zu vermeiden:

Sollten Sie nachts mit dem Auto auf der LP-403 unterwegs sein, benutzen Sie kein Fernlicht! Abblendlicht reicht völlig, selbst bei geringem Mond kann man sogar komplett auf Licht verzichten. Ich selbst bin dort oben meistens zu Fuß unterwegs.
Benutzen Sie keine Laserpointer, um auf einen Stern zu zeigen.
Sollten Sie dort oben nachts fotografieren wollen, verwenden Sie auf gar keinen Fall einen Blitz (ganz wichtig!).
Verwenden Sie keine starken Taschenlampen, Stirnlampen sind in Ordnung.

Die MAGIC-Observatorien, die großen Parabolspiegel an der LP-403, sind extrem lichtempfindlich. Hier dürfen Sie nachts unter gar keinen Umständen mit Licht, auch nicht mit Abblend- oder Standlicht, fahren!

Denken Sie daran, dass Sie mit einer unbedachten Aktion unter Umständen ganze Messreihen zerstören und Forscher in ihrer Arbeit um Monate zurückwerfen können. Bisher sind nächtliche Besucher dort oben immer noch toleriert worden. Es wäre schade, wenn das IAC davon abrücken würde.

Zum Schluß noch einige Tipps für nächtliche Ausflüge:
Es ist immer hilfreich, die Gegend vor allem bei Tag zu kennen. Wenn Sie neu auf der Insel sind, geben Sie sich ein paar Tage, um sich an die Straßen zu gewöhnen. Der Verkehr nachts ist nicht der Rede wert, aber die Serpentinen halten immer einige Überraschungen bereit.
Gehen Sie nie alleine auf Tour. Falls es sich doch nicht vermeiden lässt, melden Sie sich an der Rezeption Ihres Hotels oder bei Ihrem Vermieter ab. Hinterlassen Sie in Ihrem Zimmer einen Zettel, auf dem Sie die Route, die Sie nachts laufen oder fahren möchten, kurz beschrieben haben. Und wichtig: Melden Sie sich, wenn Sie wohlbehalten wieder in Ihrem Quartier gelandet sind, Suchaktionen können sehr teuer werden. Sie werden nachts nur wenigen Menschen begegnen, wenn überhaupt. Seien Sie daher darauf vorbereitet, sich zur Not selbst helfen zu können. Im Grunde sollten Sie sich wie auf eine Wanderung vorbereiten, also feste Schuhe und strapazierfähige Kleidung tragen. Die Gefahr zu stolpern ist nachts natürlich deutlich größer, Stirnlampen (am besten zwischen Weiß- und Rotlicht umschaltbar) und eine starke Taschenlampe für Notfälle sind daher Pflicht. Wenn Sie einen schönen Platz gefunden haben, schalten Sie alle mitgebrachten Lampen aus - Sie werden erstaunt sein, was Ihre Augen nach einer gewissen Adaption zu leisten vermögen. Auch werden Sie merken, wie Ihre anderen Sinne, vor allem das Hörvermögen, plötzlich geschärft werden.

Vergessen Sie nicht, neben Verpflegung auf ausreichende Wasservorräte zu achten. Ein Sixpack sollte in keinem Auto fehlen. Besonders groß ist die Gefahr zu dehydrieren auf dem Roque: Die Luftfeuchtigkeit kann hier unter den meßbaren Bereich fallen, weniger als 10% sind keine Seltenheit.

Nützliche Links, allerdings ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

Seite mit Wetterinformationen des Nordic Optical Telescope (NOT). Optisch kein Leckerbissen, aber alle wesentlichen Infos auf einen Blick. Fotografen und Astronomen sollten vor allem die Aerosol-Dichte im Blick haben: Gut sind Werte weniger als 1 µg/m³, bei Calima kann der Staubanteil auch auf über 100 µg/m³ und mehr hochschnellen - Fotos wirken dann wie mit einem Weichzeichner aufgenommen.

Webcams am GTC. Interessant ist hier die All-Sky-Cam, die einen Eindruck von der aktuellen Wolkendichte vermittelt

Geführte Touren des IAC. Es ist möglich, zu bestimmten Terminen die Observatorien am Roque zu besuchen. Nähere Informationen finden Sie auf dieser Seite.

Astropalma. Sehr umfangreiche und informative Seite eines Astro-Tourismus-Anbieters auf La Palma. Einfach mal stöbern.

Kurzfilm (sechs Minuten) mit nächtlichen Zeitrafferaufnahmen. Ohne Worte. Einfach nur grandios!

Für Nutzer von iOS könnten die Apps Golden Hour (gibt auch die astronomische Dunkelheit an) und Moon Calendar interessant sein. Redshift ist eine sehr mächtige Astronomie-App, als Alternative bietet sich Starwalk an.

Eine Buchempfehlung noch: Sheila M. Crosby, A Breathtaking Window on the Universe, Dragon Tree. Hervorragender (und einziger) Führer zu fast allen Observatorien am Roque. Leider nur in Englisch, aber auch mit moderaten Kenntnissen der Sprache gut zu lesen.

Vielleicht ist Ihre Neugier ja jetzt geweckt, die Isla Bonita einmal zu einer anderen Tageszeit zu entdecken. Ich würde mich freuen und ich wünsche Ihnen viele neue und spannende Eindrücke bei Ihrer persönlichen ‘Nachtschicht auf La Palma’.







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